Franz Kafka Die Verwandlung - schulnote.de 
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Titel:

Franz Kafka Die Verwandlung


  Note: 2   Klasse: 12









Arbeit: Autor
Kafka, Franz (1883-1924), österreichischer Schriftsteller. Kafkas spezifische Darstellung des in labyrinthischen Lebensverhältnissen gefangenen Menschen wurde zum Synonym für bedrückend-absurde Zustände (“kafkaesk”). Kafka studierte an der deutschen Universität in Prag Literatur und später aus Familienrücksichten Jura (1906 Promotion), übte den Beruf jedoch nur kurzzeitig aus und war 15 Jahre lang als Hilfskraft im Versicherungswesen tätig. 1922 verstärkte sich die bereits fünf Jahre zuvor ausgebrochene Tuberkulose, an der der Dichter 1924 in einem Sanatorium bei Wien starb. Nach Kafkas Willen sollten seine Manuskripte, von denen zu Lebzeiten kaum etwas veröffentlicht worden war, nach seinem Tod vernichtet werden.
Kafkas unglückliche Lebensumstände spiegeln sich in vielfältiger Weise in seinem Werk. Da ist zunächst die als übermächtig erfahrene Gestalt des autoritären Vaters, mit der er sich konkret in seinem 61 Druckseiten umfassenden Brief an den Vater (1919) auseinandersetzte, sowie das Leiden an seiner Bindungsunfähigkeit. Kafka war mehrmals verlobt, hat jedoch nie geheiratet. Neben der Freundin Felice Bauer und Dora Diamant, der Gefährtin seines letzten Lebensjahres, wurde vor allem die Journalistin Milena Jesenská zu einer bedeutenden Bezugsfigur von Leben und Werk. Die Problematik der Geschlechterbeziehung hatte eine Entsprechung in Kafkas Schwanken zwischen Einzelgängertum und dem Bedürfnis nach sozialer Integration. Auch seine Berufung zum Dichtertum hat er immer wieder abwechselnd in Frage gestellt und leidenschaftlich als ihm einzig gemäße Existenzform bekräftigt. Charakteristisch für seine asketisch-eskapistische Welthaltung ist auch der Umstand, daß Max Brod sein einziger engerer Freund aus dem Kulturleben Prags blieb, während er zum örtlichen Dichterkreis um Franz Werfel und Egon Erwin Kisch nur lockere Kontakte pflegte.
Insbesondere die Spannung von Individuum und sozialer Gemeinschaft durchzieht leitmotivisch sein erzählerisches Werk, häufig verbunden mit der Identitätsproblematik des Juden in der christlich geprägten Umwelt. Häufig sehen sich die Protagonisten in einem Netz unentwirrbarer Gesetze und Verhältnisse gefangen. Die Erfahrung der Fremdheit gegenüber den anderen und schließlich sich selbst wird zur bedrückenden Grunderfahrung ihres Daseins. Bereits zu der 1916 publizierten Erzählung Das Urteil bemerkte Kafka, jedes Wort darin hänge mit der “Musik der ‘Angst’zusammen”, und noch in dem 1922 begonnenen Fragment Das Schloß glaubt der Held, während einer erotischen Begegnung “vor Fremdheit ersticken” zu müssen. Letztlich kreist Kafkas gesamtes Werk um den Versuch einer “sich irgendwie bewährenden Lebensführung” (so eine Tagebuchnotiz), der sich angesichts einer labyrinthischen Welt aber als untauglich erweist. Am extremsten kommt die klaustrophobische Daseinserfahrung in der Erzählung Die Verwandlung (1915) zum Ausdruck. Die juristische Metaphorik, die in anderen Werken (Das Urteil, Der Prozeß, In der Strafkolonie) einen wichtigen Ansatz zur Deutung liefert, weicht hier einer rätselhaften Symbolik: Der Angestellte Gregor Samsa erwacht eines Morgens in der Gestalt eines monströsen Käfers. Insgesamt ist Kafkas Werk erst nach dem 2. Weltkrieg ins Bewußtsein einer größeren Öffentlickeit getreten, aber seitdem hat das “Kafkaeske” wie kaum ein anderes Phänomen der modernen deutschen Literatur vielfältige und widersprüchliche Deutungsversuche provoziert.
Kafkas Weltanschauung ist beeinflußt durch den dänischen Philosophen Søren Aabye Kierkegaard und nimmt in mancherlei Hinsicht den Existentialismus vorweg. Die literarischen Techniken seines Werkes weisen sowohl expressionistische als auch surrealistische Züge auf, ohne daß er einer dieser Richtungen eindeutig zuzuordnen wäre. Sein klarer Stil, der Wirklichkeit und Phantasie vermischt und einen Anflug von Ironie enthält, trägt zu der beängstigenden, klaustrophobischen Atmosphäre in seinen Werken bei, wie in seiner langen Kurzgeschichte Die Verwandlung (1915). Darin stellt der Held, ein fleißiger Versicherungsvertreter, beim Aufwachen fest, daß er sich in einen riesigen Käfer verwandelt hat, der von seiner Familie zurückgewiesen wird und schließlich einsam und alleine stirbt. “In der Strafkolonie” (1919) ist eine niederdrückende Geschichte über Haft und Folter.
Entgegen Kafkas Wunsch, seine unveröffentlichten Manuskripte nach seinem Tode zu vernichten, veröffentlichte sie sein Freund und Biograph Max Brod postum in den dreißiger Jahren und begründete so Kafkas Ruhm. Kafkas Roman Der Prozeß wurde mehrmals verfilmt: 1962 von Orson Welles (mit Anthony Perkins, Jeanne Moreau und Romy Schneider) und 1992 von David Jones (mit Anthony Hopkins).
Im Mittelpunkt der Werke Franz Kafkas (1883-1924) steht die Selbstentfremdung des Individuums in einer als absurd und bedrohlich erfahrenen Welt, in der rätselhafte anonyme Mächte die Existenz des Einzelnen beherrschen. Exemplarisch für Kafkas Lebensauffassung und seine Erzählweise ist die Novelle Die Verwandlung (1915).

