Utopien in der Literatur - schulnote.de 
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Titel:

Utopien in der Literatur


  Note: 2   Klasse: 11









Arbeit: UTOPIEN


Inhaltsverzeichnis:


1. Einleitung und Übersicht



1.1 Allgemeine Einführung: Utopien und Phantasie

1.2 Utopien in der Literatur





2. Weiterführende Erläuterung am Beispiel von „Paris im 20. Jahrhundert“ von Jules Verne



2.1 Biographie und Werkseinführung von Jules Verne

2.2 Einführung zu „Paris im 20. Jahrhundert“

2.3 Inhaltliche Beschreibung

2.4 Interpretation im Bezug zur damaligen Gesellschaft und Vernes restlichen Werken





3. Abschließende Bewertung im Bezug auf aktuelle und zukünftige Entwicklungen


1. Einleitung und Übersicht





1.1 Allgemeine Einführung: Utopie und Phantasie





Ich möchte mich, bevor ich auf konkrete Beispiele aus der Literatur eingehe, zuerst mit den globaleren Zusammenhängen im Bezug auf Utopien beschäftigen:



Utopien und das utopische Denken ist der menschlichen Kulturgeschichte bis hinein in die Zeiten Platons schriftlich belegt, hat aber mit Sicherheit schon immer existiert. Platons Utopie (ich gehe später noch genauer auf sie ein) ist als Beispiel für die klassische Utopie sehr gut geeignet. Er beschreibt in seiner „Politeia“ ein politisches System, das er als Ideal für seine Gesellschaft betrachtete. Diese Gesellschaft befand sich in jener Epoche in einem Umbruch durch einen Konflikt zwischen dem Individuum als solches und der Vorstellung von der Integration des Einzelnen in das Ganze der Welt.

Schon an dieser Stelle werden einige wichtige Charakteristika von utopischer Literatur deutlich:

Utopien sind literarische Werke mit durchgehend fiktionalem Charakter, das heißt, es wird eine imaginäre Welt geschaffen, an welcher der jeweilige Autor seine Vorstellungen von einer positiven oder negativen Entwicklung der Welt oder der Gesellschaft demonstrieren kann.

Utopien sollen also in jedem Fall auf das momentane „historisch-gesellschaftliche sein“ transformierend wirken und eine Verbesserung der Zustände oder eine Verhinderung von Schlimmeren bewirken, wenn der momentane Zustand nicht mehr mit den ursprünglichen kulturellen Normen und Werten übereinstimmt oder eine solcher Zustand droht.



Der gesellschaftliche Nährboden für eine solche Literaturgattung ist offensichtlich: am häufigsten finden sich Utopien in Epochen, in denen soziale Umbrüche oder größere Umwälzungen, zum Beispiel weitreichende technische Entwicklungen stattfinden, die auch negative Aspekte nachziehen könnten.

Auch religiöse Aspekte können eine große Rolle spielen, wenn eine Gesellschaft, die sich in der Vergangenheit stark auf das Göttliche und Transzendente berufen hatte, plötzlich im Rahmen einer Schwächung der vorher bestimmenden Religionen in eine Situation geworfen wird, in welcher der Mensch gezwungen wird, sein Leben und die Gesellschaft, in der er lebt, selbst zu gestalten und Utopien zu entwerfen, um Entwicklungen vorauszusagen.



Ein Autor gewinnt mit dem Schaffen einer utopischen Welt eine vergleichsweise große Macht, eine Vergangenheit kann manchmal rückwirkend als Fortschritt bewertet werden, eine änderungsbedürftige Gegenwart kann kritisch beleuchtet und eine noch zu schaffende Zukunft kann entworfen und zur Diskussion gestellt werden.

Dennoch bleibt keinem utopischem Entwurf die schlüssige Argumentation erspart, es müssen Defizite schlüssig aufgezeigt und nachgewiesen werden, hierbei wird auch oft ein Vergleich mit einer entfernteren, besseren Vergangenheit benutzt, die als „goldenes Zeitalter“ den Kontrast zum Hier und Jetzt stellt und die Brücke zur goldenen Zukunft schlägt. Gleiches gilt natürlich auch für negative Utopien, wo eine alptraumhafte Zukunft mit Fehlern aus der Vergangenheit verglichen wird.





Mit diesen Voraussetzungen kann man sich nun überlegen, aus welcher psychologischer Motivation heraus Menschen dauernd versuchen alternative Konzepte zu ersinnen und zu entwerfen, welche Rolle die Literatur dabei spielt und in wie weit diese gedanklichen Experimente tatsächlich unsere Wirklichkeit beeinflussen.



Vorweg ein Zitat von Oskar Kokoschka: „Die Welt wird nicht geschaffen von Gott, nicht von der Umgebung, nicht von den ökonomischen Bedingungen, sondern allein durch die Einbildungskraft des Menschen“.

Dieses Zitat zeigt allzu deutlich, daß auch der utopischen und phantastischen Literatur durchaus Bedeutung beigemessen wird, wenn über das Verhältnis von Phantasie und Realitätsbildung im weitesten Sinne gesprochen wird.



Die Einbildungskraft des Menschen, die Phantasie, spielt praktisch in allen Bereichen unseres Lebens einflußreiche Rolle. Sie spielt direkt hinein in unsere Sinneswahrnehmnung, sie hat Teil an der Erinnerung, sie öffnet uns neue Möglichkeiten, begleitet Hoffnungen, Ängste und Vermutungen. Die Phantasie ist die Fähigkeit, Bilder aus dem Nichts zu evozieren, sie ist aber auch, wie der Literaturwissenschaftler Jean Starobinski weiß: „...ein Distanzierungsvermögen, durch das wir uns entfernte Dinge vorstellen und uns von der gegenwärtigen Realität entfernen...indem die Einbildungskraft antizipiert und voraussieht, dient sie dem Handeln, zeichnet sie uns die Gestalt des Realisierbaren vor, noch bevor sie realisiert ist...so trägt sie abwechselnd dazu bei, entweder unsere praktische Herrschaft über das Wirkliche auszudehnen oder die Fesseln, die uns an sie binden, zu sprengen...“



Die utopische Literatur sieht sich dennoch im ständigem Konflikt zwischen Realitätsbezug und dem Abgleiten in die pure Phantasterei, die keiner logischen Argumentation mehr standhält.

Die Spaltung zwischen Wirklichkeit und Phantasie erweist sich für die utopische Literatur, besonders heute, eher als einengend. Günther Grass sagt, daß wir „uns von der Wirklichkeit so domestizieren lassen, daß wir einen erweiterten Wirklichkeitsbegriff allenfalls im Theater ertragen“, das heißt, daß wir die Fähigkeit verlieren könnten, die uns erlaubt, utopische Möglichkeiten und Entwürfe im Kopf zu erkunden und das Spiel mit Imagination und Realität zu treiben.



Wir brauchen laut Grass eher ein Wirklichkeitsbild, das die Phantasie nicht länger ausschließt, sondern sie neben der Realität einen Platz einnehmen läßt, der ihre Bedeutung für das menschliche Sein berücksichtigt, denn „Phantasie erweist sich hier als eine Existenznotwendigkeit, als eine bestimmte Art des Menschen, sich in der Welt vorzufinden; durch die Phantasie erlangt der Mensch die Fähigkeit, ein konkretes Erscheinungsbild anzureichern und zu verändern.“



Zusammenfassend kann man also sagen, daß in jeder Phantasie eine potentiell realitäts- und zukunftsgestaltende Kraft liegt, die nicht deshalb utopisch ist, weil sie irreal ist, sondern weil sie schon ein Bild einer neuen Wirklichkeit in sich trägt, die eine bisher gegebene Realität sprengt und neue, vielleicht notwendige, Entwicklungen antizipiert, vorantreibt und hervorbringt.



Diese Feststellungen lassen sich auch von der modernen Psychoanalyse nicht nur literaturwissenschaftlich, sondern auch naturwissenschaftlich belegen.

Es gibt einige tiefenpsychologische Richtungen, welche die Phantasie als „primus movens“ des gesamten geistigen Entwicklungsprozesses des Menschen im Kindesalter und auch darüber hinaus betrachten.

Man betrachtet hierbei insbesondere das Spielen als die wichtigste „Sprache“ der Phantasie, denn das Spiel ist der Ausdruck einer spezifischen Fähigkeit des Menschen über seine eigenen, vielleicht selbstgeschaffenen, Grenzen hinauszuwachsen und die Grenzen der eigenen Erfahrung auszuweiten.

Phantasie und Kreativität bergen hier insofern eine „utopische Funktion“ in sich, als daß sie sich auch hier als gestaltende Kräfte der frühen menschlichen Selbstgestaltung erweisen. Phantasie ist eben nicht nur ein illusionärer Ersatz, wie es gerne und oft gesehen wird, sondern ein „konstitutives Element“, das zu seiner seelischen Formwerdung beiträgt, laut Rudolf Steiner „die ins seelische metamorphisierte Wachstumskraft“.



