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Titel:

Der Club der toten Dichter


  Note: 1,0   Klasse: 10









Arbeit: Materialien und Vorschläge für eine Unterrichtseinheit über den Film "Der Club der toten Dichter" in den Klassen 9 und 10.

in: Materialbrief RU 3/91, Deutscher Katecheten-Verein, S. 1 - 15

Da der Film existentielle Themen wie Selbstfindung, Sinnfrage, Leben und Tod, erfülltes und verfehltes Leben aufgreift, stellt Bosold Materialien für den Einsatz des Filmes im Religionsunterricht bereit. Einige seiner Ideen lassen sich jedoch gut auf den Englischunterricht übertragen.

MATERIALBRIEF 3/91 RU
Bausteine für den Religionsunterricht (5. - 10. Klasse)
Beiheft zu den Katechetischen Blättern


Aus dem Inhalt
1. Vorüberlegungen
2. Zum Film "Der Club der toten Dichter"
3. Arbeitsmöglichkeiten mit dem Film im RU
4. Methodische Hinweise und Erläuterungen zu den Materialien
5. Materialien für den Unterricht
M 1: Das Korsett des Erfolgs
M 2: Leben, nicht Dörrobst
M 3: Carpe diem! - Nutze den Tag!
M 4: Der Panzer der Angst
M 5: Die Zauberkraft der Poesie
M 6: Nachtfrost
M 7: Ewiges Leben, Unsterblichkeit?
6. Literaturverzeichnis


1. Vorüberlegungen
Religionsunterricht ist der Versuch eines ernsthaften Gesprächs über den christlichen Glauben. Gefährdet ist dieses Gespräch nach meiner Erfahrung von drei Seiten her.
1. Da ist zum einen die konsumistische Grundhaltung unserer Gesellschaft: Mir fehlt nichts, ich glaube nichts.
Die Bereitschaft zum gründlicheren Nachdenken fängt erst dort an, wo ich mich wundere oder wo mir etwas (schmerzlich) fehlt. Wo beides nicht der Fall ist, haben es ernsthafte Gespräche schwer.
2. Da ist zum anderen die Verharmlosung der christlichen Botschaft durch ihre Verkünder. Die Rede von "Gott", "Gnade", "Kreuz und Auferstehung" ist vielfach zum moralisierenden: "Wir wollen alle ganz, ganz lieb sein!" verkommen.
Gott: Da wird nichts mehr spürbar vom nächtlichen Ringen Jakobs, vom verzweifelten Gebet Jesu in Getsemani, vom Erschrecken der Frauen am Ostermorgen. Das ist alles so glatt, so lieb gemeint, so harmlos. Kurz: Kitsch, d. h. eine Botschaft, die für den einzelnen mit dem Leben, das er tatsächlich erlebt, kaum etwas zu tun hat und die den erfahrenen und gesehenen Abgründen, Rissen und Sprüngen nicht standzuhalten vermag.
3. Verschwiegen werden soll schließlich nicht die spirituelle Austrocknung vieler Religionslehrer, die sich von der täglichen Sisyphusarbeit ausgelaugt fühlen und für die es noch zu wenige offene und befreiende Angebote des gedanklichen Austausches und der spirituellen Vertiefung gibt.
Das Weitertragen sachtheologisch "richtiger" Aussagen reicht nicht. "Vermittlung" des Glaubens kann nur geschehen, wo, weil der Religionslehrer (sie oder er) selbst ein suchender Mensch ist, ein lebendiges Gespräch in Gang kommt.
Anlaß für solch ein Gespräch kann der Film "Der Club der toten Dichter" von Peter Weir sein (Touchstone 1990, mittlerweile auch als Videokassette vorliegend).
Der Film greift existentielle Themen auf, die auch für den Religionsunterricht interessant sind: Selbstfindung, Sinnfrage, Leben und Tod, erfülltes und verfehltes Leben.
Weil eine sehr genaue Nacherzählung der Filmhandlung als preiswertes Taschenbuch vorliegt (N. H. Kleinbaum, Der Club der toten Dichter. Roman, Bastei/Lübbe, 1. - 5. Auflage 1990, 158 S., 7,80 DM) ist es möglich, den Film nicht nur zu konsumieren. Ein vertiefendes Gespräch ist dank dieser Textgrundlage gut möglich.
Mag dieser Kultfilm auch nicht ganz frei von Pathos sein, und mag auch der Romantext sprachlich nicht immer zu überzeugen: Dieser Film ist es wert, nicht sofort vergessen zu werden. Schließlich gibt es zwischen seiner Maxime: "Carpe diem - Nutze den Tag ... um nicht an meinem Todestage innezuwerden, daß ich nie gelebt hatte" und zentralen Aussagen der Reich-Gottes-Botschaft Jesu von Nazareth interessante Parallelen und eine fruchtbare Spannung.


