Anregung zu diesem Drama erhielt Georg Kaiser durch das Denkmal des Bildhauers Auguste Rodin, welches zur Erinnerung an die Belagerung von Calais auf dem Marktplatz vor dem Rathaus aufgestellt ist. Den geschichtlichen Hintergrund und Einzelheiten der Handlung entnahm er der Chronik des Dichters Froissart. Dieser hat als Zeitgenosse die Belagerung von Calais miterlebt und schriftlich festgehalten.
GESCHICHLICHE CHRONIK (Froissart 1337 - 1404)
Ausgang war der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich. Die Chronik beschreibt die Belagerung der französischen Stadt Calais durch den König Eduard III von England. Die Belagerung der Stadt dauerte ein volles Jahr, und die Bevölkerung kämpfte mit allen Mitteln gegen die Einnahme der Stadt. Als die Lebensmittelvorräte knapp wurden, bot der Bürgermeister Jehans de Viane die Übergabe der Stadt an, wenn Calais und seine Bürger dadurch gerettet wären. Darauf stellte der König von England folgende Bedingung, daß sich sechs der vornehmsten Bürger nur mit einem Hemd bekleidet, barhäuptig, den Strick um den Hals und die Schlüssel der Stadt und der Festung in der Hand sich ihm auszuliefern hatten, nur dann würde er Gnade über Calais walten lassen. Daraufhin versammelten sich alle Bürger und erfuhren von Jehans de Viane, welches Opfer zu bringen war. Die sechs reichsten und angesehensten Bürger meldeten sich für das Opfer und wurden den Forderungen entsprechend zum König von England gebracht. Dieser zum Äußersten entschlossen, wurde jedoch von seiner schwangeren Gemahlin um Gnade gebeten. Wider seinen Willen übergab er die sechs Bürger der Königin, und diese ließ sie frei.
GEORG KAISERS AUFBEREITUNG DES DRAMAS:
G. Kaiser wich von den historischen Tatsachen ab, indem er sich nicht mit der Thematik der Belagerung und deren Ausgang beschäftigt, sondern die Personen und Bürger und ihre Opferbereitschaft in den Mittelpunkt des Dramas stellte. Er nennt in seinem Drama sieben statt sechs Opferbereite, von denen nur vier namentlich genannt werden.
PERSONEN DES STÜCKES:
JEAN DE VIENNE Erster der Gewählten Bürger
DUGUESCLINS Hauptmann des Königs von Frankreich
EUSTACHE DE SAINT-PIERRE Gewählter Bürger
JEAN D’AIRE Gewählter Bürger
DER DRITTE Gewählter Bürger
DER VIERTE Gewählter Bürger
DER FÜNFTE Gewählter Bürger
JACQUES DE WISSANT Gewählter Bürger
PIERRE DE WISSANT Gewählter Bürger
GANG DER HANDLUNG:
1. Akt:
In der offenen Stadthalle von Calais versammeln sich alle gewählten Bürger der Stadt, unter ihnen Jean de Vienne, der erste der gewählten Bürger. Während alle auf eine Nachricht warten, daß der König von Frankreich gegen die Belagerer der Stadt vordringe, betritt ein englischer Offizier die Stadthalle.
Die Bürger erfahren, daß der König von Frankreich gefallen, das Heer vernichtet sei und der König von England vor den Toren Calais stehe, um die Stadt und ihren Hafen zu erobern. Nur wenn sie der Forderung des Königs von England nachgeben, werden Calais und seine Bürger vor der Vernichtung verschont. Er werde sonst die Stadt und den soeben erst vollendeten Hafen, das Werk der Bürger vernichten, wenn nicht mit dem Grauen des neuen Tages sechs der gewählten Bürger aus dem Tor aufbrechen- barhäuptig und unbeschuht- mit dem Kittel des armen Sünders bekleidet, den Strick im Nacken und den Schlüssel in der Hand, teilte ihnen der englische Offizier mit.
Während der Hauptmann der Stadt Duguesclins zum Kampf und zur Verteidigung durch das Schwert aufruft, rät der siebzigjährige Eustache de Saint-Pierre zur Annahme der Forderung und zur kampflosen Übergabe der Stadt nach den Bedingungen des Königs. Er erinnert die Bürger an ihr Lebenswerk, den neu errichteten Hafen, und wies sie auf die Vernichtung hin, die ihnen drohe, wenn sie sich nicht dafür opfern.