Zeittafel
1889-93 Besuch der »Deutschen Knabenschule« (Volksschule) am Fleischmarkt.
1893-1901 »Altstädter Deutsches Gymnasium« im Kinsky-Palais.
1896 13. Juni: Bar-Mizwah (jüdische »Konfirmation«).
1901-06 Studium an der Deutschen Universität in Prag: erst zwei Wochen Chemie, dann Jura, im 2. Semester Germanistik.
1902 Erste Begegnung mit Max Brod, dem späteren Herausgeber der Werke Franz Kafkas.
1904-05 Entstehung der Beschreibung eines Kampfes (Novelle), der ersten erhaltenen literarischen Arbeit Kafkas. Die ersten regelmäßigen Zusammenkünfte mit den Freunden Oskar Baum, Max Brod und Felix Weltsch.
1906 Konzipient in der Prager Advokatur seines Onkels Dr. Richard Löwy. Staatsprüfungen.
18. Juni: Promotion zum Dr. juris. Rechtspraxis (Referendariat) beim Landgericht Prag bis September 1907.
1907 Entstehung der Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande (Romanfragment).
Oktober: Aushilfskraft in der Versicherungsanstalt »Assicurazioni Generali« bis Juli 1908. Kurs für Arbeitsversicherung an der Prager Handelsakademie.
1908 Erste Veröffentlichung: Betrachtung (8 Prosastücke) in der Zeitschrift »Hyperion«.
Ende Juli: Eintritt in die »Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag« als Aushilfsbeamter (Beförderungen: 1910 Konzipist, 1913 Vizesekretär, 1920 Sekretär, 1922 Obersekretär).
1909 September: Mit Max und Otto Brod nach Riva am Gardasee und zur Flugwoche in Brescia. Die Aeroplane in Brescia (Feuilleton), veröffentlicht in der »Deutschen Zeitung Bohemia«.
1910 Bekanntschaft mit Franz Werfel. Ferienreisen nach Paris und Berlin. Beginn der Tagebücher. Häufige Besuche von Theatervorstellungen einer ostjüdischen Schauspieltruppe, die bis 1912 in Prag gastiert, und Beginn der Freundschaft mit dem jiddischen Schauspieler Jizchak Löwy. Wachsendes Interesse am Judentum und Zionismus.
1911 Längere Dienstreisen nach Nordböhmen und Ferienreise mit Max Brod in die Schweiz, nach Italien und Frankreich.
Reisetagebücher. Beginn der Arbeit am Roman Der verschollene (Amerika).
1912 Ferienreise mit Max Brod nach Weimar, dann drei Wochen im Naturheilsanatorium »Jungborn« im Harz.
Vorbereitung der ersten Buchveröffentlichung: Betrachtung (18 Prosastücke) erscheint im Dezember im Rowohlt-Verlag.
13. August: Franz Kafka lernt bei Max Brod die Prokuristin Felice Bauer aus Berlin kennen.
20. September: Kafka beginnt mit dem Schreiben der Briefe an Felice.
22./23. September: Das Urteil (Eine Geschichte) entsteht. Wiederaufnahme der Arbeit am Verschollenen (2. Fassung, 1. Kapitel Der Heizer und fünf weitere Kapitel entstehen bis zum Dezember).
November/Dezember: Niederschrift der Verwandlung (Erzählung).
4. Dezember: Kafka liest auf einem Prager Autorenabend zum erstenmal öffentlich Das Urteil vor.
1913 Ostern: Erster Besuch bei Felice Bauer in Berlin, dem bis zum Juli 1914 sechs weitere Besuche folgen.
September: Reise mit seinem Chef, Direktor Marschner, nach Wien zum Internationalen Kongreß für Rettungswesen und Unfallverhütung, dabei auch Besuch des XI. Zionisten-Kongresses.
Der Heizer erscheint in der neuen, vor allem expressionistische Literatur fördernden Buchreihe »Der Jüngste Tag«, Das Urteil in dem von Max Brod herausgegebenen literarischen Jahrbuch »Arkadia«.
1914 30. Mai: Reise nach Berlin in Begleitung des Vaters zur Verlobungsfeier mit Felice Bauer.
12. Juli: Aussprache mit Felice im Hotel »Askanischer Hof« in Berlin vor Zeugen und Lösung des Verlöbnisses.
August: Beginn der Arbeit am Roman Der Prozeß, zum erstenmal allein in einem eigenen Zimmer, zuerst in der Prager Bilek-Gasse (Wohnung der Schwester Valli), dann in der Nerudagasse (Wohnung der Schwester Elli).
Oktober: Entstehung der Erzählung In der trafkolonie.Wiederaufnahme des Briefwechsels mit Felice Bauer.
1915 Mitte Januar: Kafka schreibt an mehreren Werken gleichzeitig und gibt die Arbeit am Prozeß auf. Erstes Wiedersehen mit Felice Bauer.
März: Eigenes Zimmer in der Langen Gasse.
Mai/Juni: Zusammentreffen mit Felice Bauer.
Die Verwandlung erscheint.
Carl Sternheim gibt den Fontane-Preis an Kafka weiter.
1916 14. April: Robert Musil besucht Kafka in Prag.
Juli: Mit Felice Bauer in Marienbad.
November: Mit Felice in München, wo Kafka In der Strafkolonie öffentlich vorliest. Zimmer in einem von Ottla hergerichteten Häuschen in der Prager Alchimistengasse; dort entstehen bis April 1917 eine Reihe von parabolischen Erzählungen des Bandes Ein Landarzt (u.a. Auf der Galerie, Das nächste Dorf, Eine kaiserliche Botschaft).
1917 Kafka beginnt Hebräisch zu lernen.
Juli: Zweite Verlobung mit Felice Bauer in Prag.
9./10. August: Blutsturz. Kafka lebt wieder bei den Eltern.
4. September: Lungentuberkulose diagnostiziert.
Zur Erholung nach Zürau (Nordböhmen), wo Ottla ein kleines Gut bewirtschaftet.
Entstehung der Aphorismen.
Weihnachten: Franz Kafka und Felice Bauer treffen sich in Prag: endgültige Lösung des Verlöbnisses.
1918 April/Mai: Nach Rückkehr aus Zürau wieder Büroarbeit. Dienstreisen, Gartenarbeit und Erholungsurlaub.
Oktober/November: Schwer an Spanischer Grippe erkrankt.
Erholung in Schelesen (Nordböhmen). Weihnachten in Prag.
1919 Kafka lernt die aus einer tschechisch-jüdischen Handwerkerfamilie stammende Julie Wohryzeck in Schelesen kennen und verlobt sich mit ihr, doch auch diese Verlobung wird wieder gelöst (1920).
In der Strafkolonie erscheint.
November: Brief an den Vater.
Nach Dienstantritt bald wieder Dienstunfähigkeit wegen Krankheit. Der Band Ein Landarzt erscheint.
1920 Januar/Februar: Entstehung der Aphorismen-Reihe Er. Kuraufenthalt in Meran.
Beginn des Briefwechsels mit der tschechischen Journalistin Milena Jesenská, die seine Dichtungen ins Tschechische übersetzt; Kafka besucht sie in Wien.
Nach einem Vierteljahr Bürodienst erneute Beurlaubung.
Ab Dezember bis August 1921 Kuraufenthalt in der Hohen Tatra.
Entstehung kürzerer parabolischer Erzählungen wie Heimkehr und Kleine Fabel.
1921 Wiederaufnahme der Arbeit im Büro für zwei Monate, doch ab November dauernde Beurlaubung vom Dienst.
Übergabe der Tagebücher der Jahre 1910 bis 1920 an Milena, die inzwischen nach Prag umgezogen ist, und Beginn neuer Tagebuchaufzeichnungen.
1922 Januar: Kafka erleidet vor Schlaflosigkeit und Verzweiflung einen Nervenzusammenbruch. Dreiwöchiger Erholungsaufenthalt in Spindelmühle (Riesengebirge).
Ende Februar: Beginn der Arbeit an dem Roman Das Schloß, die Ende August nach einem erneuten Zusammenbruch aufgegeben wird.
Entstehung der Erzählungen Erstes Leid, Ein Hungerkünstler und Forschungen eines Hundes.
1. Juli: Pensionierung.
Erholung in Planá (Westböhmen), wo Ottla eine Sommerwohnung hat.
1923 Winter/Frühjahr: Kafka häufig krank im Bett. Intensiver Hebräischunterricht. Plan, nach Palästina zu reisen.
Juni: Letzte Begegnung mit Milena.
Juli/August: Mit der Schwester Elli und ihren Kindern im Ostseebad Müritz, wo Kafka im Berliner Jüdischen Volksheim die in chassidischer Tradition erzogene und aus Polen stammende Kinderhelferin Dora Diamant kennenlernt.
August/September: Mit der Schwester Ottla in Schelesen.
24. September: Übersiedlung zu Dora Diamant nach Berlin.
Entstehung der Erzählungen Eine kleine Frau und Der Bau.
Besuche in der »Hochschule für die Wissenschaft des Judentums« und Hebräischstudien.
1924 Februar: Verschlechterung des Gesundheitszustandes.
17. März: Mit Max Brod Rückkehr nach Prag, wo Kafka seine letzte Erzählung Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse schreibt.
Kehlkopftuberkulose wird festgestellt. Vom Sanatorium »Wiener Wald« in Niederösterreich kommt Kafka über die Universitätsklinik Wien am 19. April in das »Sanatorium Dr. Hoffmann« in Kierling bei Klosterneuburg, wo Dora Diamant und der seit 1921 mit ihm befreundete junge Arzt Robert Klopstock ihn pflegen.
Korrektur der Druckfahnen seines letzten Buches Ein Hungerkünstler. Vier Geschichten (Erstes Leid; Eine kleine Frau; Ein Hungerkünstler; Josefine, die Sängerin), das noch im selben Jahr im Berliner Verlag »Die Schmiede« erscheint.
3. Juni: Tod Franz Kafkas.
11. Juni: Begräbnis auf dem jüdischen Friedhof in Prag-Straschnitz.