2. Zum Film "Der Club der toten Dichter"
Ort der Handlung ist die Internatsschule Welton "tief in den Bergen Vermonts". Hierher schicken betuchte Amerikaner ihre Sprößlinge, um sie für ein Studium an einer Eliteuniversität trimmen zu lassen. "Tradition", "Ehre", "Disziplin", "Leistung": Das sind die Säulen dieser Schule.
Wir haben das Jahr 1958. Das Schuljahr beginnt wie üblich. Nur ein neuer Englischlehrer ist da, Mr. Keating, vor Jahren selbst ein erfolgreicher Absolvent der Welton-Akademie.
Und Mr. Keatings Englischunterricht ist ungewöhnlich. Die 16-17jährigen Jungen seiner Schule sind zunächst verwundert und amüsiert, doch schon bald fasziniert. Hier fordert einer nicht Anpassung, Unterwerfung, Auswendiglernen, sondern Selbstdenken, Mut, eine eigene Meinung zu haben und sie auch zu vertreten.
Nur wer den Mut hat, eigene Erfahrungen zu machen und sich zu fragen: Was kann ich? Was will ich wirklich? kann eine Persönlichkeit, ein reifer Mensch werden.
Die Jungen haben ein persönliches Interesse an Keating. In einem alten Jahrbuch finden sie einen Hinweis darauf, daß er zu seiner Welton-Zeit Mitglied im "Club der toten Dichter" war. Der Club hielt geheime Treffen in einer Höhle ab, wo bei Feuer und Kerzenschein allerlei Texte, Gedichte, Selbstgeschriebenes und Zitiertes, vorgelesen wurde. Wichtig ist der Eröffnungsspruch der Sitzungen, ein Zitat des Dichters Henry David Thoreau:
"Ich ging in die Wälder, weil ich bewußt leben wollte ... Ich wollte das Dasein auskosten. Ich wollte das Mark des Lebens einsaugen! Und um alles fortzuwerfen, das kein Leben barg, um nicht an meinem Todestag innezuwerden, daß ich nie gelebt hatte." (a.a.O., 55)
"Carpe diem! Nutze den Tag! Macht etwas Ungewöhnliches aus eurem Leben!"
Das hatte ihnen zuvor schon Keating beigebracht: "Nutze den Tag ... Weil wir Frühjahr, Sommer und Herbst nur in begrenzter Anzahl erleben werden. Es ist kaum zu glauben, aber eines Tages wird jeder einzelne von uns aufhören zu atmen, wird erkalten und sterben!" (a.a.O., 29)
Unter dem Einfluß von Keating ändern sich die Jungen. Drei von ihnen treten dabei besonders hervor.
Todd Anderson; er überwindet seine Minderwertigkeitskomplexe und lernt es, offen über seine Gedanken und Gefühle zu sprechen. Am Schluß der Geschichte beweist er gegenüber seinen Eltern, die sich nie um ihn gekümmert haben, und gegenüber Nolan, dem Direktor, erstaunlichen Mut. Er ist eine Persönlichkeit geworden.
Knox Overstreet; er schwärmt nicht nur still in sich hinein, sondern gewinnt den Mut, Chris, einem Mädchen aus der benachbarten Kleinstadt, seine Liebe zu gestehen, und er kämpft um sie.
Schließlich Neil Perry; er entschließt sich, trotz des Verbotes durch seinen überstrengen Vater, Theater zu spielen. Bei einer Schulaufführung übernimmt er die Rolle des Puck in Shakespeares "Sommernachtstraum".
In Neils Fall allerdings endet die Geschichte tödlich. Zwar ist sein Wunsch, Theater zu spielen, authentisch, und Keating drängt ihn dazu, offen mit seinem Vater zu sprechen, doch zwischen Vater und Sohn ist kein Gespräch möglich. So setzt sich Neil heimlich über das väterliche Verbot hinweg. Er spielt die Rolle des Puck mit glänzendem Erfolg. Doch auch das überzeugt den Vater nicht. Er nimmt seinen Sohn von der Schule, will ihn auf eine Kadettenanstalt geben. Neil, in die Ecke gedrängt, sieht keinen Ausweg und erschießt sich mit dem Revolver des Vaters.
Obwohl Keating keine Schuld trifft - er drängt Neil nicht zum Theater, er riet zu Offenheit und Ehrlichkeit gegenüber dem Vater - muß er die Schule verlassen. Man braucht einen Sündenbock, denn der Selbstmord eines hoffnungsvollen Schülers ist ein Skandal für das Elite-Internat.
Man denkt an Sokrates. Dem war noch der Schierlingsbecher beschieden.
Neben schönen Bildern: Landschaften, Stimmungen der Jahreszeiten, Gesichter in Großaufnahme, bietet der Film eindrucksvolle Szenen:
- Keating läßt zu Beginn einer seiner ersten Englischstunden in der neuen Klasse die
Lyrik-Sammlung aufschlagen. Sie lesen die Einleitung "Vom Verständnis der
Dichtkunst", eine langweilige Regelpoetik im Gewande hochtrabender
Wissenschaftlichkeit. Keating weist die Schüler erst ruhig, dann zunehmend
leidenschaftlich an, diese Einleitung aus dem Buch herauszureißen und in den
Papierkorb zu werfen.
- Todd Andersons Geburtstag: Zum zweitenmal hintereinander hat er von seinen
schusseligen Eltern das gleiche teure Schreibset als Geschenk erhalten. Neil Perry
trifft ihn in trübsinniger Stimmung an und verwandelt die Situation in ein Fest
ironischen Übermutes.
- Neil Perry, den wir bereits als souveränen und sympathischen jungen Mann
kennengelernt haben, wird von seinem Vater brüsk und ohne Ansatz für ein Gespräch
in den Senkel gestellt: Nein, du wirst nicht spielen! Keine Widerrede! Ich will nur dein
Bestes!
- Am Schluß kommt es durch die Initiative des still-schüchternen Todd Anderson zu einer
bewegenden Abschiedsgeste gegenüber Keating. Alle Schüler seiner Klasse steigen
gegen die Anweisungen des tobenden Nolan, der mittlerweile Keatings
Englischunterricht übernommen hat, auf ihre Pulte und grüßen auf diese Weise
Keating, der sie gelehrt hatte, die Welt aus einer neuen, eigenen Perspektive
wahrzunehmen.


