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Titel:

Von der Pinge zur Industriekultur


  Note:   Klasse: 13









Arbeit: Frühe Industrialisierung
Die frühe Industrialisierung erreicht über England und Belgien das Ruhrgebiet. In dieser Zeit erscheinen die Niederungen von Ruhr, Emscher und Lippe eher idyllisch und die Zukunft als größte Montanregion Europas ist noch fern. Von den bisher bekannten Rohstoffen finden sich hier wenige. Einige wenige Siedlungen liegen am Hellweg, der traditionellen Handelstraße Karls des Großen. Hier findet die Geschichte nicht statt - hier geht sie vorbei.
Bergbau wird zur Deckung des Eigenbedarfs in den Wäldern um Duisburg und Essen betrieben, im größerem Maßstab auch in der Gegend um Witten. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts kann sich das spätere Ruhrrevier nicht einheitlich als Wirtschaftsraum entwickeln. Seine politische und administrative Struktur sind zu uneinheitlich. Es setzt sich aus der Grafschaft Mark, dem Herzogtum Berg, dem preußischen Westfalen und mehreren kleineren Besitzungen zusammen. Diese etwa 10 Herrschaftsbereiche haben weder einheitliche Maße und Gewichte noch Zölle, Rechtsnormen oder Gewerbeordnungen.
Das "Allgemeine Preußische Landrecht" löst 1794 überkommene Rechtsnormen ab und schafft eine einheitliche Gewerbeordnung. Als moderne Gesetzessammlung regelt es verbindlich Straf- und Zivilrecht sowie Fragen des Verfassungs- und Verwaltungsrechts. Es markiert den Bruch mit mittelalterlichen und absolutistischen Rechtstraditionen, schafft Folter und Ämterkauf ab und setzt die Gewaltenteilung durch. Ganz im Sinne der Aufklärung steht die Rechtssicherheit des einzelnen Bürgers im Mittelpunkt. Gleichzeitig ist es Grundlage einer effizienten Verwaltung des Königreichs. Das "Allgemeine Preußische Landrecht" bedeutet somit einen Riesenschritt für Preußen auf dem Weg zu einem modernen Staat.
Auch das französische Intermezzo an der Ruhr bewirkt einen Modernisierungsschub. Die vorübergehende Einführung des "Code Civil", der napoleonischen Gesetzessammlung, hebt die Leibeigenschaft für Bauern sowie bestehende Gewerbebeschränkungen auf. Nachdem Gilde und Zünfte aufgelöst sind, tritt die staatliche Gewerbeaufsicht an Stelle der Selbstverwaltung der Zünfte und ihrer mittelalterlichen Traditionen. Die ehemals leibeigenen Bauern können sich nun als Industriearbeiter verdingen. Erstmals sind in Deutschland alle Bürger vor dem Gesetz gleich, egal ob adlig oder nicht. Keine Religion wird bevorzugt oder benachteiligt.
1800 - 1830
1802 wird Preußen für den Verlust seiner linksrheinischen Gebiete mit dem Besitz geistlicher Landesherren entschädigt. Die Bewohner der Stifte Herford, Essen und Werden sowie des Bistums Paderborn stehen den preußischen Truppen ablehnend gegenüber - werden doch mit dem preußischen Staat Vorurteile wie Drill, Steuerdruck und Bürokratie verbunden. Mit dem Wiener Kongress von 1815 vereinigen sich die rheinische und die westfälische Geschichte zur der des Ruhrgebiets. Die preußische Herrschaft teilt das spätere Ruhrgebiet in seine noch heute bestehenden Verwaltungseinheiten ein.
Die preußische Bergordnung stellt die Zechen unter staatliche Leitung, die Eigentumsverhältnisse bleiben jedoch unangetastet. Der Staat hat die Oberaufsicht. Wichtiger Bestandteil der Bergordnung ist die Erhebung des Bergmannes in einen bevorzugten Stand. Er ist preußischer Beamter und muss keinen Kriegsdienst leisten. Die Knappschaftskasse sichert ihn sozial ab. So versucht der preußische Staat, sich die Loyalität der Knappen zu sichern. Die Bergordnung regelt zudem Ausbildung und Rangordnung der Bergleute. Um den erhöhten Ausstoß der Zechen transportieren zu können, muss das Transportwesen im Ruhrgebiet verbessert werden - die bestehenden Straßen sind unzureichend. In dieser Zeit wird die Ruhr schiffbar gemacht, auch entstehen nun die ersten Pferdebahnen.
