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Titel:

Die großen Revolutionen im deutschen Südwesten


  Note: 1   Klasse: 9









Arbeit: Das Wort Revolution verbindet sich nicht nur im Alltagssprachgebrauch mit Begriffen wie Masse, Straße, Gewalt und Blut. Das ist die spektakuläre Außenseite, die Oberfläche, die Form, deren Bild von ganz bestimmten Revolutionen geprägt wurde wie der Großen Französischen Revolution. Zu wenig beachtet bleibt dabei die Innenseite der Inhalt dessen, was Revolution ausmacht: die radikale Veränderung aller Lebensumstände, der Institutionen, der Denkweisen und Wertvorstellungen, die davon miterfaßt und umgestaltet werden. Revolutionen lassen nichts unberührt - nichts ist nach einer Revolution noch so, wie es vorher war. Das unterscheidet die Revolution von der Revolte, dem partiellen Aufruhr, explosiven Ausbrüchen von Unzufriedenheit, die sich aufgestaut hat. Der Revolte geht es zunächst um die Abstellung von Missständen, und zwar durchaus innerhalb des bestehenden Systems. Allerdings kann sie sich, wenn die Regierenden zögerlich oder falsch reagieren, aufschaukeln zu einer generellen In-Frage-Stellung der bestehenden Ordnung, die Revolte kann sich radikalisieren, zur Revolution werden.
Vielfach wird eine solche umfassende, tiefgreifende, radikale Veränderung der Lebensumstände, die wir als Revolution bezeichnen, mit Gewalt, bewirkt, bei der auch Blut fließt, die Massen, die "Straße" mobilisiert werden. Zwangsläufig ist das aber nicht. Die Betonung einer möglichen gewaltsamen Oberfläche als dem entscheidenden Merkmal einer Revolution kann eher als das Ergebnis antirevolutionärer Propaganda angesehen werden, der die Inhalte, die Ergebnisse einer Revolution nicht passen und die sie deshalb zu diskreditieren sucht.
Der Alltagsbegriff von Revolution ist zudem allzu sehr auf die jeweils Herrschenden fixiert, die mittels der Straße, mit Gewalt und Blutvergießen zum Rückzug gezwungen werden. Dabei geht es auch nach dieser Begrifflichkeit nicht um den jeweils konkreten Herrscher oder die Herrschenden: die zu beseitigen, wäre die Absicht eines Putsches. Revolution will demgegenüber auch die Art der Herrschaft, die Staatsform, ändern. Dennoch bleibt dieser Revolutionsbegriff zu sehr eingeengt auf das politische System, Wirtschafts-, Sozial- und Wertesystem weitgehend außer acht lassend.
Ein weiteres Element ist für eine Revolution konstitutiv: die Dynamik, die eine bestehende Entwicklung so schnell werden läßt, daß sie einen qualitativen Sprung. macht. Der Müller z. B., der schon seit Jahrhunderten am Bach seinem Gewerbe nachging und eine Papiermühle betrieb, hatte immer schon Innovationen aufgegriffen. Doch die technischen, verfahrensmäßigen und organisatorischen Innovationen der Industriellen Revolution treten dann so schnell und massiert auf, daß der qualitative Sprung von der handwerklichen Papierherstellung zur Fabrik erfolgt. Das Rad der Geschichte läuft in revolutionären Zeiten schneller, rasant schnell sogar.
Man hat sich vielfach angewöhnt, zwischen Revolutionen von unten und solchen von oben zu unterscheiden. Doch sind Revolutionen von oben zu einem guten Teil Antizipationen möglicher Revolutionen von unten, denen man zuvorkommen will; zweifellos oft Akte einer vorausschauenden Politik. Am ehesten noch wäre in unserem Falle die Territorialrevolution der Napoleonzeit als eine Revolution von oben zu klassifizieren, im Falle der Industriellen Revolution läßt sich die Frage nach einer solchen Einordnung nicht sinnvoll beantworten. Die Revolution von 1848/49 und die von 1918/19 wären. danach Revolutionen von unten, wobei man natürlich ,unten definieren müsste. Wir belassen es bei dem Hinweis, daß sie nicht von der Regierung oder den jeweils politisch "Herrschenden" ausgingen.