Inhaltsangabe
I. Gregor Samsa, ein Reisender in Tuchwaren, hat eines Morgens den Wecker überhört und findet sich "in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt". Während er versucht, das Bett zu verlassen und die Eltern und seine Schwester Grete durch die verschlossene Tür wegen seiner Verspätung zu beruhigen, kommt der Prokurist seiner Firma, um ihn zur Rede zu stellen. Mühsam gelingt es ihm, aufzustehen und die Tür seines Zimmers zu öffnen. Sein Anblick läßt den Prokuristen aus der Wohnung flüchten, während der Vater ihn mit einem Stock in sein Zimmer zurücktreibt, wo er verletzt liegenbleibt.

II. Gregor, der seit dem Zusammenbruch des väterlichen Geschäfts vor fünf Jahren allein durch seine aufopferungsvolle Berufstätigkeit für den Lebensunterhalt der Familie gesorgt hat, muß nun von der Schwester in seinem Zimmer wie ein Tier mit Nahrung versorgt werden, während sich der Vater eine Stelle als Diener in einer Bank sucht. Da Gregor an den Wänden und der Decke herumzukriechen beginnt, beschließt seine Schwester eines Tages - es sind schon zwei Monate vergangen -, sein Zimmer gemeinsam mit der Mutter auszuräumen. Doch Gregor, durch die Einwände der Mutter an seine menschliche Vergangenheit erinnert, versucht wenigstens ein Bild an der Wand zu retten. Die Mutter fällt bei seinem Anblick in Ohnmacht, und während er ihr helfen will, kommt der Vater in die Wohnung zurück. Die Situation mißverstehend, bombardiert er Gregor mit Äpfeln, von denen einer in seinem Rücken steckenbleibt.

III. Gregor leidet über einen Monat an seiner Wunde, ißt kaum mehr etwas, nimmt aber noch ein wenig am Familienleben teil, da abends die Tür zum Wohnzimmer geöffnet wird. Auch Mutter und Schwester tragen nun zum Lebensunterhalt bei, und außerdem ist eines der Zimmer an drei Zimmerherren vermietet worden. Eines Abends bitten sie die Tochter Grete, die ihr Bruder Gregor aufs Konservatorium schicken wollte, bei ihnen Violine zu spielen. Von der Musik angezogen, versucht Gregor sich seiner Schwester durch die an diesem Abend geöffnete Tür zu nähern und wird von einem der Zimmerherrn entdeckt. Angewidert kündigen die drei Untermieter, während die entnervte Familie um Fassung ringt und die Schwester nur noch den Wunsch hat, das "Untier" loszuwerden. Gregor schleppt sich mühsam in sein Zimmer zurück und stirbt noch in derselben Nacht. Die resolute neue Bedienerin, die an die Stelle der beiden früheren Dienstmädchen getreten ist, beseitigt am nächsten Morgen die Leiche. Das Ehepaar Samsa und Grete unternehmen, nachdem sie Entschuldigungsbriefe an ihre Arbeitgeber geschrieben haben, einen Ausflug vor die Stadt und besprechen ihre Aussichten für die Zukunft.