Spionage ermöglicht den Nachbau der ersten Dampfmaschinen, die im Ruhrbergbau eingesetzt werden. Vielfach werden die Konstruktionspläne illegal aus England eingeführt. Die Dampfmaschinen erleichtern den Abbau der Kohle, sie dienen mehrheitlich der Wasserhaltung auf den Zechen. Der nun mögliche Tiefbau erlaubt in den Jahren 1815 bis 1830 eine Steigerung der Kohlenförderung um das Doppelte. Die Kohle wird in Booten auf der Ruhr transportiert und am Ruhrorter Hafen verschifft.
Die Eisenindustrie steckt noch in den Kinderschuhen, ihre Entwicklung gestaltet sich weitaus schwieriger als die des Ruhrbergbaus. Die einheimischen Erze eignen sich nur bedingt zur Verhüttung. Noch muß Holzkohle verwendet werden, da die bis dahin zugängliche Magerkohle des Ruhrgebiets sich nicht zur Verkokung eignet. Holz ist ein teurer Rohstoff. In der Zeit zwischen 1811 und 1828 werden die wichtigsten eisenschaffenden Betriebe des Reviers gegründet. Teilweise werden in England schon erprobte Verfahren der Stahlerzeugung nacherfunden oder adaptiert. Auch hier spielt "Spionage" wieder eine große Rolle. Neben der Stahlerzeugung gewinnt der Maschinenbau immer mehr an Bedeutung.
Bis 1830 ist die alte Kulturlandschaft an Emscher und Ruhr von der Industrialisierung noch weitgehend unberührt. Die Kleinzechen im Ruhrtal beeinträchtigen das Erscheinungsbild wenig, und die seltenen Eisenhütten haben noch kaum ökonomische Bedeutung. Noch machen die Industriearbeiter nur einen kleinen Teil der Bevölkerung aus, die Arbeit ist immer noch landwirtschaftlich geprägt. Die Industrie kann ihre Arbeiter aus der ansässigen Bevölkerung rekrutieren, die noch in ihren dörflichen Strukturen lebt. Die Arbeitsbedingungen sind ungeregelt und schlecht. Nur für Bergleute gibt es feste Regeln und Konzepte.
1830 - 1848
Um 1830 sind technologisch und infrastrukturell die Grundbedingungen zur Industrialisierung erfüllt. Auf der Ruhr lässt sich der Transport von Gütern aller Art bewerkstelligen. Das Puddelverfahren erlaubt erstmals die massenhafte Produktion von Stahl. 1833 wird erstmals ein Tiefschacht abgeteuft, um die Fettkohle nördlich der Ruhr abbauen zu können. Die belgischen Niederlande werden 1830 selbständig, nun drängt belgisches Kapital an die Ruhr. Auch der Zollverein wirkt sich positiv auf die beginnende Industrialisierung aus.
Schon in der Frühphase der Industrialisierung zeigt sich das beherrschende Merkmal der Ruhrindustrie: der Montankonzern, der versucht, seine Rohstoffbasis durch eigene Zechen zu sichern. Ein Beispiel ist die Gute-Hoffnung-Hütte Franz Haniels (GHH). Der Schritt des Bergbaus in die Tiefe und damit in die Hellwegzone wird durch den Einsatz von Dampfmaschinen und anderer Erfindungen möglich. Ein weiterer Pionier des Ruhrbergbaus, die Zeche "Vereinigte Sälzer & Neuack", war sehr innovativ und hat unter anderem den ersten Koksofen des Reviers errichtet.
Langsam kann das Revier seinen technischen Rückstand gegenüber England aufholen. 1839 wird von der GHH die erste Dampflokomotive deutscher Produktion gebaut - das Eisenbahnzeitalter in Deutschland ist einläutet. 1843 wird die "Köln-Mindener-Eisenbahngesellschaft" konzipiert, die den Bau einer Eisenbahn durch das Emschertal plant. 1847 wird der Betrieb von Duisburg nach Dortmund aufgenommen. Das Streckennetz der Privatbahnen wächst nun Kilometer für Kilometer. Das Ruhrgebiet wird vornehmlich in Ost-West Richtung erschlossen. Die Trajektanstalt in Ruhrort ermöglicht die Verbindung der linksrheinischen Gebiete bis Aachen und Belgien. 1862 ist das Ruhrgebiet völlig erschlossen und das Streckennetz ausgebaut.