Noch Siegmund Freud hatte ein völlig anderes Bild der Phantasie. Für ihn war die Phantasie der pure Ausdruck einer unbefriedigten Realität, der dadurch kompensiert wird, daß die Phantasie eine „Ersatzrealität“ schafft. Er sagte: „Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wunscherfüllung, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit.“

Freud beraubt hier die Phantasie und damit auch die phantastische und utopische Literatur jeglicher utopischer Dimension im Sinne der Glaubwürdigkeit und realitätsgestaltenden Kraft wie sie weiter oben beschrieben worden ist.

Ansichten wie diese sind im späteren Verlauf der Auseinandersetzung scharf von Leuten wie Ernst Bloch angegriffen worden, der meint, Freud würde die Einbildungskraft des Menschen hier zu einem reinen „Naturschutzpark und Spielwiese rückwärtsgewanter Infantilismen“ degradieren.



Sieht man die Phantasie heute aus einer medizinischen Sicht, findet man in der Psychoanalyse sogar schwere phantasiebezogene Störungen und Krankheiten. Phänomene wie „Desymbolisierung“ oder „Alexithymie“ bezeichnen Patienten, bei denen vor allem der phantasierende Welt-Bezug gestört ist, und die in Folge dessen an schweren psychosomatischen Symptomen leiden.

Was ihr inneres Erleben aber vor allem charakterisiert, ist eine mangelnde Phantasie und Symbolisierungsfähigkeit, die eine innere Leere und das Fehlen von Distanzierung zum alltäglichen Leben hervorruft.

Hier wird die Bedeutung der menschlichen Einbildungskraft von der abstrakt-wissenschaftlichen Ebene sehr schnell auf die schmerzhafte physische Ebene der Psychatrie geholt.





Warum die menschliche Einbildungskraft, die Phantasie, die, wie wir oben gesehen haben, so wichtige Teile der menschlichen Existenz entscheidend berührt, oft immer noch ein Schattendasein gegenüber der Rationalität führt, kann man nur spekulieren.

Es ist auch in unserem Jahrhundert ein nicht zu leugnender Fakt, daß die Bedeutung der Phantasie und der Auseinandersetzung mit der nahen und fernen Zukunft immer noch infantilisiert und belächelt wird. Das Spiel mit der Vorstellung wird in das Reich der Kinder abgeschoben, der spielerische Umgang mit moderner Technik ebenso wie mit einfachen Spielsachen wird als vertane Zeit betrachtet und die Wichtigkeit solcher Lern- und Erfahrungsprozesse relativiert.

Erst in den letzten Jahrzehnten wurde die Wichtigkeit dieser Vorgänge erkannt und richtig gedeutet. Einen Wichtigen Anteil hatte natürlich Siegmund Freud, der als erster klar erkannte, daß die Kindheit für die Entwicklung eines Menschen die wichtigste Rolle spielt und nicht eine sinnlos und unproduktiv vertane Lebensperiode von „unfertigen“ Menschen ist, die dummerweise noch nicht arbeitsfähig sind.

Auch Freud hat sich aber im Bezug auf die Funktion der Phantasie aus unserer heutigen Sicht geirrt, wie man weiter oben sehen kann.



Die Gründe für solche und ähnliche Irrtümer sind meiner Meinung nach vielfältig, aber hauptsächlich in unserem westlichen Weltbild und den Faktoren und Personen, die es geprägt haben, zu suchen.

Die Moralvorstellungen, die unser Denken heute noch beeinflussen, sind gezeichnet von einer idealisierten Rationalität und Arbeitsmoral, die gänzlich auf das Hier und Jetzt ausgerichtet sind und eine unterschwellige Verneinung der Spekulation impliziert.



Es hat wie mir scheint, besonders nach dem zweiten Weltkrieg, in diesem Denken einen entscheidenden Umschwung gegeben.

Es hat zwar auch schon vorher eine Auseinandersetzung mit der Zukunft gegeben, die aber offensichtlich nur dann auf breite Zustimmung traf, wenn der Fortschritt als besonders förderlich für die (Arbeits-) Welt dargestellt wird (Ich werde später bei Jules Verne noch genauer auf diesen Punkt eingehen).

Nach dem zweiten Weltkrieg also muß es eine Wende gegeben haben, die zu einem offensichtlichen Boom bei allen Arten von phantastischer und utopischer Literatur geführt hat.



Ich glaube, daß in erster Linie die rasant fortschreitende Entwicklung der Computertechnologie mit dramatischen Folgen wie der Mondlandung, Robotern, Atomraketen und allem, was man bis dahin ersonnen hatte, dazu beitrug, daß Menschen sich nun buchstäblich gezwungen sahen, die Zukunft aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Sie taten und tun dies entweder aus Angst, von einer nicht mehr antizipierbaren Entwicklung überrollt zu werden, oder aus purem Interesse an dem Spiel mit technischen Möglichkeiten, die sich nun boten.





Wie auch immer, jeder Glaube an irgendeine andere Möglichkeit der Existenz kommt jedoch nicht um eine differenzierte Verhältnisbestimmung zur gegenwärtigen oder vergangenen Realität herum, um eine Bewertung von verschiedenen Perspektiven der Zukunft zu ermöglichen. Außerdem beleuchtet die Utopie mitunter auch die Gegenwart und ist unter Umständen Voraussetzung einer Selbstreflexion, die der kritischen Selbstbewertung vorausgeht. Selbstkritik könnte also auf Utopie angewiesen sein.



Diese Leistung liefert für die Menschen die Literatur oder der Film, indem sie das distanzierte gedankliche Spiel mit der Zukunft für jedermann erlauben













Abschließend möchte ich noch einmal die Hauptpunkte thesenartig zusammenfassen:



· es hat immer Utopien in der menschlichen Kulturgeschichte gegeben

· Es gibt sowohl positive als auch negative Utopien (Dystopien)

· Utopien beabsichtigen eine Veränderung des „historisch-gesellschaftlichen“ Seins im Hinblick auf die Zukunft

· Gesellschaften im Umbruch bieten den besten Nährboden für Utopische Gedanken

· auch Utopien müssen argumentativ begründet werden können



· Die Phantasie des Menschen spielt offensichtlich eine entscheidende Rolle in der Realitätsbildung im weitesten Sinne

· Auch aus der Sicht der Psychoanalyse bedarf die Phantasie und die Fähigkeit der Reflexion in der Einbildung eines gesteigerten Interesses, wegen ihrer offensichtlichen Bedeutung

· Menschen haben zum Teil ein gestörtes Verhältnis zur ihrer natürlichen Einbildungskraft und sind aus verschiedenen Gründen gehemmt, diese konstruktiv einzusetzen

· In den letzten Jahrzehnten wurde aufgrund einschneidender technischer Fortschritte sichtbar bemerkt, daß es wichtig ist, die Zukunft zu antizipieren und richtig zu bewerten

· Literatur erweist sich hier als geeignetes Mittel, um die eigene Gegenwart und Zukunft distanziert und kritisch zu reflektieren und einzuschätzen



1.2 Utopien in der Literatur





Obwohl vorher schon angesprochen, sollte man sich klarwerden, was die literarische Utopie ist und sich um eine Definition bemühen:



Grundsätzlich ist ein utopisches Werk eine „zusammenhängende und in sich geschlossene, schriftlich fixierte Darstellung einer Wunschwelt (oder Alptraumwelt)“. Utopien sind also immer fiktionale Texte. Mit einigen anderen literarischen Gattungen berühren sie sich zum Teil sehr eng: Ihr hoher Fiktionalitätsgrad rückt sie in die Nähe des Märchens, von Thema und Stoff her sind sie verwandt mit dem Staats- und Gesellschaftsroman und in der situativen und erzähltechnischen Einbettung verwenden sie oft Formen des Reise- und Abenteuerromans.

Dennoch: obwohl Utopien alle klassischen Literaturvorstellungen erfüllen, also sozusagen „Ur-Literatur“ im Sinne des genuin Literarischen sind, gelten Utopien im Urteil von anspruchsvollen Literaturliebhabern nicht allzu viel. Mit Ausnahme von Thomas Morus’ „Utopia“ (siehe unten) und den großen Dystopien unseres Jahrhunderts hat kaum eines der vielen utopischen oder phantastischen literarischen Werke weltliterarischen Rang gewonnen, Viele sagen sogar, Utopien seien eher schlechte Literatur.

Zu entscheiden, wie solche Ansichten zustandekommen und ob sie berechtigt sind, bleibt dem jeweiligen Leser überlassen und hängt sicherlich von dem jeweiligen Werk ab, meiner Meinung nach spielt aber das im Kapitel 1.1 gesagte, eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang.

Zur klassischen Utopie sagt Christian Enzensberger trotzdem: „[Die literarische Utopie] kann ja für den Helden nur immer eine ununterbrochene Weihnachtssituation herstellen und dementsprechend eintönig fällt auch die sinnliche und emotionale Vergegenwärtigung der Welt aus, in die er versetzt ist...“





Betrachten wir doch einige wichtige Vertreter verschiedener Richtungen dieser umstrittenen Literaturgattung im Nachfolgenden genauer:

Platon: „Politeia“ (dt. „Der Staat“)





Die erste Utopie ist zweifelsohne Platons „Politeia“, weil diese als erstes solches Werk eine klare rationale Argumentationsstruktur aufweist.