3. Arbeitsmöglichkeiten mit dem Film im RU
"Du lebst nur einmal. Es ist kaum zu glauben, aber eines Tages wird jeder einzelne von uns aufhören zu atmen, wird erkalten und sterben. Nutze den Tag, denn wir werden Frühjahr, Sommer und Herbst nur in begrenzter Anzahl erleben."
Diese Aussagen/Fragen rühren an zentrale Bereiche des Religionsunterrichts. In den Klassen 9 und 10 (das ist etwa das Alter der Darsteller) kann der Film darum eingesetzt werden zu Lehrplanthemen wie: "Sinnfrage", "Identität/Selbstfindung", "Was ist der Mensch?"
Der Umstand, daß der Film im bildungsbürgerlichen Milieu spielt, kann seinem Einsatz in der Hauptschule möglicherweise hinderlich sein.
Ansonsten erscheint er mir auch für Besinnungstage am Ende der 9. oder 10. Klasse geeignet.
Sinnvoll ist es, den Film (Dauer ca. 1 1/2 Stunden) zunächst gemeinsam anzuschauen. Für ein erstes Gespräch reicht es, die Schüler über den Film ohne lenkende Vorgaben sprechen zu lassen. Was hat mir gefallen? Was bewegt mich?
Ein vertiefendes Gespräch mit Hilfe des Textbuches sollte erst am folgenden Tag, in der folgenden Schulstunde beginnen.
Der Religionslehrer (sie oder er) wird sich bei dieser vertiefenden Behandlung neben den Bereichen "Erziehung und Autorität", "Liebe und Sexualität", "Selbsttötung/Selbstmord" vor allem den theologisch interessanten Fragen zuwenden: Was ist "Leben in Fülle"? Inwieweit deckt sich der Grundsatz "Carpe diem!", wie ihn Keating vertritt, mit dem christlichen: "Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um! Glaubt an das Evangelium!"?
Schließlich: Gibt es Übereinstimmungen zwischen dem "Club der toten Dichter" und dem christlichen Glauben an das "ewige Leben"?
Neben der Konfrontation einiger Textpassagen mit biblischen Perikopen wird es das Anliegen des Religionslehrers sein, Schülern genügend Raum zur kreativen Verarbeitung des Ganzen zu bieten: Selbst Dialoge erfinden, Briefe schreiben, ein Plakat entwerfen usw.