Die soziale Lage der Arbeiter in dieser Zeit ist erbärmlich. Kinder im Alter ab 9 Jahren leisten bis zu 10 Stunden Arbeit als Schlepper in den Bergwerken. Es gibt keinen gerechten Lohn für die Arbeit, die soziale Absicherung ist äußerst ungenügend. Nur wenige Unternehmer reagieren auf die soziale Notlage ihrer Arbeiter. So wird bei Krupp eine Betriebskrankenkasse eingerichtet, die GHH folgt mit einer Werkssparkasse. Den Arbeitern werden elementare Dinge wie gesunde Wohnungen, billige Nahrungsmittel und Bildung allerdings verweigert.
So erscheint der Bau von Werkssiedlungen ein Element sozialer Fürsorge der Unternehmer des Ruhrgebiets zu sein. Die erste Werkssiedlung des Ruhrgebiets - Eisenheim - wird von der GHH gebaut. Der billige Wohnraum, der hier entsteht, soll in erster Linie den Arbeiter an das Werk binden. Die Häuser werden vor allem von Vorarbeitern und Meistern bezogen, was zu einer Klassengesellschaft bei den Arbeitern führt. Das "Ledigenheim", eine kasernenartige Wohnunterkunft jugendlicher Arbeiter, dient auch besserer Kontrolle und soll den Kontakt zu den bestehenden Gewerkschaften unterbinden.
Die sozialen Probleme der Industriearbeiterschaft führen zu Konflikten während der Märzrevolution 1848. Die Forderung nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit wird gestellt. Die Arbeiter der Werkstatt der Köln-Mindener-Eisenbahn in Dortmund streiken für Arbeitszeitverkürzungen. Das Scheitern der Märzrevolution ist für die Arbeiter ein Rückschritt. Die Verfassung vom Dezember 1849 etabliert die neue Klasse des Bürgertums und führt zur Durchsetzung der industriellen Revolution.
1848 - 1870 I
Mit der Industrialisierung tritt "der Unternehmer" ins Rampenlicht des Geschehens: ausgestattet mit Mut und Geschick, handwerklicher Begabung und Risikobereitschaft, Verwaltungstalent und Flexibilität, gelingt es Persönlichkeiten wie Krupp und Grillo, in nur ein paar Jahren Imperien aufzubauen. Unterstützt werden sie hier nicht nur von einer sich überschlagenden technischen Entwicklung, sondern auch durch den entstehenden Kapitalmarkt.
1834 schließen sich mehrere Staaten dem preußischen Zolltarif an, es kommt zur Gründung des deutschen Zollvereins. Der Tarif berechnet die Zölle nach Gewicht und Volumen, nicht nach Wert. Für den Handelsverkehr ist es entscheidend, dass nun in den - immer zahlreicher werdenden - Mitgliedsstaaten ein einheitliches Zollsystem gilt. Noch 1790 hatten auf dem Gebiet des deutschen Reiches etwa 1800 verschiedene Zollstellen mit unterschiedlichen Tarifen den freien Handel behindert. Der Zollverein besteht bis zur Gründung des deutschen Reiches 1871.
Die Ruhrzechen werden ausgebaut, immer tiefer werden die Schächte abgeteuft. Um die Versorgung des Bergmannes mit frischer Luft zu sichern, werden die ersten Wetterschächte errichtet. Die Kohlen werden in Loren ans Tageslicht gebracht, die unter Tage von Grubenpferden gezogen werden. Es entstehen die ersten Malakoff-Türme, deren bis zu zwei Meter dicken Mauern die Kräfte abfangen können, die durch den Transport schwerer Lasten bei Seilfahrt und Förderung entstehen. Ihre Architektur gewinnt repräsentative Züge und steht für das gestiegene Selbstbewusstsein der Besitzer.