Deutung
Man kennt die Geschichten: einer, der frühmorgens aufwacht und aus dem Bett heraus verhaftet wird, mit einer unklaren Anklage und einer unklaren Schuld, der die stickigen Korridore eines seltsamen Gerichts abläuft, von Instanz zu Instanz, von Ratgeber zu Ratgeber, der sich verteidigt und nicht weiß wogegen, einen Freispruch sucht und nicht weiß wovon, der Fragen stellt und nur Fragen zur Antwort bekommt, der einen »Proceß« anstrengt, der ihm vielleicht schon gemacht wird, noch nicht begonnen hat, vielleicht schon entschieden ist oder niemals anfangen wird. Oder ein anderer, der ebenfalls am Morgen aus unruhigen Träumen hochschreckt, sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt sieht, auf dem Rücken liegend und nicht besonders beweglich, der seinen Dienstantritt versäumt und schließlich nichts anderes will als sich verkriechen. Oder ein dritter, der eines Abends mit nichts in der Hand in einem verschneiten Dorf ankommt, einschläft, geweckt wird, wiederum einschläft und am nächsten Morgen nach dem benachbarten »Schloß« aufbricht, dem er nicht näher kommt und das er niemals erreichen wird ...
Einfache und höchst verwickelte Geschichten also, in denen das Alltägliche maßlos und das Unmäßige gewöhnlich wird. Es verwundert daher nicht, daß Kafka beim Vorlesen seiner Texte wie beim Lesen des Proceß-Romans unter Freunden einmal so sehr ins Lachen geriet, »daß er weilchenweise nicht weiterlesen konnte«. Denn was wäre dieses Lachen anderes als die Markierung einer fast unmerklichen Naht, die sich durch Kafkas Texte zieht und die kleinen Mißgeschicke mit den großen Vergeblichkeiten zusammenhält. Es ist dies jedenfalls eine Welt, die sich mit all ihren Bestandteilen ganz im Ausnahmezustand eingerichtet hat. Ihre Kausalität ist die Kettenreaktion, und wie in der Burleske oder im slapstick kann ein morgendliches Verschlafen, ein Stolpern oder ein achtloses Anklopfen ganz unabsehbare Folgen haben.
Das Lachen, so hat man gesagt, reagiere auf Unangemessenheiten, auf Vernichtung und Fall, und dies mag auch Kafkas Sache gewesen sein unfügsame Körper, virtuose Fehltritte, ein erhabenes Wort und eine schräge Geste. Ernste Geschäfte werden im Bett besprochen, Verhandlungen auf dem Dachboden geführt. Das Gesetz ist ein Herrenwitz, das Gericht ein Kinderspiel und der ganze Prozeß womöglich ein »großes Geschäft«. Je düsterer das Geschick, so scheint es, desto grotesker die Szenerie; das eine ist bei Kafka nicht ohne das andere erhältlich, und oft genug ist das Geschehen wie aus einem verstaubten Fundus hervorgeholt, mit wankenden Kulissen, Requisiten aus Pappmaché, ächzenden Brettern und aufgeklebten Bärten. Noch am vermeintlichen Schluß des Proceß-Romans, als Josef K. fast widerstandslos wie Schlachtvieh zur Hinrichtung abgeführt wird, bleibt die Szene ganz und gar operettenhaft: zwei Herren treten zum Zweck dieser letzten Handreichung auf, in »Gehröcken, bleich und fett, mit scheinbar unverrückbaren Cylinderhüten« wie »Tenöre«.
Nirgendwo aber wird das Ungehörige gelöscht, die Spannung gelöst, und Kafkas Komik versagt sich jene glückliche Balance, in der sich das Lächerliche preisgibt, die rechtmäßige Ordnung herstellt und der gesunde Menschenverstand triumphiert. Vielmehr treibt Kafka das Komische einer Spitze zu, wo die Unausgewogenheit endgültig bleibt. Das Lachen zieht auf seiner Rückseite den Schrecken mit sich und tritt in einen geschlossenen Kreislauf mit ihm: die komische Verfehlung verweist auf die schreckliche Diskrepanz und umgekehrt, beide lösen einander ab und gewinnen an Intensität. Gerade damit aber unterbricht diese Komik jede Komplizenschaft mit den Schlägern und trägt sie versuchsweise den Geschlagenen an. Und in dieser Hinsicht zumindest ist Kafkas Lachen für die Literatur, was das reglose Gesicht Buster Keatons für den Stummfilm gewesen ist.