4. Methodische Hinweise und Erläuterungen zu den Materialien
Bei den Materialien handelt es sich um Ausschnitte aus der Romanfassung des Films: N. H. Kleinbaum, Der Club der toten Dichter, Bastei/Lübbe, 1. - 5. Auflage 1990, 7,80 DM. Da es leicht ist, diese Romanausschnitte über die angegebenen Seitenzahlen zu finden, werden sie im Materialbrief nicht alle abgedruckt. Wichtiger erscheint mir die ausführliche Beschreibung dessen, was man mit diesen Textabschnitten im Unterricht machen kann.

Zu M 1: Das Korsett des Erfolgs
(Die vier Säulen der Schule, Seite 8
(Zeile 10) bis 10 (unten)
"Tradition", "Ehre", "Disziplin", "Leistung": Diese vier Säulen sind das Erfolgsrezept des Eliteinternats Welton. Nolan, der Direktor der Schule, beschwört sie emphatisch am Beginn des Schuljahres.
Das Gespräch über diesen Romanabschnitt dient dazu, eigene Erfahrungen mit Schule zu artikulieren und eine Kontrastfolie zu erarbeiten, von der sich Keatings pädagogisches Konzept deutlich abhebt: Ermutigung zu eigenen Erfahrungen, Bildung einer freien und reifen Persönlichkeit.

Die Arbeitsaufgabe könnte lauten:


Was finde ich gut daran? Was finde ich fragwürdig?
"Tradition"
"Ehre"
"Disziplin"
"Leistung"

Ich selbst habe interessante Gespräche über "Ehre" und "Tradition" erlebt. Hauptpunkt war: Wo liegt die Grenze zwischen berechtigtem Nationalstolz und Chauvinismus?


