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Interpretation zu Kafkas Kleiner Fabel


  Note: keine   Klasse: 11









Arbeit: Wir alle brauchen unsere Grenzen und Vorschriften um uns sicher zu fühlen und natürlich auch um Freiheit zu kennen sowie schätzen zu können. Aber kann man bei der Suche seiner Grenzen, folglich mit dem Streben nach Schutz und Sicherheit, auch zu weit gehen? Dieser Gedanke ist für die meisten Menschen, die so viele Freiheiten wie irgendwie möglich genießen wollen, nur schwer nachvollziehbar, doch genau in diesen Blickwinkel könnte Franz Kafkas 1920 geschriebene „Kleine Fabel“ die Leser versetzen.

Was ist zum Inhalt des literarischen Textes zu sagen? Eine Maus ist unzufrieden mit ihrer Welt, die immer enger geworden ist, sodass sie sich schließlich in einer Sackgasse von engen Mauern umgebenen Sackgasse vor einer Mausefalle befindet und zu allem Überfluss auch noch eine Katze hinter ihr steht. Diese hat die Verzweiflung der Maus bemerkt und gibt ihr darauf den Ratschlag umzudrehen. Als sie dem Tipp folgt, wird die Maus Opfer der Katze.

Im ersten Moment haben sicherlich die meisten Leser noch Probleme aus diesem Geschehen auf einen ethischen Grundsatz oder eine Moral zu schließen. Über das allgemeine Verständnis von Fabeln nachzudenken kann dabei helfen den Text zu entschlüsseln. In der Regel stehen die Tiere in Fabeln nämlich für menschliche Charaktere. Sie leben und reflektieren oft gesellschaftliche Probleme. Womit kann man also die Maus und die Katze verbinden? In der Natur sind sie Feinde und vollkommen unterschiedliche Lebewesen und auch in Kafkas Werk sind die beiden bewusst als Gegenspieler eingesetzt worden. Die Maus ist gutgläubig, geradezu naiv. Sie braucht feste Grenzen, nach denen sie ihr Leben richten kann, um sich sicher zu fühlen. Zu große Freiräume ohne vorgegebene Grenzen beängstigen sie. Deshalb ist die Maus froh Mauern zu sehen, läuft auf diese zu und vergisst dabei, dass für sie gewisse Freiräume lebensnotwendig, da ihre einzige Möglichkeit sich den Gefahren des Lebens zu entrinnen die Flucht ist. In die Enge getrieben hat sie keine andere Chance mehr als den ihr durch die Katze erteilten Vorschlag die Laufrichtung zu ändern anzunehmen. Aber die Katze ist heimtückisch und zynisch. Sie könnte die Maus auf der Stelle von hinten schnappen und auffressen, aber sie tut so als ob die Maus eine reelle Chance hätte ihr zu entkommen, aber durch eigenes Versagen zu ihrem Opfer wird. Für das Fressen der Maus wird keine Rechtfertigung abgelegt. Das heißt, dass keine möglichen Gründe genannt werden, die das Verhalten der Katze entschuldigen. In der Natur töten Katzen Mäuse aus Hunger, aus Instinkt oder Spieltrieb. Die Tatsache, dass solche Ursachen für die Hinterlist nicht genannt werden, lässt darauf schließen, dass diese Faktoren für Kafkas Werk absolut keine Bedeutung haben. Vielmehr soll die Katze als Persönlichkeit, die fähig ist ob sie die Maus töten oder am Leben lassen will, dargestellt werden. Sie täuscht der Maus vor ihr helfen zu wollen, doch nutzt ihre Gutgläubigkeit im Grunde nur aus um davon zu profitieren. Ihr Ratschlag dient also rein egoistischen Zwecken, denn in der Welt einer Katze haben Mäuse nichts zu suchen. Gerade dieser heimtückische Ratschlag vermenschlicht das Verhalten der Katze, denn nur Menschen können sich so geplant und aus voller Absicht an anderen vergehen.