Fast wider Willen hat sich Kafka damit gegen den Anspruch einer hohen Literatur selbst gekehrt und ihr ein paar empfindliche Stöße versetzt. »Um was handelt es sich? Was ist das, Literatur? Woher kommt es? Welchen Nutzen bringt es? Was für fragwürdige Dinge!« Er zieht die großen Gattungen auf einen kargeren Boden herab. Vom antiken Epos ist die Irrfahrt geblieben, von der Tragödie ein unbequemes Geschick, vom bürgerlichen Roman der Durchschnittstyp und von der Künstlernovelle ein untröstlicher Zirkusartist. Dort, wo der Roman etwa (und der Nachhall von Goethes Wilhelm Meister reicht weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein) bedeutsame Lebensläufe und exemplarische Menschen aufgestellt hat, hält es Kafka mit dem Belanglosen, mit minderen Erzählweisen, die dem Fortsetzungsroman, der Abenteuer- und Detektivgeschichte näher stehen als etwa dem Bildungsroman: mit alltäglichen Verwirrungen, kleinen Greueln, verfolgten Tugenden und Episodenketten, die an kein gutes und kaum an ein schlechtes Ende gelangen. Entwicklungslinien werden abgebrochen, Erkenntnisprozesse blockiert, anfängliche Fragen nur neu gestellt, Auslegungen begonnen und verworfen, Expositionen wiederholt. Die betrübten Helden dieser Geschichten sind Unscheinbare, Niemande und Schattenrisse der Normalität. Keine Entfaltung, Durchgestaltung und Bildung dieser Figuren, keine übergreifende Motivation verschiedener Handlungsstränge, kein Plan, der Schritt um Schritt freigelegt würde, kein Mehrwert an Sinn.
Es gehört vielmehr zur Selbstironie von Kafkas Texten, daß sie sich in sich selbst zurücknehmen, daß sie sich um ein leeres Zentrum organisieren, in dem schlechterdings nichts ist, kein Ereignis, kein Gegenstand, kein Wissen. Wie der Zauber des Gesangs, um den es in Kafkas letzter Erzählung geht, Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse: Was ist dieser Gesang? Was ist das Außerordentliche daran? Ist er nicht vielmehr ein Pfeifen? Oder ein Schweigen? Oder eine bloße Erinnerung? Oder nichts? Ein Mißverständnis scheint am Anfang zu stehen, das den Erzählvorgang auslöst und auf das er beharrlich zurückkommt, als ob er sich selbst revidieren wollte, als eine Bewegung im Stillstand, als Erzählen von Geschichten, die kaum über ihr eigenes Beginnen hinauskommen.
Diese Ironie arbeitet am Kern des literarischen Selbstverständnisses, an der Art und Weise, Okkultation und Aufdeckung, Text und Auslegung aufeinander zu beziehen. Oft genug gleicht der Leser daher den Figuren, die in den Texten selbst immer am Außen des Sinns abgleiten. »Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehn derselben Sache«, heißt es in einer der talmudischen Reflexionen aus dem Proceß, »schließen einander nicht vollständig aus.« Verstehen und Nicht-Verstehen kommen zur Deckung, und mit dieser Verrätselung, mit dieser Resistenz gegen das Verstandenwerden hat keine Literatur je den Tiefsinn so sehr herausgefordert und die Scharen der Interpreten gelockt. Und keine hat ihn zugleich mit ebenso großer List hintertrieben, blamiert, verkleinert und persifliert. Es gibt keinen Generalschlüssel zu Kafkas Werk, das gerade dadurch zum Inbegriff dessen wurde, was man in diesem Jahrhundert das Literarische nennen mag, erratisch und allzu bekannt.
Das Element dieser Literatur ist die Wiederholung. Vom »Unglück eines fortwährenden Anfangs« hat Kafka einmal geschrieben, und er hat mit seinem Schreiben dieses endlose Beginnen rekapituliert. Der immense Nachlaß, der dieses Werk ist, liest sich wie eine Reihung von Anfängen, von Versuchen und Einstiegen, die bald länger, bald kürzer geraten, nach einem ersten Satz abbrechen und doch manchmal zum Umfang einer ›Erzählung‹, eines ›Romans‹ anwachsen, die selbst wiederum kaum mit der Zustimmung ihres Autors enden. Wahrscheinlich hat Kafka es damit unmöglich gemacht, so zu lesen, wie man es lange gewohnt war: ein aufgeschlagenes Buch, ein Atemholen und Verweilen, ein Nachsinnen und die Öffnung eines kontemplativen Raums. Wer Kafka liest, dem verwandelt sich das Lesen selbst schon zur Frage. Ihm zerfällt am Ende, was er zu Beginn hineingelesen hat, er wird nie in den Text eindringen und ihm doch nicht entrinnen, an dessen Schwelle gebannt und abgewiesen zugleich. Kein Vorhang, der sich vor einer zweiten Welt lüftet, kein Leitfaden, der in die Tiefe des Textes führt. Je näher man Kafkas Literatur kommt, desto ferner zuckt sie zurück.
So sehr Kafka dies beklagt haben mag, so sehr ist das Unvollendete, das Unvollendbare seiner Texte eine scharfe Konsequenz seiner Methode des Abbaus. Er hat das Autonomiepostulat der Literatur gegen diese selbst gewendet und auf unsolide Weise genutzt, er hat Regeln mit Ausnahmen, Gesetze mit Beispielen, Aussagen mit Bildern und Bilder mit Gegenbildern widerlegt bis an die Grenze der Mitteilbarkeit. Der ethische Anspruch dieser Literatur verbündet sich mit den destruktiven Seiten der Kritik, und wo sie ein emphatisches Verhältnis zur Wahrheit herstellt, ist dieses induktiver Natur. Darum war Kafka so immun gegen die Ideenkonjunktur seiner Zeit, die ihn doch gestreift hat: gegen das expressionistische Pathos des »neuen Menschen«; gegen den Aufbruchslärm des Ersten Weltkriegs (am zweiten August 1914 notiert er kurz: »Deutschland hat Rußland den Krieg erklärt. Nachmittag Schwimmschule«); gegen den Zionismus seines Freundes Max Brod. Jeder ideelle Aufschwung wird mit einer unwiderruflichen Stockung beantwortet und das Material der Erneuerung bestenfalls aus verfemten Resten zusammengesucht. Die Klarheit der moralischen Sätze steht deren Unleserlichkeit in der Erfahrung gegenüber, und alle Maximen sind von unten her, von der Seite ihrer Verwicklung und des Sturzes aus gesehen.
Man ist hiermit bei dem angelangt, was Kafka selbst eine »kleine Literatur« genannt hat, eine Literatur, die kein kultureller Agent, keine Selbstinszenierung des Geistes, kein Idol einer hohen Bildung ist. Ihr Modell hat Kafka am Beispiel der jiddischen Literatur und der Schriften ostjüdischer Gemeinschaften aufgesucht: der Literatur einer Minderheit, die sich in Enklaven und Ghettos behauptet und fest mit den alltäglichen Verständigungen verwachsen ist; einer verkannten Literatur, der es an großen Vorbildern mangelt und die diesen Mangel zur »schöpferischen und beglückenden Kraft einer im einzelnen schlechten Literatur« wendet; einer unmittelbar politischen Literatur, die die kleinsten Angelegenheiten ins Öffentliche übersetzt, keinen Binnenraum anerkennt, die Überhöhung von Meisterschaft und Originalität unterläuft und die individuellen Aussagen kollektiviert. Mit ihrer »Lebhaftigkeit«, »Principienlosigkeit« und »Popularität« steht eine kleine Literatur also an der Grenze zur ›Literatur‹. Sie mißachtet die repräsentativen Instanzen von Werk, Autor, Tradition und mag mit ihrem Anspruch noch eine Lektüreanweisung für Kafkas eigene Texte und nicht zuletzt für die hier versammelten abgeben: Sie wollen nicht kommentiert, sondern benutzt werden; sie lassen sich kaum erklären, aber zur Erklärung herbeizitieren.