Platon, der griechische Philosoph (427-347 v. Chr.) hat mit seiner Ideenlehre die Philosophie des Abendlandes stark beeinflußt. Theologie und Philosophie des christlichen Ostens fußen fast ausschließlich auf Platon. Auch in der modernen Philosophie ist der Einfluß Platons stark zu spüren. Der gewaltsame Tod des Sokrates, seines Lehrers, hat in Platon ein tiefes Mißtrauen gegen die Staatsform der Demokratie ausgelöst, was auch sein berühmtestes Werk, die „Politeia“ beeinflußte. Im Jahre 347 v. Chr. gründete Platon die bekannte „Akademie“, sein berühmtester Schüler wurde Aristoteles.





Die „Politeia“ entstand in Platons mittlerer Schaffensperiode. In seinem Staatsentwurf versucht er, die Frage nach dem Wesen der Gerechtigkeit zu beantworten. Das, was Platon dabei zum Urheber der klassischen Utopien macht, ist das Äußerliche, die Organisation des Staates.

Vor allem die Einteilung der Bürger in die drei Stände: der Stand der Philosophen (Staatsführung), der „Wächter“ (Kriegsführung) und der Vollbürger ist in diesem Entwurf interessant, weniger erfreulich ist jedoch, daß die Sklaverei als selbstverständliche wirtschaftliche Grundlage beibehalten werden soll. In Platons Staat tut jeder nur „das Seine“, das heißt, das, was er am besten kann, wodurch im Idealfall alle Berufe gleichmäßig vertreten sein sollen. Jeder besitzt nur das notwendigste an Eigentum, Geld ist verpönt.

Frauen existieren in relativer Gleichberechtigung, der höchste Zweck von ehelichen Verbindungen ist die Kindererzeugung, Junggesellen werden mit hohen Strafsteuern belegt. Die Kinder werden früh von den Eltern getrennt, um nach ihren Talenten eingeteilt und dementsprechend richtig erzogen zu werden.



Natürlich sind viele der Thesen, die Platon dem Leser vorlegt, nicht realisierbar, die automatische Dispersion der Berufe in gleichen Teilen unter der gesamten Bevölkerung und besonders das praktische Nichtvorhandensein von Eigentum in größeren Maße sind Idealismen, die der menschlichen Natur offensichtlich leider gänzlich widersprechen, wie sich im Zusammenbrechen des Kommunismus eindeutig gezeigt hat.

Jedoch kann man nicht behaupten, daß Platons Ideen zum Staat in der Praxis völlig ignoriert wurden: es gibt eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen der Hierarchie der katholischen Kirche im mittelalterlichen Europa und den Ständen des platonischen Staates. In der mittelalterlichen Kirche bestand eine strikte Trennung zwischen dem Laien- und dem Priesterstand, im Prinzip waren aber alle Männer für den Priesterstand zugelassen, gleichgültig welcher Herkunft. Eine gründliche theologische Ausbildung war der wichtigste Schritt in den Weihestand.

Platons Ideen haben auch, eher indirekt, die Struktur der amerikanischen Verfassung beeinflußt, weil diese, grob gesagt, auch sicherstellen soll, daß nur die besten und weisesten Männer (die „Philosophen“) mit der Staatsführung betreut werden dürfen.







Thomas Morus: „Utopia“





Das erste Werk, das tatsächlich den Namen „Utopie“ trug und damit auch Namensgeber für eine ganze Literaturgattung wurde, ist Thomas Morus’ „Utopia“. Das Wort selbst leitet sich her aus dem griechischen „u-topia“, das soviel wie „Nirgendland“ oder „Nichtland“ bedeutet, aber nicht in der klassischen Literatur belegt ist, sondern eine humanistische Neubildung zu sein scheint.





Sir Thomas Morus (lateinisierte Form von More) lebte von 1478 - 1535 in Großbritannien. Er machte eine steile Karriere, zunächst als Rechtsanwalt, später als Politiker. Heinrich VIII. erhob ihn 1529 zum Lordkanzler. Zum Bruch mit dem König kam es, als dieser sich vom Papst lossagte und selbst den Titel "Oberstes Haupt der Kirche Englands" annahm. Morus verweigerte ihm daraufhin die Gefolgschaft und wurde dafür des Hochverrats angeklagt. 1535 starb er durch das Schafott.









In seinem Werk läßt Morus, offensichtlich basierend auf Platon und angeregt von den Entdeckungen Amerigo Vespuccis, die Insel „Utopia“ aus den Tagebuchaufzeichnungen eines fiktiven „Raphel Hythloday“ entstehen. Auf dieser Insel ist es gelungen, durch völlige materielle Gleichheit eine staatliche Organisation zu schaffen, die keine inneren Konflikte kennt.

Dabei besteht „Utopia“ aus zwei Teilen: einer, später gestalteten, einführenden Rahmenhandlung und der eigentlichen Gesellschaftsfiktion. Der erste Teil geißelt hauptsächlich die Zustände im Großbritannien der damaligen Zeit, der Zweite beschreibt im Kontrast die perfekte Organisation des idealen Staates.

Kritik wird an der höfischen Schmeichelei, an den kriegerischen Auseinandersetzungen, am herrschenden Strafrecht, an der Ausbeutung des Volkes und schließlich auch am König selbst geübt. Die Wurzel allen Übels ist nach Morus’ Ansicht aber das Privateigentum.

Der Reisende Hythloday erzählt nun von der Insel „Utopia“, auf der jegliches Privateigentum abgeschafft ist, die Zahlen beherrschen alles, das höchste Ziel ist die buchstäbliche „Berechenbarkeit“ der Dinge als Grundlage jedes Entwurfes. Alle Bürger müssen den Ackerbau erlernen, hiernach die jeweils wichtigen Berufe als individuelle Spezialisierung.

Geld wird nur für Import und Export sowie für die Kriegsführung benötigt. Die Ehegesetze sind teilweise drakonisch, das Beamtentum wird als „Väter“ bezeichnet. Die Religion wird eher liberal gehandhabt, einige wenige, als besonders fromm befundene, Männer dürfen das Priesteramt ausüben.

Um eine solche Gesellschaft zu erhalten, muß eine organisierte Erziehung gewährleistet sein. Jedes Kind bekommt in „Utopia“ eine wissenschaftliche Grundbildung, auch Erwachsene bilden sich zeitlebens weiter. Kinder, die man für besonders begabt befindet, werden ausgesondert und von körperlichen Aufgaben befreit, um sich geistigen Ämtern zu widmen.



An einigen Stellen finden sich offensichtlich auffällige Ähnlichkeiten zu Platons Staatsgebilde, zum Beispiel bei der Frage des Eigentums, der Berufswahl oder dem Erziehungssystem.

Morus war sich aber auch bewußt, daß für ein solches System ein gewisser Preis zu bezahlen wäre. In diesem Entwurf ist die Voraussetzung für die Autarkie des geschlossenen Systems als zufriedenes Bürgertum die beinahe imperialistische Ausbeutung von Kolonien und Nachbarstaaten.



Mit den Idealen, die Morus ersonnen hatte, lieferte er sich auch persönliche Vorgaben für sein eigenes politsches Wirken am Hofe Heinrichs VIII., zum Beispiel im Briefverkehr mit Martin Luther. Daß er seine Ansichten so unnachgiebig vertrat, könnte auch einen Grund für seine spätere Hinrichtung.







Daniel Defoe: „Robinson Crusoe“





Das Werk „Robinson Crusoe“ („The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe, of York, Mariner“), das 1719 erschien, hat sich schnell ein äußerst weites Publikum erschlossen und ist in seiner Bedeutung für die utopische Literatur nie unterschätzt worden.

Es handelt von dem Seefahrer Robinson Crusoe (nach dem historischen Vorbild von A. Selkirk geschaffen), der auf einer einsamen Insel strandet und sich bald mit seinem „pragmatisch-utilitaristischen Kaufmannssinn“ eine neue Existenz aufzubauen beginnt. Er ordnet die Inselwildnis nach seinen bürgerlichen Vorstellungen und sucht Kontakt zu einem Eingeborenen, um diesen praktisch für sich arbeiten zu lassen.



Daniel Defoe wurde Anfang 1660 (sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt) in London als Sohn eines Fleischers geboren. Defoe hätte ursprünglich puritanischer Geistlicher werden sollen, entschied sich dann aber für die kaufmännische Laufbahn, wo er allerdings bald scheiterte. Er versuchte sich in mehreren Berufen. Aus dem Wunsch heraus, die praktischen Lebensbedingungen seiner Landsleute zu verbessern, gab er nacheinander mehrere Zeitschriften heraus und verfaßte zahlreiche, zum Teil satirische Artikel. Ein heftiger Angriff gegen die religiöse Unduldsamkeit der anglikanischen Kirche brachte ihn sogar an den Pranger, wo ihm das Volk jedoch begeistert zujubelte. Nach einem Gefängnisaufenthalt änderte er seinen ursprünglichen Namen (Daniel Foe) in Defoe. Er starb am 26.4.1731 in London



Nicht nur Erzähleingang und Rahmenhandlung, also Schiffbruch und Landen auf der Unbekannten Insel, sind hier als offensichtliche Parallelen zu sehen, vielmehr ist es aber noch die Konzentration auf das Schicksal des Einzelnen, der völlig auf sich selbst gestellt, gezwungen ist, alternative Konzepte zu entwerfen und zu realisieren.