Aber wie kann man die „Kleine Fabel“ auf sein eigenes Leben übertragen? Da keine Hinweise auf das eigentliche Thema oder Deutungsansätze gegeben sind, gibt es unendlich viele Möglichkeiten den Text zu interpretieren und aus der Deutung Nutzen für sein eigenes Dasein zu ziehen. Ich möchte bereits an dieser Stelle versuchen die „Kleine Fabel“ auf die Menschen zu übertragen.
Man könnte zum Beispiel davon ausgehen, dass durch das Schicksal der Maus der menschliche Lebensweg beschrieben wird. Als Kind erscheint die Welt für einen unheimlich groß und vor allem sehr geheimnisvoll und mystisch. Man rechnet damit, dass das Leben immer so spannend und voller Rätsel sein wird und kann sich absolut nicht vorstellen wie die Welt einem als Erwachsener vorkommen wird. Genau wie die Sichtweise Maus ist die Sicht der Welt verzerrt oder eingeschränkt. Erst später, wenn man die Erwachsen versteht, die Kontinente und Länder kennt, die Vorgänge im menschlichen Körper nachvollziehen kann und nicht auf unerklärliche Phänomene, die einen herausfordern, trifft, wird man enttäuscht. Aus Neugierde wird Ernüchterung. Plötzlich erscheint das Leben so farblos und planbar. Alles scheint schon erforscht und entschlüsselt zu sein. Auf der Landkarte gibt es keine weißen Flecke mehr. Kurz gesagt, wenn man erwachsen wird und sich weiter bildet, erweitert sich der Horizont. Dadurch erscheint die Welt zwangsläufig viel weniger geheimnisvoll. Je älter man wird, umso weiser wird man, umso bekannter und dadurch kleiner kommt einem die Welt vor und am Ende eines jeden Weges steht, wie bei der Maus in der „Kleinen Fabel“ der Tod.
Wenn man das Verhalten der Maus kritisch betrachtet, kann man Kafkas Werk jedoch auch vollkommen anders interpretieren. Die Maus steht hierbei für eine Person, die nicht dazu fähig ist sich selber Grenzen zu setzen und sich deshalb anderen unterordnet um sich sicher zu fühlen. Allein, im Mittelpunkt, auf sich gestellt fühlt diese Person sich klein und unsicher. Bei ihrer Suche nach Schutz bemerkt sie nicht, dass sie immer weiter in ihr eigenes Verderben läuft bis sie zum Schluss in einer „Zwickmühle“ steckt und aus den selbstgebauten Mauern nicht mehr entrinnen kann. Die Katze stellt in diesem Falle, wie die Mausefalle, eine der Gefahren der Welt dar. Wie könnte man Lebensgefahr für Mäuse deutlicher machen als durch eine Mausefalle, und damit durch den Menschen und eine Katze?
Die „Kleine Fabel“ könnte natürlich auch zentral die menschliche Angst in „Sackgassen“ beziehungsweise „Mausefallen“ zu geraten wiederspiegeln. Fast jeder kennt ausweglos scheinende Situationen, in denen man nicht mehr weiter weiß, nicht vor und zurück kann oder keinen Ausweg mehr findet. Kafka könnte mit seinem Werk dazu anregen, darüber nachzudenken ob man in solche Situationen ohne Entkommen nur durch „Sackgassen“ oder auch durch „selbstgebaute Gruben“ gelangt. Speziell auf die „Kleine Fabel“ bezogen stellt sich die Frage: Hätte die Maus es verhindern können in ihr eigenes Unheil zu rennen? Wenn man sich auf den Charakter des Tieres bezieht, kann man diese Frage mit nein beantworten, da durch ihre ausgeprägte Suche nach Grenzen, ihr Schicksal vorprogrammiert war. Aber wenn man davon ausgeht, dass jeder einen freien Willen ausüben kann, so auch die Maus in der „Kleinen Fabel“ ist es genauso möglich die Frage zu bejahen. Alles in allem hängt hiernach vor allem von einem selbst, seiner Persönlichkeit und seinen Entscheidungen das jeweilige Schicksal ab.
Warum gibt es eigentlich so viele Interpretationsräume? Normalerweise übermitteln Fabeln eine klare oder zumindest eine wage Aussage über ihre Bedeutungen. Bei Kafkas „Kleiner Fabel“ ist das etwas anders. Dem ersten Eindruck nach gehört Franz Kafkas Werk trotz des Titels nicht zu den typischen Fabel, da keine Leitsätze zum näheren Verständnis oder eine Moral am Ende des Textes zu finden sind. Auch die Konfliktsituation zwischen den verfeindeten Tieren kann man nicht sofort überblicken, weil am Anfang des Textes keine Hinweise darauf gegeben werden an wen oder was sich die Maus wenden will. Man erhält den Anschein sie würde einen Monolog führen, da sie niemanden fragt was sie tun soll, sondern einfach nur ein Statement zu ihrem Leben abgibt. Erst als die Katze die Maus anspricht, indem sie ihr einen Ratschlag gibt, kann der Leser überhaupt wissen, dass zwei Charaktere mit einander kommunizieren. Der Leser erkennt aufgrund der genannten Fakten nicht sofort welche Erkenntnis er aus Kafkas Werk ziehen kann. Die „Kleine Fabel“ entspricht aber in sofern der im Titel genannten literarischen Gattung, dass keine Menschen auftauchen, sondern die Tierebene eingehalten wird, obgleich sich die Tiere sicherlich in der Menschenwelt treffen. Außerdem können die Tiere, als ob es selbstverständlich und natürlich wäre, miteinander reden.