Zwischen 1855 und 1871 werden die wichtigsten Bergwerksgesellschaften des Reviers gegründet, der Abbau wandert immer weiter nach Norden, um schließlich die Emscher zu erreichen. Auch die Sicherheit unter Tage wird verbessert. 1858 wird die erste ölbetriebene Sicherheitslampe entwickelt, der Bergmann arbeitet nicht mehr mit offenem Feuer. So ist er wesentlich besser vor "schlagenden Wettern" geschützt. In den Zechen werden nun für die Seilfahrt Stahlseile verwendet.
Die Erfindung des Bessemer-Verfahrens in England revolutioniert die Stahlerzeugung. Es lassen sich in kürzerer Zeit größere Mengen Stahl herstellen. Die Erze des Ruhrgebiets haben allerdings einen zu hohen Phosphorgehalt und lassen sich schlecht für das Bessemerverfahren verwenden. Es wird notwendig, Erz in großen Mengen zu importieren. Krupp übernimmt als erster Betrieb an der Ruhr das Bessemer-Verfahren und wenig später das Siemens-Martin-Verfahren. Es herrscht Goldgräberstimmung an der Ruhr - auch Spekulanten versuchen ihr Glück.
1848 - 1870 II
Der preußische Staat zieht sich aus der staatlichen Verwaltung der Kohlegruben zurück. Der Bergmann ist ab 1861 kein preußischer Beamter mehr. Er muss seinen Arbeitsvertrag direkt mit dem Unternehmer aushandeln. In seinem Verständnis sinkt er auf das Niveau eines Industriearbeiters herab und verliert seine ständischen Privilegien. Der Rückzug des Staates aus der Aufsicht über die Gruben führt zu Überproduktion und Konkurrenzdruck. Ab 1865 kommt es zu Zechenstillegungen älterer Zechen im Ruhrtal.
Die sozialen Konflikte treten immer deutlicher zu Tage, es kommt zu Lohnkürzungen und verlängerten Arbeitszeiten im Bergbau. Die Krise führt zu ersten Massenentlassungen und zur Verelendung der Bergleute - diese organisieren nun die ersten größeren Streiks im Bergbau.
Auf Unternehmerseite wird versucht, etwas zur Lösung der sozialen Frage beizutragen. Bei Krupp wird die 1836 eingerichtete Krankenkasse 1856 zur Pflichtkasse für alle Arbeiter. Um seine Angestellten und Arbeiter mit Lebensmitteln zu versorgen, richtet das Unternehmen 1853 die "Consum-Bäckerei" ein, aus der später die "Kruppfff schen Konsum Anstalten" entstehen. Diese Fürsorge von seiten des Unternehmens vergrößert die Abhängigkeit der Arbeiter. Wohlverhalten wird als Gegenleistung erwartet. Bei Kritik verlieren die Arbeiter neben ihrem Arbeitsplatz auch ihre Wohnung.
Um die Nachfrage nach Wohnungen zu befriedigen, werden die ersten Kolonien in der Nähe der Fabriken gebaut. In ihnen sollen möglichst viele Arbeiter auf möglichst wenig Raum untergebracht werden. Es entstehen die sogenannten "D-Zug-Kolonien", langgestreckte Reihen niedriger Häuser. Die vielen Menschen, die in diesen Häusern auf engstem Raum leben, stehen untereinander in gutem Kontakt. Dies scheint den Unternehmern den "sozialen Widerstand" zu schüren.
Krupp entwickelt in dieser Zeit Pläne für eine Reihe durchdachter Siedlungen in der Nähe seiner Werke. Wirklich neu und innovativ ist ein Gebäudetyp, der 1855 auf der Weltausstellung vorgestellt wird: Das Siedlungshaus im Kreuzgrundriss, das für das Ruhrgebiet prägend wird.
Hochindustrialiserung 1870 - 1914 I
Der Sieg über Frankreich gibt Deutschland den Zugriff auf die Erzvorkommen Lothringens. Die Konjunktur erhitzt sich immer mehr, bestehende Industrie-Imperien werden ausgebaut und neue gegründet. Im Juni 1872 bricht in Essen ein Streik aus, die Arbeiter fordern ihren Anteil am Wachstum und den Gewinnen. Die Arbeitgeber bleiben hart - nach einem Monat sind die Streikkassen leer und der Streik wird ohne Ergebnis abgebrochen. Die Bergleute versuchen, einen Verband zu gründen, der ihre Interessen wahrnehmen soll. Doch gibt es für diesen Versuch keine Unterstützung auf breiter Basis.