Dies berührt sich sichtlich mit den organisatorischen Problemen der utopischen Gesellschaftsfiktionen, ein Sachverhalt, der von britischen Literaturwissenschaftlern schnell eingesehen wurde, denn dort wird „Robinson Crusoe“ auch oft als „One-Man-Utopia“ bezeichnet. Wird in vielen anderen Utopien eine gesellschaftliche Utopie vermittelt, die Alle betrifft oder wird sogar der Staat selbst zum Heilsbringer, so spielt sich hier dieser gesamte Prozeß buchstäblich im „Mikrokosmos“ mit einer einzelnen Person in der Isolation einer Insel ab.

Der Roman hat vielen anderen Utopien voraus, daß besonders die Entstehung minutiös geschildert wird. Gewissensforschung, Reflexion, Zweifel und letztlich die Wendung zu Gottvertrauen gehen allen Schritten voraus, die zur Errichtung des kleinen „Staates“ durch den Protagonisten führen. Die Einsamkeit, das eigentlich Typische, Reiz- und Wirkungsvolle an „Robinson Crusoe“, ist aber in sich schon angelegt auf die kommende Begegnung mit anderen Menschen, die gerade diese Einsamkeit aufheben werden: der Kontrast zwischen der Hoffnung auf rettende Wesen aus der eigenen Kultur und der imminenten Furcht vor Gefahren durch Eingeborene.

Deutlich wird hieraus auch eine Grundangst, der damaligen britischen bürgerlichen Gesellschaft, die sich hier quasi dystopisch abzeichnet: der Mensch getrennt von seiner angestammten Umgebung, von seiner Technik, der gepflegten Gesellschaft, mit der er sich umgibt, der (britischen) Kultur, die seine Welt ausmacht. Gleichzeitig aber, wird gerade durch diese widrigen Umstände, in denen der Protagonist dennoch fest zu seinen puritanischen Arbeitstugenden hält, ein bestimmtes Idealbild des Menschen vermittelt, denn auch Daniel Defoe kann seine puritanische Erziehung nicht verleugnen.

Karl Marx sagte über das Werk: „Unser Robinson, der Uhr, Hauptbuch, Tinte und Feder aus dem Schiffbruch gerettet, beginnt als guter Engländer bald Buch über sich selbst zu führen.“







George Orwell: „1984“





Orwells „Nineteen Eighty-Four“ gilt wohl neben Alois Huxleys „Brave New World“ als das beste Beispiel für die klassische Dystopie unseres Jahrhunderts. Sein Werk zeigt den Menschen einem staatlichen Machtapparat ausgeliefert, dessen allgegenwärtiger Repräsentant der „Big Brother“ ist. Der Protagonist, Winston Smith, ist selber Parteimitglied und wechselt vom systemkonformen Bürger langsam zum „subversiven Element“. Er sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit, seinem Hass gegen das System Ausdruck zu verleihen und nach Gleichgesinnten zu suchen.

Als er durch Zufall Julia, eine junge Frau mit gleicher politischer Einstellung kennenlernt und von einer angeblichen Untergrundorganisation in Form eines (Partei-)Vorgesetzten kontaktiert wird, beginnt für ihn eine Phase der Hoffnung und der Umsturzpläne. Leider erweist sich die angebliche Kontaktperson als Falle der Partei, Smith und Julia werden verhaftet, getrennt, gefoltert und als völlig gebrochene Personen wieder in die Freiheit entlassen. Nach einer kurzen Zeit des freien Lebens in der Apathie wird Smith auf offener Straße hingerichtet.





George Orwell (ursprünglich Eric Arthur Blair) wurde 1903 in Motihari auf den Bengalen geboren. Er besuchte die bekannte Schule von Eton, ging aber, statt die Universität zu besuchen, nach Birma, um dort Polizist zu werden. Er beschrieb das Koloniale Beamtentum in „Burmese Days“ später als „ausbeuterisch, hysterisch und korrumpiert“. 1928-29 lebte er in Paris und London, wo er sich als Tellerwäscher und Landstreicher durchschlug. Im spanischen Bürgerkrieg kämpfte er gegen Franco.

Das durchgehende Thema in Orwells Werken ist die Erniedrigung von Menschen durch totalitäre Systeme, ob in der Politik oder in der Gesellschaft. Orwells bekanntestes Werk neben „1984“ ist die berühmte Gesellschaftssatire „Animal Farm“.

Das Faszinierende an Orwells Roman ist sicherlich die dichte, äußerst bedrückende Atmosphäre. Es herrscht die totale Überwachung und Kontrolle durch den Staat, der sich modernster Technik bedient, Ideologische Gleichförmigkeit mit überall präsenten Symbolen wie dem „großen Bruder“ und die Menschen stehen mit einer geisterhaften weil freiwilligen Begeisterung hinter dem System, das sie eigentlich offen ausbeutet und verhöhnt.

In „1984“ als Dystopie wird auf erschreckende Weise gegen den Menschen gewendet, was in den klassischen Utopien zu seinem Wohl arbeitet: der Staat und die Technik. „Ozeanien“, der fiktive Staat in „1984“ ist zum reinen Selbstzweck geworden, der mit haarsträubenden Ideologien und fiktiven Kriegen die katastrophalen Zustände (geschildert wird London) rechtfertigen muß. Die Welt ist hochtechnisiert, wie man an der Überwachungstechnik sehen kann, aber die Menschen haben nicht einmal genügend Rasierklingen. Da es nur drei Superstaaten gibt, die sowieso keine Kriege mehr führen können, ohne sich gegenseitig auszulöschen, führt man verheerende Raketenangriffe auf das eigene Land durch, um den Glauben an fiktive Konflikte zu belegen, die rückwirkend das Vertrauen auf den eigenen Staat stärken sollen.

Die ideologische Verblendung der Leute ist vollkommen, die Denunziation blüht und die Menschen freuen sich über jede ebenso fiktive Erfolgsmeldung ihrer Autorität, des großen Bruders. Währenddessen versucht das „Ministerium für Wahrheit“ die Fakten zu vertuschen, indem alle Aufzeichnungen über die Vergangenheit „angepaßt“ werden, um jeden Versuch der Beweisführung gegen das System zu unterminieren, sogar Smith zweifelt an seinen Zweifeln („Doublethink“) bis er in den Besitz eines Dokuments kommt, das eine politische Hinrichtung zweifelsfrei belegt. Parallel wird auch versucht, die Sprache so weit zu manipulieren und zu reduzieren („Newspeak“), um mögliche Revolten im Vorfeld zu neutralisieren, indem man einfach die nötigen Worte abschafft.



Besonders der Teil von der Verhaftung Smiths bis zu dessen Erschießung ist für den Leser niederschmetternd, weil immer klarer wird, daß die Entwicklung keinen anderen Schluß als Smiths Tod zuläßt, doch diese Determiniertheit wird noch verschlimmert, da der Beamte, der mit seiner „Behandlung“ beauftragt ist, großen Wert darauf legt, daß Smith das apathische Vertrauen in den „großen Bruder“ vor seiner Exekution wiedergewinnt.



Genau wie das Werk von Daniel Defoe ist „1984“ nur ein Zeugnis seiner Zeit. Nachdem man den zweiten Weltkrieg überstanden hatte, wuchs nun offensichtlich nach der Erfahrung mit den Nazis die Angst vor übermächtigen Ideologien, namentlich dem Kommunismus.

Die gleichförmigen Massen in blauen Parteiuniformen, die in festem Vertrauen zu ihrer Ideologie Feindbilder akzeptieren und die fortschreitende Technologie im Waffensektor sollen ganz offensichtlich an die UDSSR oder das China der Fünfziger Jahre erinnern. „Nineteen Eighty-Four“ ist ein Produkt des aufkommenden kalten Krieges und in seiner Funktion, die es später selber in der Ideolgiebildung einnahm, sehr fragwürdig, bleibt aber neben „Brave New World“ sicherlich die faszinierendste Dystopie.



2. Weiterführende Erläuterung am Beispiel von „Paris im 20. Jahrhundert“ von Jules Verne





2.1 Biographie und Werksübersicht von Jules Verne





Jules Verne wurde am 8. Februar 1828 in Nantes, Frankreich, geboren.

Mit Victor Hugo als einziger Ausnahme, ist Jules Verne der bekannteste und erfolgreichste Autor der jüngeren französichen Literaturgeschichte, seine bekanntesten Arbeiten sind nach der Bibel und den Werken von Tolstoi und Lenin die meistübersetzten Bücher der Welt.

Nach seiner Jugend in Nantes begann Verne in Paris Jura zu studieren, erkannte aber nach dem Studium bald, daß seine wahre Berufung im Schreiben von Romanen, Theaterstücken und Opernlibretti liegt.

Darüber hinaus hat sich Verne auch autodidaktisch mit den rapide wachsenden Naturwissenschaften des letzten Jahrhunderts, insbesondere mit der Ingenieurswissenschaft und der Geologie beschäftigt.