Die napoleonische Neugestaltung Deutschlands war eine Revolution im inhaltlichen Sinne, der umfassenden Art. Wir bezeichnen sie in diesem Buch als die napoleonische Territorialrevolution, die in ganz besonderer Weise den deutschen Südwesten betraf. Nicht nur, dass sich ein Großteil der Deutschen innerhalb neuer Grenzen wiederfand, mit neuen Obrigkeiten, denen sie fortan zu gehorchen hatten. Es war mehr zerbrochen: Jahrhunderte alte Obrigkeiten, von Gottes Gnaden, angeblich, zum Herrschen berufen, bis dato unantastbar, waren beinahe über Nacht verschwunden, die geheiligten Symbole ihrer Herrschaft wurden profaniert, verkauft, zerstört, wie es sich besonders eindrücklich in den geistlichen Herrschaften zeigen läßt. Gehörte bis dahin zu Herrschaft die Dauer, so mussten die Menschen innerhalb weniger Jahre erleben, wie möglicherweise auch die neue Obrigkeit einer größeren und stärkeren wieder weichen musste. Was die mit kirchlichen Territorien entschädigten kleinen Reichsfürsten bald erleben mussten: aus den neuen Herrschern wurden im Gefolge der Mediatisierung nach wenigen Jahren Untertanen des badischen Großherzogs oder des württembergischen Königs. Das Gottesgnadentum dürfte hier bei den Untertanen einen irreparablen Knacks bekommen haben. Mehr noch:
Der Grundgedanke der Aufklärung, bislang nur den Eliten vertraut, nämlich die Kategorie der Veränderbarkeit menschlicher Verhältnisse, der Machbarkeit der eigenen Lebensumstände, Voraussetzung und Inbegriff jeglicher Modernität, dürfte hierdurch erst seine Verankerung im Bewusstsein der breiten Masse der Bevölkerung gefunden haben.
Innovationen hat es in der Geschichte immer gegeben: Produktinnovationen, Verfahrensinnovationen, neue Organisationsformen. Was die Industrielle Revolution auszeichnet, ist die Dynamik, der qualitative Sprung vom Handwerk und der Manufaktur zum Fabriksystem. Gerade auch die technischen Basisinnovationen erfolgen innerhalb weniger Jahrzehnte, ja Jahre, so schnell, Schlag auf Schlag, wie niemals in der Geschichte zuvor. Von der Pferdefuhre zur Eisenbahn, von der Kutsche zum Automobil, um nur Beispiele herauszugreifen, ist der qualitative Sprung unübersehbar. - Nicht weniger tiefgreifend, radikal, dürfte die Industrialisierung die menschlichen Lebensverhältnisse betroffen haben: eben nicht nur die Produktionsweisen, sondern auch die menschlichen Sozialverhältnisse, den Alltag ganz allgemein mit Essen und Trinken und dem Verhältnis der Geschlechter, das Denken und Handeln, so dass wir diese umfassende Umgestaltung mit der Bezeichnung Industrielle Revolution belegen können. Nichts ist am Ende der Industriellen Revolution so geblieben, wie es vorher war, alles hat sich verändert.