Die Zeit der großen Konzerne bricht an. Grillo gründet die "Schalker Gruben- und Hüttenverein AG" und die "Dortmunder Union", gemischte Montanunternehmen mit Hütten- und Bergwerken. Durch Kreditvergabe gewinnen die Banken mehr Einfluss, auch auf die Industrie. Sie kontrollieren über den Aufsichtsrat die Imperien. Im Oktober 1873 kommt es zum ersten weltweiten Börsenkrach, viele Firmen gehen bankrott. Familien werden durch Spekulationen ruiniert, Karrieren zerstört.
In dieser Zeit entsteht die von Grillo gegründete Gelsenkirchener Bergwerks AG. Großschachtanlagen werden typisch, diese lösen die kleineren Bergwerke in Zukunft ab. Die Teufen von 500 m benötigen andere technische Voraussetzungen für die entstehenden Kräfte als Malakoff-Türme. Das stählerne Fördergerüst setzt sich durch, in der Form des "Deutschen Strebengerüstes". Die Förderseile werden nicht mehr auf einer Trommel aufgehaspelt, sondern mittels der "Koepe-Scheibe" durch Reibung angetrieben. Unter Tage kommen vermehrt Pressluftbohrer und -hammer zum Einsatz, Dynamit wird zum "Schießen" der Strecken verwendet. Die ersten Schrämmmaschinen werden eingesetzt, der traditionelle Schlegel und das Eisen haben nur noch symbolischen Charakter.
Eine bahnbrechende Innovation für den Bergbau ist der elektrische Strom. Er bringt nicht nur Licht in die Welt unter Tage, von nun an übernehmen auch elektrische Grubenbahnen den Transport. Bei der Wasserhaltung muss die Dampfmaschine der elektrischen Pumpe weichen.
Die Bergwerke wandern in dieser Zeit weiter nach Norden und Westen. In den Kokereien wird die Kohle zu Koks verarbeitet, anfallende Nebenprodukte - wie Teer und Gas - werden nun in der entstehenden chemischen Industrie weiterverarbeitet. So entsteht um die Jahrhundertwende das Netzwerk der Verbundwirtschaft aus Zeche, Kokerei, Hütte und Kohlenchemie. Die anfallenden Nebenprodukte werden oft von kleineren Firmen weiterverarbeitet. Die Protagonisten dieser Zeit heißen Kirdorf, Thyssen und Mannesmann. Das Schienennetz wird ausgebaut, keine Hütte und kein Bergwerk sind mehr ohne Bahnanschluss. Seit dem Krieg 1870/71 sind am Rhein auch endlich feste Brücken entstanden. In den Großstädten des Reviers lösen elektrische Straßenbahnen die Pferdebahnen früherer Zeiten ab.
1870 - 1914 II
Hatte sich die Bevölkerung des Ruhrgebiets bis 1870 verzehnfacht, so kommen bis 1914 nochmals 700.000 Zuwanderer hinzu. Der sprunghaft gestiegene Bedarf an Industriearbeitern wird durch Polen, Masuren und Schlesier gedeckt, die durch Werbekampagnen ins Ruhrgebiet gelockt werden. Sie kommen aus überwiegend ländlichen Gebieten und finden sich schwer in die ihnen fremde Industrielandschaft ein. Meist wohnen sie, landsmannschaftlich getrennt, in ghettoähnlichen Arbeitersiedlungen. Hier sind die Familien auf engstem Raum zusammengepfercht. Sie teilen oft nicht nur das Zimmer mit Schlafgängern. Wie der Arbeitsplatz wird auch der Schlafraum schichtweise genutzt.
Der Wechsel von der Krise zur Hochkonkjunktur lässt die Unruhe wachsen und intensiviert den sozialen Kampf. Die Arbeiterbewegung ist mittlerweile perfekt organisiert, obwohl sie bis in die 1890er Jahre vom Staat unterdrückt wird. Offene politische Aktivitäten verhindert das Sozialistengesetz.
Die Arbeiterbewegung sucht Nischen und findet sie im regen Vereinsleben. In Gesangs- und Sportvereinen lässt sich durch die gemeinsame Freizeitgestaltung die rauhe soziale Wirklichkeit vergessen. Auf der anderen Seite dienen die zahlreichen Vereine der Arbeiterbewegung auch als Tarnung ihrer politischen Aktivität. Diese spezifisch sozialistische Subkultur kopiert bis ins kleinste Detail die Lebensweise des Bürgertums und übernimmt dessen Ideale.