Zu M 2: Leben, nicht Dörrobst
(Mr. Keating, der neue Lehrer,
Seite 40 - 44)
Keatings Anweisung an die Schüler, die staubtrockene Regelpoetik von J. E. Pritchard einfach aus dem Schulbuch zu reißen, eröffnet eine der eindrucksvollen Szenen des Films. Ein kreatives pädagogisches Konzept und eine neue Lebensphilosophie werden hier spürbar "Oh ich, o Leben? / Was habe ich darauf für eine Antwort - / Dies aber ist die Antwort: / Du bist hier, damit das Leben blüht / und die Persönlichkeit, / Damit das Spiel der Mächte weitergeht / Und du deinen Vers beitragen kannst." So zitiert Keating ein Gedicht von Walt Whitman und stellt dann die eindringliche Frage: "Wie werden Ihre Verse lauten?" (S. 43 f.)
Nach einem ersten Gespräch (verschiedene Ansichten über Keatings Verhalten; eigene Erfahrungen mit Schullektüre) sollte Keatings von der Norm abweichendes pädagogisches Konzept erarbeitet werden.
Auf eine kreative Weise geht das, indem man die Schüler ermuntert, sich vorzustellen, nicht Nolan, sondern Keating hätte die Rede zur Eröffnung des Schuljahres gehalten.
Wie hätte seine Rede lauten können?
Ein beeindruckendes Beispiel ist bis heute (mögliches Muster): Erich Kästner, Ansprache zum Schulbeginn, in: ders., Die kleine Freiheit. Chansons und Prosa, Fischer TB 1807, Seite 9 - 12.
Etwas schulmäßiger geht es, wenn man die Aufgabe stellt, kontrastiv herauszuarbeiten, was Nolan, was Keating jeweils unter einem "Guten Lehrer" verstehen.

Nolan Ein guter Lehrer Keating
Respektsperson Vertrauensperson
Konzept: Die "4 Säulen" Ermutigung zu eigenen Erfahrungen und selbständigem Denken
Ziel: Vorbereitung auf College und Berufskarriere Reife, Persönlichkeit, Entfaltung der individuellen Fähigkeiten

Zu M 3 a) und b):
"Carpe diem!" - "Nutze den Tag!"
(Keatings Philosophie, Seite 28 - 30)

Drei Gleichnisse vom Himmelreich
- Die anvertrauten Talente (Mt 25,14 - 30)
- Die Arbeiter im Weinberg (Mt 20,1 - 16)
- Das Unkraut unter dem Weizen (Mt 13, 24 - 30)

"Es ist kaum zu glauben, aber eines Tages wird jeder einzelne von uns aufhören zu atmen, wird erkalten und sterben." (S. 29) Anhand alter Klassenfotos vermittelt Keating seinen Schülern auf eindringliche und zupackende Art seine Philosophie: Du lebst nur einmal: Nutze den Tag! Verpaß nicht dein eigenes Leben!
Der große existentielle Ernst sollte nicht durch vordergründiges und/oder moralisierendes Palaver neutralisiert werden.
Als Methode bietet sich ein Schreibgespräch an, bei dem jeder einzelne persönlich gefordert ist.
Jeweils 4 Schüler(innen) sitzen nebeneinander. Sie erhalten jeweils ein Blatt mit einer der folgenden Fragen:
Frage 1: Warum/wann verpassen Menschen ihr Leben?
Frage 2: Lähmt oder fördert der Gedanke an den Tod das Leben?
Frage 3: Genieße dein Leben so gut wie möglich! Stimmt die Parole?
Frage 4: "Erfülltes Leben": Was heißt das für mich?
Das Auswertungsgespräch hängt stark von den Schülerbeiträgen ab. Der Lehrer sollte sich mit moralisierenden Statements weitgehend zurückhalten. Bei fragwürdigen Äußerungen helfen Rückfragen meist mehr als Belehrungen. Gleichwohl sollten Grundlagen deutlich werden:

Zu Frage 1: Angst, Karriere, verzweifelter Genuß: Es gibt viele Möglichkeiten, gelebt zu werden, sein Leben zu verpassen.