Die sprachliche Gestaltung des Textes schafft eine karge, sachliche Atmosphäre. Die Handlung setzt vollkommen ohne Umschweife ein. Die Maus fängt auf der Stelle zu sprechen an, ohne dass nähere Umstände erläutert werden. Der Text besteht hauptsächlich aus dem Dialog zwischen Katze und Maus, der Ankündigung der jeweiligen Rede und zwei Wörtern zur Erklärung des Geschehens („fraß sie“). Obwohl es sehr einfach möglich gewesen wäre, schmückt Kafka den Text nicht aus um Spannung zu schaffen um nicht vom Kern abzulenken. So wird beispielsweise das Verschlingen der Maus durch die Katze weder beschrieben, noch angekündigt oder irgendwie bewertet. Somit ist allein das Gespräch Handlungsträger des Textes. Die durch die beschriebenen sprachlichen Gestaltungsmittel demonstrierte Kargheit ist in Kafkas „Kleiner Fabel“ das sprachliche Gegenstück zum Inhalt. Weil die Interpretation des Inhalts kompliziert und keinesfalls sofort eindeutig ist, ist zum Ausgleich durch die karge, leicht verständliche Sprache notwendig um die Leser nicht zu überlasten und ihre Aufmerksam auf das Zentrum des Textes zu lenken.
Die in Kafkas Text erwähnten Mauern stehen als Metapher nicht nur für ihre lexikalische Bedeutung. Sie haben außerdem einen symbolischen Wert. Die Mauern könnten sowohl für real existierende, als auch vorgeschriebene, als auch selbstgemachte seelische Grenzen stehen. Als Beispiele menschlicher Limits könnte man finanzielle Einschränkungen sowie Unterordnung im Beruf nennen. Der Mensch ist durch Vorschriften eingeschränkt und unfrei, wie die Maus, die in der Sackgasse durch Mausefalle und Katze gefangen ist.
Die Maus lebt in einer individuellen, begrenzten Welt. Ihr Horizont ist stark eingeschränkt, da sie durch Mauern eingegrenzt ist. Die Darstellung einer eingeschränkten Blick- beziehungsweise Denkweise ist mir bereits bei Kafkas „Der Nachbar“ aufgefallen. Sie hilft um sich besser in Situationen anderer versetzen zu können. Indem Kafka bei der „Kleinen Fabel“ Tiergestalten zum Gegenstand seiner Darstellung wählt, versetzt er den Leser sofort auf eine andere Bewusstseins- und Daseinsstufe, in der die normale menschliche Welt nicht zählt und fremd erscheint. Durch die Demonstration von subjektiven Weltbildern eröffnet sich dem Leser ein neuer Blickwinkel. Ihm wird deutlich, dass seine Sicht der Dinge, unabhängig von Thema oder Gegenstand, nicht als allgemein richtig gelten kann, da jeder die Welt auf seine vollkommen individuelle Art und Weise sieht. Des weiteren wird aber auch deutlich wie gefährlich Subjektivität sein kann, denn erst durch ihre subjektive Weltsicht, die darauf basiert Sicherheit durch Grenzen zu suchen, gerät die Maus überhaupt erst in Gefahr.

Am Schluss bleibt die Frage, warum Franz Kafka es dem Leser der „Kleinen Fabel“ so schwer macht einen Sinn in dem Geschilderten zu erkennen. Einerseits könnte man diese Tatsache damit begründen, dass Kafka niemals schrieb um zu veröffentlichen. Die „Kleine Fabel“ kam erst nach seinem Tode an die Öffentlichkeit, so konnte Kafka, selbst wenn er gewollt hätte, den Lesern keinen Ansatz zur Deutung seines Werkes hinterlassen. Anderseits ist es keine Pflicht als Autor seine Werke zu interpretieren. Dadurch, dass Franz Kafka den eigentlichen Sinn offen lässt, bleiben große Interpretationsspielräume für die Leser. Jeder fühlt sich angesprochen, da er die „Kleine Fabel“ auf sein eigenes Leben, seine Probleme, Grenzen und Ziele beziehen kann. Gerade das macht in diesem Falle den Reiz von Literatur aus und führt dazu, dass der Leser sich mit einem so kurzen Text so lange beschäftigen kann.








Quelle: - Kafkas "Kleine Fabel"




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