Kafkas Literatur hat nicht die Entzauberung der Welt, sondern die Bürokratisierung des Himmels beschrieben und dabei jene Momente aufgespürt, in denen die Apparate sich selbst mythisch geworden sind. Hierarchien verlieren sich in wolkigen Höhen, Amtsstuben sind ins Numinose getaucht, Verwaltungsakte sakral, Bürodiener ziehen wie olympische Sendboten vorüber, und die Lektüre von Zirkularen verlangt eine Mühe, die der Entzifferung alter Orakel in nichts nachsteht. Es mag also sein, daß der Verschuldungszusammenhang moderner Mächte Bürokratie und Kapital unentrinnbar geworden ist, es mag sein, daß es keinen archimedischen Punkt jenseits davon gibt. Das jedenfalls legen Kafkas Texte nahe, die keine condition humaine, sondern das Denkmilieu und den Gesichtskreis der Entmächtigten umreißen. Sie bieten keinen Überblick, sondern eine minutiöse Verwicklung ins Detail; sie beschreiben keine Welt, sondern entziffern Symptome. Zwielichtige Agenten und Funktionäre, nächtliche Verhöre und plötzliche Gewaltakte, Hetzen und Gehetztwerden, eine stetig ansteigende Erschöpfung diese Macht, als deren Experte sich auch der Versicherungsjurist Kafka ausgewiesen hat, ist nicht in Instanzen und Personen verkörpert, sie ist nicht an Orte gebunden und in Hierarchien fixiert, sie hat vielmehr die Konsistenz der Luft, die man atmet, sie ist lastend und unspürbar wie der Druck der Atmosphäre. Kafkas Texte sind gleichsam Barometer für dieses Unsichtbare. Mit dem Realismus von Röntgenbildern verzeichnen sie das überreizte Rechtsgefühl, die Müdigkeiten und Ohnmachten, die Nervosität und die Erregung, die senso-motorischen Defekte und die Fieberkurven, in denen diese Figuren überwach und bewußtlos zugleich ihre Bahn ziehen. Diese Macht, die Kafkas Protagonisten affiziert, ist schließlich eine leibhaftige, sie rückt den einzelnen auf den Leib, durchdringt sie, verwundet sie, bringt sie hervor, macht sie reden, hängt sich ans Lebendige, stimuliert das Erzählen und verdichtet sich in einem psychosomatischen Komplex. Es gibt hier keine Versöhnung, keine Eintracht und kein Außerhalb.
Wie zur Beschwörung des Gegenteils hat Kafka mit seinem Schreiben die Unmöglichkeiten gesammelt, die Ausweglosigkeiten akkumuliert und sich im endlosen Aufschub eingerichtet. Hier trifft sich die Selbstauslegung die »Heiratsversuche«, das »Unglück des Junggesellen«, das Leben als »Zögern vor der Geburt« mit den Expertisen, die Kafkas literarische Texte sind. Wo aber Literatur und Biographie eins werden (»Mein Roman bin ich, meine Geschichten sind ich«) und so sehr zusammenschießen zum Beweis dessen, daß es unmöglich ist zu leben, zählt schließlich nichts als List, Betrug und Sabotage. Darauf sind Kafkas Texte ausgerichtet. Sie inszenieren Widerlegungen und Widerlegungen von Widerlegungen; sie halten sich ans Paradox; sie reißen Widersprüche aus ihren Verankerungen und treiben sie ins Unendliche. Sie deuten Abwege und Fluchtlinien an, sie bringen Reibungen, Störungen und Stockungen in die Funktionsabläufe, sie stehlen Energie und zeigen, daß man wie bei manchen asiatischen Kampfsportarten sabot In der von 1914 »die Maschine ging offenbar in Trümmer; ihr ruhiger Gang war eine Täuschung«.
Das Urteil Die Festigkeit des Menschen? Vielleicht ist sie unantastbar, vielleicht haben wir nichts als dieses Menschsein hier, vielleicht aber schärft eine Gegenprobe den Blick; den Menschenkopf auf einen Affenleib montieren und ihn die Menschengeschichte vom anderen Ende her aufsagen lassen, mit allen Schmerzen und einer Sehnsucht zurück nach den Wäldern: »Hohe Herren von der Akademie! Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen ...« aus welchem Bruche stammten sie? Oft genug fährt darum Kafkas Literatur mit einer plötzlichen Wendung herum, schiebt die verstörten Subjekte, jene Gekränkten und Hoffenden, beiseite und holt ein weniger beseeltes Leben herein, Geschöpfe, die frei von alledem sind und darum freier: Unfertige und Halbgeborene, Tiere und Kreuzungen von Tieren, Nomaden, Narren und kindische Gehilfen. Diesen umherschweifenden Wesen gilt Kafkas tiefste Solidarität. Sie haben die Kontinente von Schuld, Gesetz und Gericht hinter sich gelassen oder niemals gekannt. Ihre Gegend ist Niemandsland, ihre Existenz unbestimmt und ihr Aufenthalt weder irdisch noch himmlisch. Ihr Reich ist bestenfalls der Limbus, die Vorhölle im strengen Sinn. So jedenfalls hat Thomas von Aquin diese einmal beschrieben: als Verwahrort für ungetaufte Kinder, die gottlos gestorben sind, gottlos bleiben werden und denen gerade darum nichts fehlt. Sie sind nicht selig, weil fern vom Anblick des Gottes; aber sie sind vielleicht einen Schritt näher am Glück, weil unwissend und ausgesondert von jenen Sphären des Heils und des Untergangs. Dorthin zu gelangen, in dieses grenzenlose Diesseits, in dieses Leben ohne bestimmten Definitionsbereich, wäre schließlich ein letzter und großartiger Betrug, ein Betrügen ohne Betrug: »›Und wo wohnst du?‹ ›Unbestimmter Wohnsitz‹, sagt er und lacht, es ist aber nur ein Lachen, wie man es ohne Lungen hervorbringen kann. Es klingt etwa so, wie das Rascheln in gefallenen Blättern.« Kafkas Lachen, das Lachen des Saboteurs.

Selbstaussagen Kafkas
KAFKA an Felice Bauer:

24. Oktober 1912
»War das heute eine tüchtig schlaflose Nacht, in der man sich gerade noch zum Schluß, in den letzten zwei Stunden, zu einem erzwungenen, ausgedachten Schlafe zusammendreht, in dem die Träume noch lange nicht Träume und der Schlaf erst recht kein Schlaf ist. Und nun bin ich außerdem vor dem Haustor mit der Trage eines Fleischergesellen zusammengerannt, deren Holz ich noch jetzt über dem linken Auge spüre.«
Briefe an Felice. S. 51.

17. November 1912
»Wieder antworte ich auf nichts, aber Antworten ist eben Sache der mündlichen Rede, durch Schreiben kann man nicht klug werden, höchstens eine Ahnung des Glücks bekommen. Ich werde Dir übrigens heute wohl noch schreiben, wenn ich auch noch heute viel herumlaufen muß und eine kleine Geschichte niederschreiben werde, die mir in dem Jammer im Bett eingefallen ist und mich innerlichst bedrängt. «[1]
Ebd. S. 102.

18. November 1912
»Meine Liebste, es ist ½2 nachts, die angekündigte Geschichte ist bei weitem noch nicht fertig, am Roman [» Amerika« / »Der Verschollene«] ist heute keine Zeile geschrieben worden, ich gehe mit wenig Begeisterung ins Bett. Hätte ich die Nacht frei, um sie, ohne die Feder abzusetzen, durchschreiben zu können bis zum Morgen! Es sollte eine schöne Nacht werden.«
Ebd.