Zu Frage 2: Todesangst kann lähmen. Andererseits ist die Todesverdrängung in unserer Gesellschaft sicher eine der Wurzeln des herrschenden Konsummaterialismus.

Zu Frage 3: Dauer-Genießen bietet keine Erfüllung. Befriedigung ist ohne Produktivität und Kreativität nicht erreichbar, weder in der Liebe, noch in der Arbeit, den beiden Hauptfeldern menschlicher Entfaltung.

Zu Frage 4: Erfüllung hat etwas mit Entfaltung zu tun, mit Wachsen, mit Selbsterkenntnis. Die Felder, auf denen das geschieht, Liebe und Freundschaft, Arbeit, Glaube.

Die drei Gleichnisse vom Himmelreich erweitern das Blickfeld noch einmal. Sie machen zum einen klar, daß auch christlicher Glaube verlangt: Nutze den Tag! Du lebst nur einmal. Hier und heute ist der Tag! Denn: Du wirst Rechenschaft ablegen müssen. Andererseits gehen sie mit ihren Vorstellungen von Ewigkeit, Gnade und Gericht über Keatings Philosophie hinaus.
Nutze den Tag, denn du wirst bei der Rückkehr des Herrn Rechenschaft darüber abzulegen haben, was du mit deinen Talenten gemacht hast.
Daß es sich hier nicht um den Zugewinn von Geld handelt, macht das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg klar: Alle bekommen den gleichen Lohn. (Es gibt nur eine Ewigkeit, nur einen Gott für alle.)
Und noch eins: Ihr seid nicht berufen zu entscheiden, was Unkraut ist, was Weizen. Das ist die Sinnspitze des Gleichnisses vom Unkraut unter dem Weizen.


Zu M 4: Der Panzer der Angst
(Todd Anderson, oder: In jedem Menschen steckt ein Poet,
Seite 72 - 75)
Auch diese Szene, in der Keating quasi als Therapeut den schüchternen Todd Anderson dazu bewegt, aus sich herauszugehen, seine Angst zu überwinden, poetisch zu werden und Zutrauen zu seinem Ich, seiner Seele, seinem Können, seinem Wert zu fassen, gehört zu den starken Sequenzen des Films.
Auch wenn die Romanfassung sprachlich nicht optimal ist, lohnt es sich, diese Stelle von Schülern selbst gut gestaltet (!) lesen oder spielen zu lassen. Es ist wichtig, daß die Jugendlichen selbst erfahren, wie aus einem kläglichen "Johoo" ein wirklicher Schrei wird. JOHOOO.
Zudem ist, was Todd Anderson dann in poetischer Trance von sich gibt, ergreifend: "Die Wahrheit ist wie eine Decke, unter der man immer kalte Füße hat." (Seite 75)
Die erste Aufgabe lautet also: Bereitet den Text so vor, daß ihr ihn gut lesen/spielen könnt.
Doch was Keating hier tut, ist unter schulischen Bedingungen nicht unproblematisch: Darf ein Lehrer seinen Schülern so nahe treten? Darüber kann man geteilter Meinung sein. Schüler könnten hier einen elterlichen Protestbrief an Keating formulieren: "Warum wir nicht wünschen, daß Sie mit unserem Sohn in Ihrem Unterricht so verfahren." Oder, wenn sie Keatings Verhalten/Lehrmethoden billigen, könnten sie ihn auf einen solchen Protestbrief antworten lassen: "Warum ich so gehandelt habe."
Beim Auswertungsgespräch geht es damit um Lehrer/Schüler, Distanz und Nähe, aber auch, und das ist eine Vorbereitung für die Behandlung der Sitzungen des "Clubs der toten Dichter", um die Macht der Poesie. Sie kann tatsächlich aufwecken, heilen.