Revolutionen auch für den, der die Oberfläche als das Wesentliche betrachtet oder den Blick ausschließlich auf das politische System richtet, sind die Ereignisse von 1848/49 und von 1918/19. Im ersten Fall haben wir es mit einer partizipatorischen Revolution zu tun, ging es doch darum, dass, im Gefolge von Aufklärung und Emanzipation des Individuums, breite Kreise der Bevölkerung ihre Mitsprache, ihren Anteil an der politischen Herrschaft einforderten, zunächst das zahlenmäßig und wirtschaftlich erstarkte Bürgertum, aber auch Bauern und bereits schon Proletarier. Daß im Gegensatz zu Baden die Revolution in Württemberg nicht vie1 mehr darstellte als. einen parlamentarischen Mehrheitswechsel mit anschließendem Regierungswechsel samt liberaler Reformpolitik in seinem Gefolge, lag an einer lange schon existierenden, in Jahrhunderten gereiften politischen Mitbestimmung in Württemberg, die von den Gemeinden und Oberämtern ausging und in der Organisation der "Landschaft" gipfelte. Oder anders herum ausgedrückt: In Württemberg traf die europaweit induzierte Revolution auf ein politisches System, das die gewaltfreie Austragung der Konflikte weitgehend zuließ. - In Hohenzollern hingegen wies die Revolution noch vielfach Züge auf, die sie m die jahrhundertlange Tradition von Revolten in diesem Landstrich einordnen ließ. Gleichzeitig vollendete die Revolution in Hohenzollern mit einem halben Jahrhundert Verspätung die napoleonische Territorialrevolution im deutschen Südwesten, indem die nie recht lebensfähigen Fürstentümer Sigmaringen und Hechingen an das Königreich Preußen gelangten. Es war die "paradoxe Lösung einer paradoxen Situation" , wie das Casimir Bumiller formuliert.
War in der Revolution von 1848/49 die Frage: konstitutionelle Monarchie oder Republik? noch strittig geblieben, wurde sie 1918 durch die republikanische Revolution zugunsten der Republik entschieden. Die Monarchen mussten allüberall in Deutschland abdanken.
Die eigentliche Revolution blieb jedoch stecken, schwere Unterlassungssünden wurden begangen, die teuer bezahlt werden mussten. Mit der Weimarer Republik begann das demokratische Experiment, das kläglich scheiterte, mit grauenhaften Folgen. Ganze Bibliotheken sind darüber geschrieben worden, warum die Weimarer Republik scheiterte. Eine zentrale Ursache war zweifellos, dass es eine Demokratie ohne Demokraten war, dass die politische Kultur der Deutschen nicht der demokratischen Staatsform adäquat ausgebildet war.
Eine revolutionäre Änderung brachte hier erst die bittere Erfahrung von Nationalsozialismus, Krieg, Zerstörung. Der Zusammenbruch stellte zweifellos eine Art Schocktherapie dar. Damit war der (rechte) Nationalsozialismus nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg völlig diskreditiert, der (linke) Kommunismus desavouierte sich durch die stalinistische Diktatur und die Umformung der sowjetischen Besatzungszone entgegen den Erwartungen der deutschen Bevölkerung dort.
Damit war die Chance gegeben für die demokratische Revolution in Deutschland, die zu einer stabilen und in jeder Hinsicht erfolgreichen Demokratie führte, mit Bürgerinnen und Bürgern, in deren Wertesystem die Demokratie zunehmend verankert ist, wie Umfragen über die Jahrzehnte hinweg belegen. Wenn 86 % der Westdeutschen heute meinen, die Demokratie sei die beste Staatsform, 80 % sogar, die "Demokratie, die wir in der Bundesrepublik haben", dann grenzt das von der Vergangenheit her gesehen an ein Wunder, oder besser gesagt: die eigentliche Revolution hat sich hier vollzogen, in der Nachkriegszeit.
Die Lehren aus der Geschichte sind von breitesten Bevölkerungskreisen gezogen worden, hilfreich unterstützt durch die Besatzungsmächte, aber auch durch die Anstrengungen politischer Bildungsarbeit, die hier auf einen aufnahmebereiten Boden stießen.