1863, als Verne schon 35 war, stellte er sein erstes Buch „Cinq semaines en ballon“ (Fünf Wochen im Ballon), in Paris vor. Es wurde in kürzester Zeit ein überwältigender Erfolg und erwies sich als Überraschung, da es vorher von 15 Verlagen abgelehnt worden war.



Der finanzielle Erfolg durch sein Erstlingswerk ermöglicht Verne von nun an ein unabhängiges Schreiben und einen vornehmeren Lebensstil. Er ist zwar durch und durch ein Pariser, zieht aber mit seiner Frau zu deren Verwandten nach Amiens, wo er ein großes Haus mit dazugehörigem Grundstück kauft. Trotzdem kehrt er regelmäßig für ein oder zwei Tage im Monat nach Paris zurück, so auch 1886, als sein Neffe ihn bei einem seiner Parisbesuche mit einer Pistole in das linke Bein schießt. Die Gründe für den Vorfall sind nie aufgeklärt worden, aber fest steht, daß Verne danach humpelte und erheblich in seinem täglichen Leben eingeschränkt war.



Was Jules Verne als Menschen charakterisierte, war ein extremer Perfektionismus. Jedes Buch (er veröffentlichte durchschnittlich zwei Romane pro Jahr) mußte bis zu acht Mal auf Fehler überprüft werden, bis Verne es zum Druck freigab und die Stilistik hatte in seinen Augen perfekt zu sein, bevor er zufrieden war. Auch in wissenschaftlichen Details ließ er besondere Sorgfalt walten, indem er bei jeder Unklarheit seinen Freund Joseph Bertrand befragte, der an einem Institute beschäftigt war.

Auch der Alltag von Jules Verne war entsprechend durchorganisiert: Früh aufstehen, bis Mittag in seinem Arbeitszimmer an seinen Werken arbeiten, Essen, weiterarbeiten, Essen, früh schlafen gehen.



Verne hat mit diesen Methoden insgesamt 98 Bücher veröffentlicht, zu den bekanntesten und erfolgreichsten seiner Werke gehören zum Beispiel „Voyage au centre de la terre“ („Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, 1864), ein Werk, das die wachsende Neugier für den eigenen Planeten ausdrückt. „De la terre á la lune“ („Von der Erde bis zum Mond“, 1865) thematisiert tatsächlich die Raumfahrt, die damals nur als wilde Spekulation gelten konnte. Zwar wird der Mond mit aus heutiger Sicht lächerlichen Mitteln, nämlich einer Kanone, erreicht, aber allein die Bereitschaft, sich mit einer solchen menschlichen Vision auseinanderzusetzen drückt schon Vernes sichtbare Faszination für die Technik aus, die ihn mit vielen Lesern verband. In „Vingt mille lieues sous les mers“ („20000 Meilen unter den Meeren“, 1869) geht es um das Unterseeboot, „Nautilus“, was Mitte letzten Jahrhunderts zwar auch noch pure Fiktion war, aber die Leser akzeptierten das Thema trotzdem oder wahrscheinlich gerade deshalb so offensichtlich. Das vierte Buch Vernes, das wie die anderen wirklich weltweiten Erfolg hatte, war schließlich „Le tou du monde en 80 jours“ („Die Reise um die Erde in 80 Tagen“, 1873).



Wer die Protagonisten in Vernes Büchern sind, ist klar: die Helden sind immer die Gelehrten, Ingenieure oder Erfinder, die im Laufe der Geschichte, die fast immer eine Reise zum Thema hat, zu Entdeckern werden, um den wissens- und sensationslustigen Leser mit in bisher unerforschte Regionen der Erde oder der Technik zu nehmen.



Verne wollte, laut eigener Aussage, immer Bücher schreiben, „aus denen die Jugend profitieren“ konnte, jedoch kein Prediger, er verstand sich offensichtlich eher als Mann der Wissenschaft, der diese seinen Lesern näherbringen wollte. Dennoch hat Verne mit seinem Spätwerk, den „Voyages Extraordinaires“, die etwa 60 Bücher umfassen, gezeigt, daß er sich auch der negativen Folgen seiner perfekten Technik in einer unperfekten Zeit bewußt war.

Jedoch hatte er seine großen Erfolge mit den genannten früheren Werken, aber daß es auch schon früh einen kritischen Jules Verne gab, konnte man bis zu der Veröffentlichung von „Paris im 20. Jahrhundert“ 1994 nur ahnen. Jules Verne starb 1905 in Amiens.



2.2 Einführung zu „Paris im 20. Jahrhundert“





Das Auffälligste an „Paris im 20. Jahrhundert“ ist sicherlich das späte Erscheinungsdatum: Das Buch erschien in der Erstauflage erst im Jahr 1994 bei Hachtette unter dem Namen „Paris au Xxe siècle“.



Das Buch war zwar schon lange in Publikationen über Jules Verne aufgeführt worden, aber wo das Manuskript verschollen war und warum es nie zur Veröffentlichung gelang, konnte man nur vermuten.

Daß überhaupt die Existenz bekannt war, verdankte man Michel Verne, der sofort nach dem Tod seines Vaters ein Verzeichnis der noch unveröffentlichten Werke angelegt hatte, um nicht in Verdacht zu geraten, er hätte die posthum erscheinenden Werke des berühmten Jules selbst geschrieben. Trotzdem tauchte das fragliche Werk auch in dem Nachlaß, den Familie Verne Nantes, der Geburtsstadt von Jules Verne, 1980 vermachte, nicht auf. Das Manuskript lag zu dem Zeitpunkt noch in einem Safe, der für leer gehalten wurde.

Daß der Roman ein solches Schicksal genommen hatte, war jedoch kein Zufall: Jules Verne hatte ihn 1863, also sehr kurz nach dem sensationellen Erfolg von „Fünf Wochen im Ballon“, seinem Verleger Pierre-Jules Hetzel vorgelegt. Diesmal ist Hetzel jedoch, im Gegensatz zu Vernes vorherigem Werk, recht wenig begeistert.

Ihm mißfällt der pessimistische Ton, er wirft Verne allerlei stilistische Mängel vor und der tragische Protagonist, Michel, erscheint Ihm schlicht „unerträglich“.

Er schreibt in einem Brief an Verne: „Mein Lieber Verne...Ihr Michel plustert sich mit seinen Versen wie ein Truthahn auf...sogar wenn sie ein Prophet wären, würde keiner Ihre Prophezeiungen glauben, es würde die Leute einfach nicht interessieren...eine Veröffentlichung wäre eine Katastrophe für ihren Ruf...“



Verne folgt dem Ratschlag seines Verlegers, schließt das Manuskript (zu späterer Veröffentlichung?) in dem erwähntem Safe ein und besinnt sich in den folgenden Jahren wieder auf seine finanzielle Stärke, den „optimistischen Fortschritts-Abenteuerroman“, erst in den 1880er Jahren veränderte sich der Ton von Vernes Werken, wahrscheinlich im Zusammenhang mit persönlichen Ereignissen, wieder in eine eher kritische Richtung.




2.3 Inhaltliche Beschreibung zu „Paris im 20. Jahrhundert“





Nachdem im Kapitel „Utopien in der Literatur“ verschiedene utopische oder dystopische Werke kurz zusammengefaßt und bewertet wurden, möchte ich mich mit dem Werk von Jules Verne nun etwas ausführlicher beschäftigen und hervorheben, wie er unsere Zeit vorausgesehen hat, was er daran kritisierte und in wie sich das Bild der Zukunft, das er hier formuliert von dem damaligen Zeitgeist abhebt.



Verne hat dem Text wohlweislich noch ein Gedicht vorangesetzt, das schon zu Anfang keinen Zweifel über die Aussage des Buches läßt:





Oh schrecklicher Einfluß jener

Rasse, die weder Gott noch

König dient, ergeben den

weltlichen Wissenschaften,

den gemeinen Maschinenberufen!

Was würde sie nicht alles

anstellen, ließe man ihr freie

Hand, zügellos hingegeben

jenem unheilvollen Geist des

Wissens, Erfindens und

Perfektionierens



PAUL-LOUIS COURIER





Die Handlung startet sozusagen in ‘medias res’ im Leben von Michel Jérôme Dufrénoy, des Protagonisten. Michel ist ein junger Literaturstudent und versucht sich als angehender Poet und Dramatiker.

Das erste Kapitel beginnt am 13. August 1960, also mehr als 100 Jahre nach der Zeit der Entstehung des Romans und ist übertitelt mit „Erste Allgemeine Bildungskreditbank“. Die Organisation, die damit bezeichnet wird, ist der Nachfolger der klassischen Schule, eine Aktiengesellschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Bildung zu organisieren und zu einem wirtschaftlichen Erfolg zu machen, was auch offensichtlich geglückt ist. „Eine durchschnittliche Bildung [war] bis in die letzten Schichten der gesellschaftlichen Ordnung gedrungen...“, Verne macht aber jedoch auch schnell klar, daß es nicht nur die Effizienz ist, die sich in diesem industrialisierten Bildungssystem geändert hat: auch die Lehrpläne und Bildungsziele selbst haben sich grundlegend verändert, in den Schülern werden weniger die sprachlich-künstlerischen Fähigkeiten gefördert, sondern nur die Naturwissenschaften „mit mechanischen Mitteln eingeflößt“: „Doch wenn auch die letzten Griechisch- und Lateinlehrer endgültig in ihren vereinsamten Klassen ausstarben, welchen Rang nahmen die Herren Professoren der Wissenschaften ein, und auf welch distinguierte Weise sahnten sie ab!“.