Zu M 5: Der Zauber der Poesie
(Die Sitzungen des "Clubs der toten Dichter", S. 54 f.)
Als Projekt, das rechtzeitig angekündigt werden muß, kann das Eröffnungsritual der Clubsitzungen zum Anlaß genommen werden, um mitgebrachte Lieder, Gedichte, Texte vorzulesen. Selbstgeschriebene Texte sollten es nur sein, wenn sich die Klasse gut kennt.
- Ein Musikstück/Lied, das ich in letzter Zeit oft höre.
- Ein Gedicht, das mir gefallen hat.
- Das würde ich meinem Freund/meiner Freundin ins Poesiealbum schreiben.
- Ein Text, den ich als "Flugblatt" veröffentlichen könnte.
Falls gewünscht, können die Ergebnisse dieses Projekts auf einer Plakatwand im Klassenzimmer aufgehängt werden.


Zu M 6: Nachtfrost
(Neils Vater. Neils Tod. Seite 112 - 114;
S. 118 (Zeile 14 - 119)
Neil Perry wird sich selbst töten. Wir wissen das vom Film her. In der ersten Textstelle erleben wird noch einmal das Gespräch zwischen Neil, der begeistert von einer Theaterprobe zurückkehrt, und seinem humorlos-starren Vater.
Unterstreicht die Aussagen, die deutlich machen, was für ein Mensch Mr. Perry ist. Solche Aussagen, die für Neils Vater typisch sind, können an der Tafel gesammelt werden.
"Ich habe große Opfer für dich gebracht." "Ich will nur dein Bestes": Gibt das Mr. Perry ein Recht, sich so gegenüber Neil zu verhalten, wie er es tut?
Die zweite Stelle, das am Abend folgende Gespräch zwischen Neil und Mr. Keating, der zu Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber dem Vater rät, gibt Anlaß, noch einmal auszuloten, ob Neils Verzweiflungstat wirklich der einzige Ausweg ist.
Mögliche Aufgabe: Schreibt in Partnerarbeit einen neuen Dialog zwischen Neil und seinem Vater. Gibt es eine Möglichkeit, den Vater umzustimmen?
Alternative: Schreibt einen Brief Neils an seine Mutter, in dem er versucht, seinen Wunsch und seine Position deutlich zu machen und um Unterstützung seines Anliegens gegenüber dem starren Vater bittet.
Auf die Frage der möglichen Mitschuld Keatings an Neils Selbstmord kann ebenfalls anhand dieser Stelle eingegangen werden.