Die Veränderungen in der politischen Kultur Deutschland seit dem Zusammenbruch 1945 lassen sich nicht an einzelnen revolutionären Ereignissen festmachen, es handelte sich eher um eine stille Revolution, wenngleich von enormer Wirkung und Tragweite. Vieles hat dazu beigetragen, so die "rasche politische Umorientierung der deutschen Eliten, , eine geschickte Verfassungsgebung , die - etwa mit der Stellung des Bundeskanzlers - an traditionelle deutsche Erwartungen einer starken und entscheidungsfähigen Führung anknüpfte (und mit Konrad Adenauer auch eine Persönlichkeit als Kanzler bekam, die diesen Erwartungen entsprach). Nicht zu vergessen ist vor allem der wirtschaftliche Erfolg der neuen Bundesrepublik, die der Demokratie ihre Leistungsfähigkeit bescheinigte und sie somit in den Augen der Bevölkerung legitimierte. Selbstverständlich hat die Bildung, insbesondere die politische Bildung, verkörpert auch in den Landeszentralen und der Bundeszentrale für politische Bildung, zum Erfolg einer demokratischen politischen Kultur beigetragen.
Diese demokratische Revolution lässt sich nicht vorrangig aus süddeutscher, gar baden-württembergischer. Perspektive betrachten, sie war flächendeckend. Gleichwohl waren im deutschen Südwesten die Voraussetzungen besonders günstig, wie die vorausgehenden Beiträge in diesem Buch aufzeigen, insbesondere diejenigen zur partizipatorischen Revolution von 1848/49. Der Beitrag Hettling macht zudem deutlich, dass in Württemberg frühparlamentarische Konfliktregelungsmuster und demokratische Institutionen sich schon vor der Revolution von 1848 herauszubilden begannen - in Konkurrenz zu den herrschaftlichen, obrigkeitlichen. Auch dass die NSDAP vor 1933 in Württemberg deutlich geringere Stimmenzahlen erhielt, als das von der Sozialstruktur (evangelisch, mittelständisch) zu erwarten gewesen wäre, passt in dieses Bild.
Die demokratische Revolution kann hier - bei Anwendung der Südweststaatsperspektive - insgesamt nur markiert werden, indem exemplarisch die Bemühungen amerikanischer Offiziere aus dem "Information Control Service in Stuttgart beschrieben werden. Sie stellten sofort nach dem Kriege entscheidende Weichen, mit Folgen, die bis heute nachwirken. Sie setzten den öffentlich-rechtlichen, jedoch staatsfernen Rundfunk durch, statt der Wiederbelebung einer Parteipresse installierten sie den Binnenpluralismus in den von ihnen lizenzierten Zeitungen, sorgten für die Trennung von Bericht und Kommentar in den Medien - was in Deutschland bis dahin unbekannt war.
Anders als die deutschen Politiker, die aus der Weimarer Zeit stammten und als Gegner der Nationalsozilisten gelitten hatten, dachten sie nicht obrigkeitsstaatlich, nahmen sie die Mündigkeit der Menschen in ganz anderem Umfang ernst. Sie schufen damit nicht die neue, demokratische politische Kultur Deutschlands, doch sie machten sie möglich, indem sie die Weichen richtig stellten.
Wir leben in einer Zeit der Gedenkjahre:150 Jahre sind es her seit der Revolution von 1848/49, vor 80 Jahren ereignete sich die republikanische Revolution von 1918/19. Die Verabschiedung des Grundgesetzes und die Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 jährt sich demnächst zum 50. Male. Jubiläen sind Gedenktage, an denen man innehält, um nachzudenken, zurück- und vorauszuschauen. Dieser Band ist den großen Zäsuren, den Umwälzungen in den letzten 200 Jahren unserer Geschichte gewidmet - wir nennen sie in diesem Buch "Revolutionen" -, ohne die unsere Gegenwart, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, aber auch die politische Kultur der Bundesrepublik, ja unsere individuelle Existenz nicht zu verstehen sind.










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