Diese Organisation also richtet im ersten Kapitel ihre jährliche Zeremonie zur Verleihung der Preise für besondere Leistungen aus.

Während die Preisträger der wissenschaftlichen Disziplinen aus den Publikum frenetischen Beifall ernten, wird Michel für seinen 1. Preis in „Lateinischen Versen“ nur Gelächter und mitleidige Bemerkungen zuteil.



Im zweiten Kapitel beschränkt sich Verne darauf, Michel durch Paris streifen zu lassen, um dem Leser einige Details des neuen Paris aber auch wichtige technische Entwicklungen, besonders im Bereich Verkehr, näherzubringen.

Interessant sind dabei die Magnetbahnen, die dem „Transrapid“ nicht unähnlich sind. Diese sogenannten „Railways“ werden durch Magnetkraft in Verbindung mit Druckluft betrieben. Diese Druckluft kommt aus riesigen Luftspeichern, der „Pariser Katakombengesellschaft“, deren Aufgabe es ist, die Haushalte und die Industrie, ähnlich den heutigen Stromversorgern, mit Druckluft für den Antrieb von allerlei Geräten beliefern.

Der Individualverkehr mit Pferdewagen ist einer Fortbewegung mit sogenannten „Gascabs“ gewichen, die verdächtige Ähnlichkeiten zu heutigen Autos mit Verbrennungsmotor aufweisen sie bewegen sich „mit Hilfe eines Motors, bei dem sich die Luft durch Gasverbrennung ausdehnte“.

Verne meinte, daß der Verkehr sich erheblich verringern würde, wenn es keine langsamen Pferdekarren mehr gibt, was aber auch eine wichtige Voraussetzung sei für das „fieberhafte Jahrhundert, in dem die Vielfältigkeit der Geschäfte keine Ruhepausen zuließ und keine Verspätung gestattete“.



Im nächsten Kapitel nimmt sich Verne wieder der Menschen des 20. Jahrhunderts am Beispiel von Michels Onkel an: Michel will seinem Onkel klarmachen, daß seine Berufung weder die so hoch angesehene Wissenschaft, noch die Wirtschaft, sondern die Kunst sei. Die Antwort ist abzusehen: „[Michel], Sie treiben bereitwillig im Strom des Idealen und das Resultat...war bisher dieser Preis, den Sie zu unser aller Schande gewonnen haben.“. Deutlich wird auch hier, was Verne am stärksten in seiner Vision vermißt, das Idealistische, das immer mit der Kunst verbunden war, es ist hier verdrängt worden von trockenen Zahlen, die nur Umsätze und Gewinne kennen. Von genau diesen Zahlen läßt sich auch Michels Onkel leiten, als er den jungen Mann in einer Bank zur Ausbildung anmeldet.



Um seinen letzten freien Tag vor dem Beginn seiner ungeliebten neuen Arbeit zu nutzen, beschließt Michel, sich einige bekannte Werke der französischen Literatur zu beschaffen, scheitert aber im größten Buchladen von Paris kläglich, zu Victor Hugo oder Balzac hört er nur: „Monsieur, das haben wir nicht. Diese Autoren waren zu ihrer Zeit sicherlich kaum bekannt, ihre Werke sind nicht wieder aufgelegt worden.“

Mit letzter Verzweiflung findet er noch in die Stadtbibliothek, wo er überraschend Erfolg hat weil er, noch überraschender, seinen anderen Onkel findet, der mit Michel die Leidenschaft für die Literatur teilt und sich der Situation durchaus bewußt ist: „Die Literatur ist tot mein Kind,...ich bin der Hüter dieses Friedhofs hier, und die Exhumierung ist Untersagt.“



Mit neuer Hoffnung tritt Michel im fünften Kapitel seine Stelle in der Bank an. Interessant sind hier die einzelnen technischen Errungenschaften der Bürotechnik, die Verne erdacht hat: die Rechenmaschinen, die Michel bedienen muß, weisen ziemliche Ähnlichkeit mit heutigen elektronischen Geräten auf: "„drückte man auf die Tasten einer Klaviatur, erhielt man augenblicklich Endsummen, Restbeträge, Produkte...“ auch das Fax tritt schon in Erscheinung: „Die photographische Telegraphie...erlaubte überdies, das Faksimile jedes beliebigen Schriftstücks in weiteste Fernen zu schicken und über fünftausend Meilen hinweg zu unterzeichnen. Das telegraphische Netz überzog also die gesamte Erdoberfläche“ Sätze wie: „Amerika war keine Sekunde von Europa entfernt.“ erinnern sogar stark an die Slogans von Menschen, die heute den Beginn der Informationsgesellschaft postulieren.

Dennoch war Verne auch die Schattenseite der florierenden Geldwirtschaft bewußt, denn er sagt, daß sich die „Diebe genausoschnell vermehrten wie die Geschäfte“.

Natürlich eckt Michel auch hier mit seinen Ambitionen an, man sagt über ihn: „Er ist das was man früher als Künstler bezeichnete und was wir heute einen Verrückten nennen.“



Nach einem Zwischenfall mit einer selbstverteidigenden Registrierkasse, wird Michel zum „Großen Hauptbuch“ versetzt, eine Arbeit, die man ihm eher zutraut. Das Hauptbuch, das die Angestellten wie eine Gottheit in einem (Finanz-)Tempel verehren, wird von einem Schreiber namens Quintsonnas geführt, der sich nach einiger Zurückhaltung auch als Künstler entpuppt, der mit der Arbeit am Großen Buch nur seinen Lebensunterhalt bestreitet, um seine Beschäftigung mit der Musik weiterführen zu können, ein Leben im ständigen Kompromiß. Er hat es offensichtlich geschafft, sich in dieser für Künstler unwirtlichen Welt unerkannt anzupassen: „Hier bin ich Buchführer, der Schreiber ernährt den Musiker...“

Michel freundet sich mit seinem zweiten Gesinnungsgenossen schnell an und trifft sich regelmäßig mit ihm.



Zu Beginn des siebten Kapitels treffen sich die beiden Männer in Quintsonnas kleiner Wohnung, bald kommt noch ein dritter, Jacques Aubanet, dazu. Die Drei beginnen während des Essens über ihre eigene Rolle und die Rolle der Kunst in der Gesellschaft zu diskutieren. Wieder sind sie sich darüber einig, daß die Kunst inzwischen völlig von den monetären Interessen verdrängt worden ist: „Ich frage dich, was [der Poet] auf dieser Welt zu suchen hat, auf der die höchste Pflicht des Menschen darin besteht, Geld zu verdienen!“ Sie sind sich auch einig, daß die Menschen des 20. Jahrhunderts gar kein Verhältnis mehr zu hintersinniger Literatur mehr haben, sondern nur noch die simple, leicht zu verarbeitende Unterhaltung wünschen: „diese Welt ist nur mehr ein Jahrmarkt...man muß die Leute mit Gaukelspielen unterhalten.“ Es gibt jedoch noch eine zweite Möglichkeit, um die Menschen dieses Jahrhunderts zu fesseln, wie Quintsonnas zu Michel sagt: „Du mußt in deinen Versen die Wunder der Industrie preisen!“

Interessant, daß Verne hier vielleicht selbst die Ursachen für seinen Erfolg mit „Fünf Wochen im Ballon“ durchschaut hat. Er beginnt offensichtlich, eine Entwicklung in seiner eigenen Zeit zu erkennen, die er zwar selber mit seinen ‘normalen’ Werken unterstützt und sogar ausnutzt, aber als Schriftsteller auch nicht wirklich gutheißen kann.



Die Hauptthematik des achten Kapitels, immer noch in Quintsonnas’ Wohnung, ist die Musik des 20. Jahrhunderts. Die drei Männer sind sich einig, daß die Wissenschaft in der Kunst, besonders aber der Musik nichts zu suchen habe. Interessant ist dabei aber, daß Verne durch Quintsonnas offenbar zum Ausdruck bringen will, daß er auch Innovation in der Musik für nicht akzeptabel hält. Die Musik der vergangenen Jahrhunderte wird scheinbar von ihm so hoch bewertet, daß keine Verbesserung für möglich gehalten wird. „Man sucht nicht nach neuen Ausdrucksformen, in der Musik gibt es nichts neues zu finden, genausowenig wie in der Liebe...“ Eine Auffassung von Kunst und Innovation, die zur heutigen auch nicht unterschiedlicher sein könnte. Das Kapitel schließt damit, daß Quintsonnas seinen Freunden das Musikstück vorstellt, mit dem er seinen künstlerischen Durchbruch schaffen will, ganz im Stil der neuen Zeit.