Eustache de Saint-Pierre meldet sich freiwillig als erster und erreicht, daß sich noch weitere sechs Bürger freiwillig melden. Da aber nur sechs vom König gefordert wurden, soll das Los entscheiden, welchen der sieben Freiwilligen das Leben geschenkt werden soll.
2. Akt:
Vor dem Stadtsaal treffen nacheinander die sieben opferbereiten Bürger ein. Zuerst schreiten Eustache de Saint-Pierre und der Bürgermeister Jean de Vienne in den Saal. Ein riesiger Bildteppich bildet die Kulisse, durch den die Freiwilligen schreiten. Jean de Vienne bittet Eustache de Saint-Pierre, baldigst die Entscheidung durch das Los zu treffen, da das restliche Volk unruhig vor dem Stadtsaal warte, und endlich Gewißheit haben will, welcher von den sieben mit dem Leben davon kommt.
Nach und nach treffen die Freiwilligen ein und nehmen vor dem Stadtsaal Abschied von ihren Angehörigen. Während des letzten Mahles, welches alle noch miteinander einnehmen, steigt die Spannung immer mehr. Endlich reicht Eustache de Saint-Pierre die Schüssel mit den Losen, blaue Kugeln, im Kreise. Jeder zieht aus der mit einem Tuch verdeckten Schüssel eine Kugel.
Doch alle Kugeln sind blau. Eustache de Saint-Pierre hat für jeden eine blaue Kugel vorbereitet, um die Opferbereitschaft eines jeden einzelnen zu erhöhen. Es kommt wieder zu keiner Entscheidung, wie von Jean de Vienne und dem wartendem Volk jedoch erwartet.
Die endgültige Entscheidung trifft Eustache de Saint-Pierre und sagt: „ Wir wollen uns ruhen bis an den Morgen- mit der ersten Glocke soll jeder von seinem Haus aufbrechen- wer zuletzt in der Mitte des Marktes ankommt- ist los! ( freigesprochen )
3. Akt:
Am Marktplatz von Calais warten die Bürger angespannt auf das Eintreffen der Operbereiten. Nach und nach trifft einer nach dem anderen in den frühen Morgenstunden ein. Die Unruhe steigt als Eustache de Saint-Pierre noch immer nicht da ist. Zuletzt treffen die beiden Brüder Jacques und Pierre de Wissant ein. Nur Eustache de Saint-Pierre fehlt noch.
Die anwesenden Bürger, unter ihnen auch Jean de Vienne, werden immer unruhiger und bezichtigen Eustache des Verrats und des Betrugs. Sie wollen ihn holen und auf offenem Marktplatz schänden
Doch da trifft der greise Vater des Eustache, eine Bahre begleitend, auf dem Marktplatz ein. Eustache de Saint-Pierre liegt tot darauf. Er hat sich in der vorangegangenen Nacht das Leben genommen, um den anderen sechs Freiwilligen die Entscheidung zu nehmen. Er wollte einem siebenten die Qual des Weiterlebens und das Wissen, die anderen zu opfern, ersparen und entschied sich, durch seinen freiwilligen Tod ihnen vorauszugehen.
Nun war es entschieden, sie waren nur mehr sechs, und ihr Opfer klar und rein.
In diesen frühen Morgenstunden brechen die sechs auf, so wie der König es gefordert hatte.
Plötzlich nähert sich der englische Offizier mit folgender Botschaft: Dem König von England wurde in der Nacht ein Sohn geboren und aus Dankbarkeit darüber, will er kein weiteres Leben vernichten. Calais und sein Hafen sind ohne Buße vor der Zerstörung gerettet.
Unzerstört wird die Stadt dem König übergeben, doch der tote Eustache de Saint-Pierre wird in der Kirche auf höchster Stufe aufgebahrt, damit auch der König vor diesem Opfer niederkniet.
DEUTUNG:
G. Kaiser wollte kein historisches Drama nach Froissarts Schilderungen erschaffen. Er nahm Motive aus der Geschichte als Grundlage für sein Drama, in dem es um die Verkörperung des „neuen Menschen“ geht. Nicht die Tragödie der Übergabe der Stadt steht im Vordergrund des Stückes, sondern die Opferbereitschaft der einzelnen Personen. Georg Kaiser versucht einen neuen Menschen zu charakterisieren, einen, der seine Opferbereitschaft zeigt zum Wohle der Gemeinschaft, einen der sich gegen Waffengewalt stellt und für die Erhaltung des Friedens um jeden Preis geradesteht, auch wenn es das eigene Leben kostet.
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