18. November 1912
»Gerade setzte ich mich zu meiner gestrigen Geschichte mit einem unbegrenzten Verlangen, mich in sie auszugießen, deutlich von aller Trostlosigkeit aufgestachelt. Von so vielem bedrängt, über Dich in Ungewissem, gänzlich unfähig, mit dem Bureau auszukommen, angesichts dieses seit einem Tag stillstehenden Romans [»Amerika« / »Der Verschollene«] mit einem wilden Wunsch, die neue, gleichfalls mahnende Geschichte fortzusetzen, seit einigen Tagen und Nächten bedenklich nahe an vollständiger Schlaflosigkeit und noch einiges weniger Wichtige, aber doch Störende und Aufregende im Kopf – [...].«
Ebd. S. 105.

23. November 1912
»Es ist sehr spät in der Nacht, ich habe meine kleine Geschichte weggelegt, an der ich allerdings schon zwei Abende gar nichts gearbeitet habe und die sich in der Stille zu einer größern Geschichte auszuwachsen beginnt. Zum Lesen sie Dir geben, wie soll ich das? selbst wenn sie schon fertig wäre? Sie ist recht unleserlich geschrieben und selbst wenn das kein Hindernis wäre, denn ich habe Dich gewiß bisher durch schöne Schrift nicht verwöhnt, so will ich Dir auch nichts zum Lesen schicken. Vorlesen will ich Dir. Ja, das wäre schön, diese Geschichte Dir vorzulesen und dabei gezwungen zu sein, Deine Hand zu halten, denn die Geschichte ist ein wenig fürchterlich. Sie heißt ›Verwandlung‹, sie würde Dir tüchtig Angst machen und Du würdest vielleicht für die ganze Geschichte danken, denn Angst ist es ja, die ich Dir mit meinen Briefen leider täglich machen muß. [...] Dem Helden meiner kleinen Geschichte ist es aber auch heute gar zu schlecht gegangen und dabei ist es nur die letzte Staffel seines jetzt dauernd werdenden Unglücks.«
Ebd. S. 116.

24. November 1912
»Liebste! Was ist das doch für eine ausnehmend ekelhafte Geschichte, die ich jetzt wieder beiseite lege, um mich in den Gedanken an Dich zu erholen. Sie ist jetzt schon ein Stück über ihre Hälfte fortgeschritten und ich bin auch im allgemeinen mit ihr nicht unzufrieden, aber ekelhaft ist sie grenzenlos und solche Dinge, siehst Du, kommen aus dem gleichen Herzen, in dem Du wohnst und das Du als Wohnung duldest. Sei darüber nicht traurig, denn wer weiß, je mehr ich schreibe und je mehr ich mich befreie, desto reiner und würdiger werde ich vielleicht für Dich, aber sicher ist noch vieles aus mir hinauszuwerfen und die Nächte können gar nicht lang genug sein für dieses übrigens äußerst wollüstige Geschäft.«
Ebd. S. 117.

»Sonntag [24. November 1912] nach dem Mittagessen«
»Heute vormittag war ich bei Baum (kennst Du Oskar Baum?[2] ) wie jeden Sonntag und habe (es war auch Max[3] mit seiner Braut dort) den ersten Teil meiner kleinen Geschichte vorgelesen.«
Ebd. S. 122.

25. November 1912
»Nun muß ich heute, Liebste, meine kleine Geschichte, an der ich heute gar nicht soviel wie gestern gearbeitet habe, weglegen und sie wegen dieser verdammten Kratzauer Reise einen oder gar zwei Tage ruhen lassen. Es tut mir so leid, wenn es auch hoffentlich keine allzuschlimmen Folgen für die Geschichte haben wird, für die ich doch noch 3-4 Abende nötig habe. Mit den nicht allzu schlimmen Folgen meine ich, daß die Geschichte schon genug durch meine Arbeitsweise leider geschädigt ist. Eine solche Geschichte müßte man höchstens mit einer Unterbrechung in zweimal 10 Stunden niederschreiben, dann hätte sie ihren natürlichen Zug und Sturm, den sie vorigen Sonntag in meinem Kopfe hatte. Aber über zweimal zehn Stunden verfüge ich nicht. So muß man bloß das Bestmögliche zu machen suchen, da das Beste einem versagt ist. Aber schade, daß ich sie Dir nicht vorlesen kann, schade, schade [...].«
Ebd. S. 125.

26. November 1912
»Diese ewige Sorge, die ich auch jetzt übrigens noch habe, daß die Reise meiner kleinen Geschichte schaden wird, daß ich nichts mehr werde schreiben können u.s.w. Und mit diesen Gedanken in ein elendes Wetter hinausschauen zu müssen [...].«
Ebd. S. 130.

27. November 1912
»Wirklich Felice, wenn ich so allein in der Nacht hier sitze und wie heute und gestern nicht besonders gut geschrieben habe – es wälzt sich etwas trübe und gleichmüthig fort und die notwendige Klarheit erleuchtet es nur für Augenblicke – [...]. Heute, wo der Roman [»Amerika« / »Der Verschollene«] nun schon über eine Woche ruht und die neue Geschichte zwar zu Ende geht, mich aber seit zwei Tagen glauben machen will, daß ich mich verrannt habe – müßte ich eigentlich noch fester an jenem Entschluß mich halten.«
Ebd. S. 135.

1. Dezember 1912
»Liebste Felice, nach Beendigung des Kampfes mit meiner kleinen Geschichte – ein dritter Teil, aber nun ganz bestimmt (wie unsicher und voll Schreibfehler ich schreibe, ehe ich mich an die wirkliche Welt gewöhne) der letzte, hat begonnen sich anzusetzen – muß ich unbedingt Dir, Liebste, noch Gute Nacht sagen [...].«
Ebd. S. 145.

1. Dezember 19124
»[...] ich bin jetzt endlich bei meiner kleinen Geschichte ein wenig ins Feuer gerathen, das Herz will mich mit Klopfen weiter in sie hineintreiben, ich aber muß versuchen, mich so gut es geht aus ihr herauszubringen und weil das eine schwere Arbeit sein wird und Stunden vergehen werden ehe der Schlaf kommt, muß ich mich beeilen, ins Bett zu gehn. [...]
Liebste, ich möchte gerne etwas Lustiges noch sagen, aber es fällt mir nichts Natürliches ein, auch weinen auf der letzten aufgeschlagenen Seite meiner Geschichte alle 4 Personen oder sind wenigstens in traurigster Verfassung.«
Ebd. S. 147.