Kapitel neun leitet Michels Besuch bei Onkel Huguenin, ein, den er vorher in der Bibliothek kennengelernt hatte und der sein unerwünschtes Interesse für Literatur teilt. Hier ist zum ersten Mal von einem Monsieur

Richelot und seiner Enkelin Lucy die Rede. Richelot war der Lateinlehrer von Michel, unschwer zu ahnen, welchen Verlauf seine Karriere in dieser Zeit nimmt.



Das gesamte zehnte Kapitel beschäftigt sich mit der eigenen Bibliothek von Huguenin, in der er etliche Werke der klassischen französichen Literatur gesammelt hat, um sie vor einem Schicksal in der Vergessenheit zu bewahren. Er vergleicht sie sogar mit einer „Armee“: „...denk daran, daß die schönste Armee der Welt vor deinen Augen aufmarschieren wird, denn es gibt keine andere Nation, die in der Lage wäre, eine ebenbürtige aufzubieten...“ Verne legt hier offensichtlich sogar einen literarischen Nationalismus zutage. Die nächsten Seiten sind somit ein reiner Rundgang durch die französische Literatur, die beiden Männer schreiten die Reihen der Bücher ab wie eine „Truppenschau“.

Michel kommentiert die Sammlung mit den Worten: „Ich denke, daß dieses kleine Zimmer alles enthält, was ein Mensch braucht, um sein ganzes Leben lang glücklich zu sein.“, dennoch warnt ihn der Onkel im Gedanken an das 20. Jahrhundert: „denk daran, was du bist, was du erreichen mußt und denk an diese Zeit, in der wir beide leben.“



Zu Beginn des 11. Kapitels sieht Michel seinen alten Lehrer Richelot wieder und lernt danach auch seine Enkelin Lucy kennen: „Dieses Mädchen war die lebendige Poesie, er spürte sie, mehr als er sie sah, sie traf zuerst sein Herz, und dann seine Augen.“

Was Verne hier in so pathetischen Worten beschreibt, ist das, wonach Michel in seinem ganzen bisherigen Leben gesucht hatte: die Verbindung von Realität und Poesie im kalten 20. Jahrhundert des Jules Verne.



Nach dieser Begegnung hat Michel das Bedürfnis, sich etwas genauer mit den Menschen des 20. Jahrhunderts zu beschäftigen und bittet deshalb Quintsonnas um Rat. Dieser belehrt Michel zuerst über die Frauen, insbesondere die Pariserinnen: „Der Schmetterling wurde zur Raupe. Der Engel der Geometrie, der einst mit seinen verführerischen Kurven so großzügig gewesen war, überließ die [pariser] Frau der ganzen Unerbittlichkeit der Linien und spitzer Winkel.“ Davon ausgehend, holt er aus, um die französische Gesellschaft zu charakterisieren: „Ein jeder bereichert sich, ausgenommen der Körper und der menschliche Geist“, er beklagt die Auflösung von Werten wie der Familie: „In einer Zeit, in der die Familie sich aufzulösen droht, in der die Selbstsucht jedes Familienmitglied in eine andere Richtung treibt, in der das Bedürfnis, sich um jeden Preis zu bereichern, die Empfindungen des Herzens abtötet...“

Quintsonnas redet sich dermaßen in Rage, daß er aus Versehen mit der Faust die Tinte trifft und damit das „Große Hauptbuch“ befleckt, was zu seiner und Michels sofortiger Entlassung führt.



Im dreizehnten Kapitel, das mit „Wo es darum geht, wie leicht ein Künstler im 20. Jahrhundert Hungers sterben kann“ übertitelt ist, wird offensichtlich die Frage diskutiert, wie Michel als arbeitsloser Künstler überhaupt sein Leben finanzieren kann, denn Sozialversicherungen oder ähnliches gibt es natürlich in Vernes Welt nicht. Gestellt wird diese Frage von Quintsonnas: „Da er ein Bursche ist, der weder Finanzier noch Geschäftsmann, noch Industrieller werden kann, wie soll er sich in dieser Welt durchschlagen?“ Im folgenden Gespräch treffen die idealistische Welt von Michel, der nur ein „Leben an der Frischen Luft“ leben und die „Definition von Glück in die Praxis“ umsetzen will, auf die schon sichtbar durch ihre Erfahrungen mit diesem Jahrhundert desillusonierten Ansichten von Huguenin und Quintsonnas. Ansichten zum Beispiel auch über Politik: „Es gibt in Frankreich keine Parteien mehr...die Regierung macht ihre Geschäfte wie ein guter Kaufmann...die Wahlen reißen niemanden mehr mit, die Abgeordnetensöhne folgen auf die Abgeordnetenväter...“. Offensichtlich haben sich die Veränderungen, die mit dem Fortschritt und der Fortschrittsgläubigkeit einher gingen, nicht nur auf das kulturelle und soziale Leben ausgewirkt, sondern haben auch das politische Leben grundlegend beeinflußt. Die Menschen werden anscheinend gerne regiert, die Politik funktioniert wie eine Maschine, Keiner hat Interesse Einfluß zu nehmen, Alles wird als gegeben akzeptiert.

Schließlich einigt man sich darauf, daß Michel sein Glück beim letzten Refugium des Theaters versuchen soll, dem „Dramatischen Depot“.



Im nächsten Kapitel, Nummer vierzehn, wird mit dem „Großen Dramatischen Depot“ natürlich wieder die Literatur thematisiert. In diesem Institut werden, wie in einer Fabrik, Stücke ‘von Fließband’ produziert. „Wenn das Große Depot auch keine Meisterstücke hervorbrachte, so belustigte es doch zumindest die gefügigen Volksscharen durch friedliche Werke...“, es hat sogar noch mehr ‘positive’ Wirkung: „die Gründung brachte den lärmenden Verein der Autoren zum Verschwinden“ meint Verne zynisch. Zusammenfassend und nicht weniger zynisch schreibt er: „keine notleidenden Genies, die ewig gegen die Ordnung der Dinge aufzubegehren schienen, hätte man also über diese Organisation klagen können, welche die Persönlichkeit der Menschen vernichtete und dem Publikum die für seine Bedürfnisse notwendige Menge Literatur lieferte?“ Im späteren Verlauf dieses Kapitels wird sogar noch klarer, daß die Literatur weit weg davon ist tot zu sein, sie lebt, aber als ein Haufen von maschinisierter, genormter und individuell angepaßter Unterhaltungsindustrie, die den platten Geschmack der Massen bedient. Für jede Literaturgattung gibt es ein eigenes Büro, alles ist optimiert und reglementiert. Natürlich kann es Vernes Held in dieser Kulturfabrik nicht lange aushalten: „Ich bleibe keinen Augenblick länger in dieser Höhle...[um hier zu arbeiten] muß man vor allem Maschinist und kein Theaterdichter sein...“. Michel kündigt nach fünf Monaten „voller Enttäuschungen und Ekel“ die Arbeit, auf die sein Freund Quintsonnas seine Hoffnungen für Michel gesetzt hatte.



Michel erzählt seinem Onkel und Quintsonnas jedoch nichts von seiner Arbeitslosigkeit, steht jedoch von nun an vor dem Problem des mangelnden Geldes. Er vertieft seine Beziehung zu Lucy, aber trotzdem liegt darin „eine Frage der Zeit, an der man nicht rühren durfte“. Dennoch beschließt er, trotz seiner finanziellen Lage, sich mit Lucy zu verloben. Kurz darauf verläßt Quintsonnas Paris, um nach Deutschland zu gehen und „diese Biertrinker und Pfeifenraucher in Erstaunen zu versetzen“, er hinterläßt Michel 500 Franc, von denen er eine Zeit leben kann. Michel versucht trotz des Geldes noch eine ‘sinnvolle’ handwerkliche Arbeit zu finden, während er nun an einem Band mit „vollkommen unnützen, aber vollkommen schönen“ Gedichten arbeitet, aber „die Maschinen ersetzen überall auf lohnende Weise den Menschen, keine Geldquellen mehr...“

Ein Gefühl der Nutzlosigkeit überkommt Michel, er hegt Selbstmordgedanken, aber „der Gedanke an Lucy hielt in zurück“.

Ein ähnliches Schicksal bahnt sich auch für Monsieur Richelot an, der im neuen Semester noch einen einzigen Studenten in seiner Klasse hat.

Zu allem Übel hat sich auch anscheinend die Natur gegen den Menschen gewendet, denn der Winter ungewöhnlich hart und zeigt den Menschen, die dachten, die Natur unterworfen zu haben, die Fakten: „...alle Mittel der Wissenschaft waren agesichts eines derartigen Überfalls machtlos...sie vermochte nichts gegen diesen schrecklichen, unbezwingbaren Feind, die Kälte“. Michel geht das Geld aus, er ist gezwungen, von billigem synthetischen Brot aus Kohle zu leben, doch irgendwann geht auch das letzte Geld aus und der Verzweifelte beschließt, von seinem letzten Geld Blumen für Lucy zu kaufen und macht sich auf den Weg durch das winterliche Paris.



