Arbeit: Aufgabe: Woran ist erkennbar, dass in dem Gedicht „Blauer Abend in Berlin“ von Oskar Loerke keine Einzelerfahrung, sondern ein Kollektiverlebnis, beschrieben wird?
Im Folgenden habe ich einige Gesichtspunkte zusammengestellt, die deutlich machen, warum man unbestritten sagen kann, dass „Blauer Abend in Berlin“ sich mit dem Menschen als Teil einer Masse beschäftigt.
In dem Gedicht „Blauer Abend in Berlin“ von Oskar Loerke wird ein sehr ungewöhnlicher Blickwinkel eingenommen. Das Geschehen wird aus weiter Distanz von oben wahrgenommen: „Der Himmel fließt in steinernen Kanälen...“(Z.1) Aus dieser Entfernung kann man Details nur grob erkennen. Individuelle Menschen sind kaum sichtbar.
Neben der Art der Betrachtung spricht auch der imaginäre Ort des Gedichtes für ein Kollektiverlebnis. Es wird nämlich eine Stadt betrachtet. Das ist durch Bezeichnungen wie „steinerne Kanäle“ (Z.1), „Straßen“ (Z.3) und „Kuppeln“ (Z.4) erkennbar. Dieses semantische Mittel wurde sicherlich gewählt, da der Einzelne in der Stadt leicht in der Menschenmasse untergeht. Denn bekanntlich sind große Städte, wie Berlin, trotz der vielen dort lebenden Menschen oft Orte der Anonymität, Isolation und Entfremdung.
Außerdem hat der Autor Oskar Loerke keine spezielle Stadt ausgewählt. Zwar lautet der Titel des Gedichtes „Blauer Abend in Berlin“, aber in den Strophen des Gedichtes werden weder der Name Berlin noch besondere Kennzeichen dieser Stadt, wie etwa die Berliner Mauer, der Landtag oder das Brandenburger Tor, erwähnt. Dieses macht dem Leser zusätzlich noch klar, dass nicht nur darauf verzichtet wird individuelle Menschen, sondern auch spezielle Städte zu betrachten.
Des weiteren sprechen die vielen Pluralformen der Nomen, die verwendet werden, für Kollektiverfahrungen. So fallen dem Leser bei genauerem Lesen beispielsweise die Pluralformen „Leben“ (Z.7), „Kuppeln“ (Z.4), „Straßen“ (Z.3), „Kanäle“ (Z.1), „Essensdämpfe“ (Z.5), „Wasserpflanzen“ (Z.6) sowie „Melodien“ (Z.9) auf. Hinzu kommen auch Infinitivformen wie „gleichen“ (Z.4), „schwelen“ (Z.5), „stauen“ (Z.7) und „erzählen“ (Z.8). Diese sprachlichen Elemente vermeiden es auf einzelne Personen einzugehen.
Besonders auffallend im Bezug auf die allgemeine Betrachtung der Menschen ist die Metapher „Die Menschen sind wie grober bunter Sand“ (Z.13). Schließlich besteht Sand aus unzähligen, kleinen, einzelnen Körnchen, die allein unbedeutend und unauffällig sind und erst in ihrer Gesamtheit von Bedeutung sind. Diese Metapher am Ende des Gedichtes zeigt noch einmal überdeutlich, dass Oskar Loerke mit dem Gedicht über die Gesamtheit der großstädtischen Menschen urteilt und ihm dabei der Einzelmensch so nichtig, schwach und klein wie ein Sandkörnchen erscheint.
Die Betrachtung der Menschen und „ihrer“ Zivilisation wird von Oskar Loerke vollkommen pauschalisiert gesehen. Diese Tatsache wird im Gedicht sowohl durch inhaltliche Elemente als auch doch sprachliche Mittel deutlich gemacht.
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