3. Dezember 1912
»Liebste, ich hätte heute wohl die Nacht im Schreiben durch- halten sollen. Es wäre meine Pflicht, denn ich bin knapp vor dem Ende meiner kleinen Geschichte und Einheitlichkeit und das Feuer zusammenhängender Stunden täte diesem Ende unglaublich wohl. Wer weiß überdies, ob ich morgen nach der Vorlesung5, die ich jetzt verfluche, noch werde schreiben können. Trotzdem – ich höre auf, ich wage es nicht. Durch dieses Schreiben, das ich ja in diesem regelmäßigen Zusammenhang noch gar nicht so lange betreibe, bin ich aus einem durchaus nicht musterhaften, aber zu manchen Sachen gut brauchbaren Beamten (mein vorläufiger Titel ist Koncipist) zu einem Schrecken meines Chefs geworden. Mein Schreibtisch im Bureau war gewiß nie ordentlich, jetzt aber ist er von einem wüsten Haufen von Papieren und Akten hoch bedeckt, ich kenne beiläufig nur das, was obenauf liegt, unten ahne ich bloß Fürchterliches. Manchmal glaube ich fast zu hören, wie ich von dem Schreiben auf der einen Seite und von dem Bureau auf der andern geradezu zerrieben werde. Dann kommen ja wieder auch Zeiten, wo ich beides verhältnismäßig ausbalanciere, besonders wenn ich zuhause schlecht geschrieben habe, aber diese Fähigkeit (nicht die des schlechten Schreibens) geht mir – fürchte ich – allmählich verloren.«
Ebd. S. 153.

3. Dezember 1912
»Meine Geschichte würde mich nicht schlafen lassen, Du bringst mir mit den Träumen den Schlaf.«
Ebd. S. 154.

Nacht vom 4. zum 5. Dezember 1912
»Ach Liebste, unendlich Geliebte, für meine kleine Geschichte ist nun wirklich schon zu spät, so wie ich es mit Furcht geahnt habe, unvollendet wird sie bis morgen nacht zum Himmel starren [...].«
Ebd. S. 155.

Vermutlich Nacht vom 5. zum 6. Dezember 1912
»Weine, Liebste, weine, jetzt ist die Zeit des Weinens da! Der Held meiner kleinen Geschichte ist vor einer Weile gestorben. Wenn es Dich tröstet, so erfahre, daß er genug friedlich und mit allen ausgesöhnt gestorben ist. Die Geschichte selbst ist noch nicht ganz fertig, ich habe keine rechte Lust jetzt mehr für sie und lasse den Schluß bis morgen. Es ist auch schon sehr spät und ich hatte genug zu tun, die gestrige Störung zu überwinden. Schade, daß in manchen Stellen der Geschichte deutlich meine Ermüdungszustände und sonstige Unterbrechungen und nicht dazugehörige Sorgen eingezeichnet sind, sie hätte gewiß reiner gearbeitet werden können, gerade an den süßen Seiten sieht man das. Das ist eben das ewig bohrende Gefühl; ich selbst, ich mit den gestaltenden Kräften, die ich in mir fühle, ganz abgesehen von ihrer Stärke und Ausdauer, hätte bei günstigern Lebensumständen eine reinere, schlagendere, organisiertere Arbeit fertiggebracht, als die, die jetzt vorliegt. Es ist das ein Gefühl, das keine Vernunft ausreden kann, trotzdem natürlich niemand anderer als die Vernunft recht hat, welche sagt, daß man, ebenso wie es keine andern Umstände gibt als die wirklichen, auch mit keinen andern rechnen kann. Wie das aber auch sein mag, morgen hoffe ich die Geschichte zu beenden und übermorgen mich auf den Roman zurückzuwerfen.«
Ebd. S. 160.

Nacht vom 6. zum 7. Dezember 1912
»Liebste, also höre, meine kleine Geschichte ist beendet, nur macht mich der heutige Schluß gar nicht froh, er hätte schon besser sein dürfen, das ist kein Zweifel.«
Ebd. S. 163.

Nacht vom 10. zum 11. Januar 1913
»Heute im Bett klagte ich zu Dir über diese zwei Verlobungen in einer langen Rede, die Dir gewiß sehr begründet erschienen wäre, jetzt werde ich wohl nicht mehr alles, was angeführt werden müßte, zusammenbringen, und so lasse ich es vielleicht lieber. Du, was für Ansprachen ich an Dich im Bette halte! Wir haben so verschiedene Talente. Ich bin der große Redner im Bett, Du die große Briefschreiberin im Bett.«
Ebd. S. 243.

1. März 1913, 2 Uhr nachts
»Nur paar Worte, Liebste. Ein schöner Abend bei Max. Ich las mich an meiner Geschichte in Raserei. Wir haben es uns dann wohl sein lassen und viel gelacht. Wenn man Türen und Fenster gegen diese Welt absperrt, läßt sich doch hie und da der Schein und fast der Anfang einer Wirklichkeit eines schönen Daseins erzeugen.«
Ebd. S. 320.


Aus KAFKAS Tagebüchern:
20.Oktober 1913
»[...] nun las ich zu Hause ›Die Verwandlung‹ und finde sie schlecht. Vielleicht bin ich wirklich verloren, die Traurigkeit von heute morgen wird wiederkommen, ich werde ihr nicht lange widerstehen können, sie nimmt mir jede Hoffnung. Ich habe nicht einmal Lust, ein Tagebuch zu führen, vielleicht weil darin schon zuviel fehlt, vielleicht weil ich immerfort nur halbe und allem Anschein nach notwendig halbe Handlungsweisen beschreiben müßte, vielleicht weil selbst das Schreiben zu meiner Traurigkeit beiträgt.«
Tagebücher. S. 323.

19. Januar 1914
»Großer Widerwillen vor ›Verwandlung‹. Unlesbares Ende. Unvollkommen fast bis in den Grund. Es wäre viel besser geworden, wenn ich damals nicht durch die Geschäftsreise gestört worden wäre.«
Tagebücher. S. 351.









Quelle: Franz Kafka: Die Verwandlung - Fischer Taschenbuchverlag 1986 Franz Kafka: Die Verwandlung - Stuttgart: Reclam 1995 (Reclam, Klassiker auf CD-ROM) Königs Erläuterungen und Materialien: Franz Kafka, Erzählungen - C. Bange Verlag




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