Als Michel am Haus der Geliebten und ihres Großvaters ankommt, öffnet ein Fremder die Tür, offensichtlich hat sich auch Richelots letzter Schüler entschlossen, etwas ‘nützliches’ zu lernen und die Rethorik-Klasse verlassen. Der neue Mieter meint: „Das war auch einer dieser Sonderlinge, die nie einen Franc haben, wenn die Miete fällig ist.“

Plötzlich sieht Michel klarer und das Dilemma von Lucy führt ihm seine eigene Situation um so drastischer vor Augen: „als er daran dachte, daß nun alles was er liebte, wahrscheinlich litt, verspürte er auch wieder jene Schmerzen von Hunger und Kälte, die er vergessen hatte.“

Sein ganzes Umfeld erscheint ihm schlimmer und bedrückender als vorher, er streift in Hoffnung Lucy und Richelot zu finden in Paris umher und stellt zum Beispiel fest, daß es einen „Stadtteil des Leidens“ gibt, in dem alle Kranken, Gebrechlichen und Armen von Paris „zusammengepfercht“ sind, die nicht mehr zur leistungs- und erfolgsorientierten Gesellschaft des 20. Jahrhunderts passen.

Und immer wieder verfolgt ihn der „Dämon der Elektrizität“, der hier als Leitmotiv für den ihn erschlagenden Fortschritt fungiert. Alles wird elektrifiziert: er sieht im Leichenhaus ein elektrisches Gerät um Ertrunkene elektrisch wiederzubeleben und auf einem Platz wird gerade ein elektrischer Galgen installiert, um elektrisch Leben zu beenden, „man vernichtete durch einen Stromschlag, damit äffte man die himmlische Vergeltung besser nach.“ In einer Kirche findet er einen elektrifizierten Altar und auch vor der Kunst hat die Elektrizität nicht halt gemacht: er kommt zu einem „Elektrischen Konzert“, wo zweihundert Klaviere synchron donnern und Michels Kunstbegriff allein durch ihre Gewalt verhöhnen. „Elektrizität, sogar hier! Fort von hier!“ schreit Michel und flieht auf einen alten Friedhof.



Michel streift in der Kälte über den Friedhof und findet nach und nach die vergessenen Gräber seiner Idole, „er glich einem Gespenst, das zwischen den Gräbern umherstreift und nicht einem Fremden, denn er fühlte sich zu Hause“. Er legt die Blumen, die er für Lucy gekauft hatte an das Grab von Alfred de Musset und betrachtet die Stadt Paris, denkt an ihre Bewohner, die ihm gegenüber so ablehnend gewesen sind und erfriert.



2.4 Interpretation im Bezug zur damaligen Gesellschaft und Vernes restlichen Werken





„Paris im 20. Jahrhundert“ ist sicherlich nicht Vernes bester Roman, die Charaktere sind teilweise flach gezeichnet, die Handlung ist voraussehbar, und das Ende ist für heutige Maßstäbe furchtbar pathetisch. Betrachtet man das Werk jedoch im Kontext zu Vernes restlichen Werken und der damaligen Zeit auf der einen Seite und im Verhältnis zu unserer Zeit auf der anderen Seite, wird es umso interessanter.



Die Ablehnung auf die das Buch damals gestoßen ist, verrät uns viel über die Weise, mit der die Menschen im 19. Jahrhundert über ihre eigene Zeit, die Zukunft und den Fortschritt dachten.

Die Gesellschaft, in der Jules Verne lebte, stand noch unter dem direkten Einfluß der laufenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Fabriken wurden gebaut, Menschen kamen in die Städte, um sich in den Fabriken als Arbeiter zu verdingen, technische Fortschritte überschlugen sich und drangen auch langsam als Gebrauchsgegenstände in die Haushalte und erwiesen sich als Erleichterung im Alltag. Ungeachtet der teilweise drastischen negativen Folgen der Industrialisierung wie Massenarmut der Arbeiter, herrschte eine ungebrochene Begeisterung für die Wunder der modernen Technik. Man sah in erster Linie die Vorteile und war offensichtlich stolz, die Natur in allen Bereichen immer wieder zu übertrumpfen. Selbstüberschätzungen der Menschen, die besonders Ereignisse wie den Untergang der Titanic zu traumatischen Ereignissen für die Gesellschaft machten.



In eine solche Welt kam nun Verne, der selber vorher als Held der neuen Zeit gefeiert worden war mit einem Werk, das all dies in Frage stellte. Verständlich, daß der Verleger die Veröffentlichung verhinderte - wahrscheinlich tat er sogar gut daran, wenn man die möglichen Konsequenzen für den jungen Verne bedenkt.



Wie kam Jules Verne eigentlich dazu, ein solches Werk zu verfassen? Man spekuliert, daß Michel Dufrénoy sehr autobiographische Züge von Jules Verne trägt. Seinen ersten Erfolg feierte Verne mit einem „technisch-utopischen“ Roman, ob er schon vorher versucht hat, sich mit anders orientierter Literatur einen Namen zu machen, ist nicht bekannt, wäre aber möglich. Vielleicht hat Verne ähnliches wie das, was er überspitzt in seinem Buch darstellt, erlebt.



Gesichert durch unsere tägliche Erfahrung ist auf jeden Fall die Tatsache, daß Verne eine außergewöhnliche Fähigkeit hatte, technische Entwicklungen zu antizipieren und ihre Integration in den Alltag der Fernen Zukunft mit faszinierender Genauigkeit und Glaubwürdigkeit darzustellen. Der größte Anteil der (technischen) Dinge, die er in seinem Werk beschreibt sind tatsächlich so oder nur in leicht veränderter Form in die Realität übergegangen, eine Eigenschaft, die nur wenige utopische oder dystopische Werke für sich in Anspruch nehmen können.



Für den heutigen Leser ist das Lesen eines solchen Buches immer ein irgendwie befremdliches Erlebnis, denn der Gedanke, daß große Teile unserer heutigen Realität, insbesondere deren kleine und große Fehler schon vor langer Zeit vorausgesehen und beschrieben wurden, vermittelt ein Gefühl der eigenen Ohnmacht, denn Fehler, die vermeidbar gewesen wären wurden dann offensichtlich trotzdem begangen. In diesem Falle hat die Literatur versagt, denn ihre selbstgewählte Aufgabe ist es hier zu warnen.


3. Abschließende Bewertung im Bezug auf aktuelle und zukünfti- ge Entwicklungen





Immer, wenn eine solche Arbeit angefertigt wird, stellt sich beim Leser die Frage, warum der Verfasser gerade dieses Thema und kein Anderes gewählt hat...



Was mich an Utopien besonders fasziniert, ist daß sie zwar fiktiv sind, aber im selben Moment auch eine Auseinandersetzung mit der Zukunft darstellen, die, trotz des fiktionalen Charakters, mit der zukünftigen Realität auf besondere Weise verknüpft ist.



Gerade diese Auseinandersetzung mit der Zukunft hat in unserer Zeit eine besondere Bedeutung gewonnen: wir leben an der Schwelle des dritten Jahrtausends, des vielbeschworenen Informationszeitalters, die technische Entwicklung auf allen Ebenen hat astronomische Geschwindigkeiten angenommen, die Gesamtmenge des menschlichen Wissens über biologische, physikalische und mathematische Zusammenhänge ist für den Einzelnen schon seit langer Zeit unüberschaubar geworden und die Leistungsfähigkeit der Computer, der wohl prägendsten und wichtigsten Technologie der Neuzeit, verzehnfacht sich alle drei Jahre.

Diesen Tatsachen, die selbstverständlich auch eine enorme wirtschaftliche Wirkung nach sich ziehen, steht eine ökologische und soziale Entwicklung gegenüber, die dem Tempo der Umstrukturierung und Rationalisierung schon lange nicht mehr standhalten kann und darunter mit, teilweise verheerenden, Folgen für Natur und Mensch leidet.

In einer solchen Situation wird es in zunehmenden Maße wichtig, den Blick nach vorne zu richten, um nicht noch weitere Fehler zu begehen, die den Planeten endgültig zugrunderichten oder soziale oder wirtschaftliche Konfliktherde zu schaffen, die sich möglicherweise, wie in der Geschichte so oft, in nationalen oder internationalen Kriegen entladen würden.



Der Blick in die Literatur der letzten 2000 Jahre zeigte, daß sich immer wieder Autoren und Philosophen als Propheten versucht haben, um den Menschen ihrer Zeit einen möglichen Entwurf einer Zukunft zu geben, der entweder warnenden oder optimistischen Charakter haben kann, aber in jedem Fall eine notwendige Auseinandersetzung mit der eigenen Zukunft darstellt, ohne die keine Gesellschaft auf lange Sicht lebensfähig sein kann.



Literaturnachweis:





Utopien - Die Möglichkeit des Unmöglichen, Verlag der Fachvereine Zürich 1987



Paris im 20. Jahrhundert, Jules Verne, Zsolnay 1994



The „New“ Jules Verne, Arthur B. Evans, Science Fiction Studies XXII, 1995

->(http://www.math.technicon.ac.il/rl/JulesVerne/evans)



Die literarische Utopie, Wolfgang Biesterfeld, Metzler 1974



Jules Verne’s Paris in the Twentieth Century, Brian Taves, Science Fiction Studies XXIV, 1997

->(http://www.math.technicon.ac.il/








Quelle:




ähnliche Referate Utopien in der Literatur



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