Zu M 7: Ewiges Leben - Unsterblichkeit?
- Der "Club der toten Dichter" (Seite 48 und 49)
(bis Zeile 4) + Seite 72 (Zeilen 17 - 28)
- Röm 8,18 - 39; 1 Kor 15,12 - 28; Gotteslob
Nr. 621
Durch den Tod Neils sind die Schüler auf dieses Gespräch vorbereitet: Gibt es ein "Ewiges Leben"?
Über den "Club der toten Dichter" sagt Keating: "Der Name erinnerte nur daran, daß man erst Mitglied werden konnte, wenn man tot war ... Die Lebenden waren nur Kandidaten ... Man mußte ein ganzes Leben Kandidat sein, bevor man die Vollmitgliedschaft erlangen konnte." (Seite 48 f.) Und über die Poesie sagt er: "Poesie kann in Musik enthalten sein, in einem Foto, in der Zubereitung eines Essens - in allem, was Stoff zu einer Offenbarung hergibt ... Entscheidend ist allein, daß es uns erleuchtet, aufregt und - wenn es genial ist - uns das Gefühl vermittelt, unsterblich zu sein." (Seite 72) Die christliche Glaubensvorstellung scheint hier gleichsam ästhetisch abgewandelt: Der "Club der toten Dichter" als eine "Communio poetarum" (statt "Communio sanctorum") und die Gewißheit, daß das, was ein Mensch an wirklicher Poesie verwirklicht hat, nicht untergehen wird (christlich: Die Werke der Liebe werden nicht verlorengehen: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan.).
Beide Vorstellungen liegen vielleicht nicht so weit auseinander. "Mensch, werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht, / So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht." So formuliert es Angelus Silesius im 2. Buch seines "Cherubinischen Wandersmann".
Nach einem offenen Gespräch über: "Ewiges Leben" - Glaube ich daran? soll versucht werden, mit vielen verschiedenen Texten gleichsam Spiegel um die im letzten unsagbare Mitte zu stellen, Spiegel, die es ermöglichen, Schülern ein möglichst vielschichtiges Bild des christlichen Glaubens an das "ewige Leben" zu vermitteln.
Eine Möglichkeit ist es, Paulus (Röm 8, 1 Kor 15) einmal nach der Methode des Bibel-Teilens zu lesen. Nach einem ruhigen lauten Vorlesen wiederholen die Schülerinnen und Schüler einzelne Worte oder Sätze, die ihnen aufgefallen sind.
Wichtig ist, daß die Bibeltexte aus der Starre dogmatisch-moralisierender Belehrung befreit werden. Es darf/soll spürbar werden, daß auch Paulus um den Ausdruck seines Glaubens ringt. Wenn es möglich ist, diese Paulustexte als Weltliteratur zu lesen, die sie auch sind, wäre für die Glaubensvermittlung viel gewonnen.
Hilfreich für das Gespräch können auch Texte von Huub Oosterhuis sein, z. B. das Lied Gotteslob 621, "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr" oder sein Text "Himmel" in: Huub Oosterhuis, Im Vorübergehen, Herder 1969, Seite 217 - 226.
Sehr gut ist auch die Doppelseite 184/185 in Zielfelder ru 9/10, Kösel 1980. Das Bild auf Seite 185 läßt sich gut auf Neil Perrys Tod beziehen. Sind das Kreuz des Todes und die Mauer des Schweigens undurchdringlich?
Eine Möglichkeit ist es auch, die Paulus-Texte in verschiedenen Übersetzungen zu lesen oder sie einmal auf Englisch oder Französisch zu lesen. Vielleicht wird so etwas von dem spürbar, was Fridolin Stier so übersetzt: "Als letzter Feind wird der Tod abgetan ... Damit Gott sei das Allesamt in allen." (1 Kor 15,28)
Statt einer förmlichen "Sicherung" des Unsagbaren im Heft ist das Anfertigen einer Plakatwand zu empfehlen, wo jeder Schüler ein Wort, einen Text aufschreibt, der ihm wichtig ist.

5. Materialien für den Unterricht
Anmerkung des Herausgebers: Die im vorausgehenden mit M2 bis M4 gekennzeichneten Textauszüge, die der deutschen Ausgabe von Dead Poets Society entnommen sind, werden hier aus Platzgründen nicht abgedruckt.

6. Literaturverzeichnis
– N. H. Kleinbaum, Der Club der toten Dichter. Roman, Bastei-Lübbe, 1. - 5. Auflage
1990, 158 Seiten, 7,80 DM.
– Erich Kästner, Ansprache zum Schulbeginn, in: Erich Kästner, Die kleine Freiheit.
Chansons und Prosa, Fischer TB 1807, 1980, Seite 9 - 12
– Huub Oosterhuis, Im Vorübergehen, Herder 1969, hier vor allem:
- "Der Himmel", Seite 217 - 226
- "Eine Totenliturgie", Seite 197 - 215
– Fridolin Stier, Vielleicht ist irgendwo Tag. Aufzeichnungen, Freiburg/Heidelberg 1981,
384
– Das Neue Testament, übersetzt von Fridolin Stier, Kösel/Patmos 1989
– Drei Gleichnisse vom Himmelreich:
1. Mt 25,14 - 30 Das Gleichnis von den Talenten
2. Mt 20,1 - 16 Die Arbeiter im Weinberg
3. Mt 13,24 - 30 Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen.










Quelle:




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