Der galoppierenden wirtschaftlichen Entwicklung mit immer höher werdenden Gewinnen der Unternehmer steht auf der anderen Seite eine explosive Stimmung bei den Arbeitern gegenüber. Je mehr und je schneller Kohle gefördert wird, desto eher steigt das Risiko von Grubenunglücken, in erster Linie aufgrund von "schlagenden Wettern". Die Sicherheitsbedingungen werden verschärft und verbessert, Grubenwehren eingerichtet. Dennoch fordern Grubenunglücke zahlreiche Opfer. Der Versuch des preußischen Staates einer sozialen Reparatur ist gut gemeint. Am Kern des Problems - geringem Lohn, ungenügendem Wohnraum, Einschränkungen der Organisationsfreiheit und schlechten hygienischen Bedingungen - ändert er jedoch wenig.
Der Erste Weltkrieg
Mit Beginn des Krieges wird der soziale Kampf von Gewerkschaften und Sozialdemokraten aus vaterländischen Gründen eingestellt. Viele Soldaten sind Arbeiter aus dem Ruhrgebiet, die Bergmänner und Hüttenwerker fehlen in der Produktion. Diese geht um mehr als die Hälfte zurück. Um die Produktionsverluste aufzufangen werden ab 1915 Frauen in fast allen Bereichen eingesetzt. Später kommen noch Kriegsgefangene aus Holland und Belgien hinzu, die unter Tage eingesetzt werden. Es gibt kaum noch Rohstoffe, der Krieg fordert immer mehr Waffen, kleine metallverarbeitende Betriebe werden den Rüstungsbetrieben eingegliedert.
Die Wirtschaft wird zentral aus Berlin gelenkt, es existiert kein freier Markt mehr. Die Unternehmen sind nun im Stahlverbund zusammengeschlossen oder unterstehen dem Reichskohlekommissar. Der enorme Waffenbedarf des Stellungskrieges lässt die Gewinne der Unternehmen ins Unermessliche steigen. Im Kontrast hierzu steht das Elend im Alltag der Menschen. Im Spätwinter 1916/17 und in der ersten Hälfte des Jahres 1918 kommt es zu Streiks.
Weimarer Republik I
Ausgehend von einem Matrosenaufstand in Wilhelmshaven und Kiel erfasst die Novemberrevolution bald das Ruhrgebiet. Am 8. November 1918 bilden sich die ersten Arbeiter- und Soldatenräte und erheben unter anderem die Forderung nach Verstaatlichung der Montanindustrie. Als die Herrschaft der Räte an der Ruhr im Frühjahr 1919 endet, sind die linken Parteien und die Mehrheit der Arbeiter mit den Ergbnissen nicht zufrieden. Die Sozialisierung der Betriebe ist nicht erreicht worden. Die Vertreter des gemäßigten Flügels sind mit der Unterzeichnung des ersten Manteltarifvertrags für das Ruhrrevier zufriedengestellt.
Im März 1920 setzt die Arbeiterbewegung all ihre Kräfte ein, um das Gelingen des Kapp-Putsches zu verhindern. Für die Ruhrindustrie hat sich nach dem Krieg die ökonomische Situation stark verändert. Sie ist von den Rohstoffbasen in Lothringen und in Oberschlesien abgeschnitten und von den internationalen Märkten isoliert. Mehr als 80% der nationalen Erzreserven sind durch den Krieg verloren, das Militär als der wichtigste nationale Auftraggeber fällt durch den Versailler Friedensvertrag weg. Die Rüstungsindustrie bricht zusammen, und entlässt große Teile der Belegschaft. Allein Krupp reduziert in kurzer Zeit die Zahl der Mitarbeiter um etwa 100.000, meist zwangsrekrutierte Arbeiter für die Kriegsproduktion, auf ein Drittel.
Weimarer Republik II
Der Reparationsforderungen aus dem Friedensvertrag von Versailles und die französische Besetzung des Ruhrgebiets zwischen 1923 und 1924 üben enormen Druck aus. Die Industrie reagiert mit Rationalisierungen großen Stils. Allein 1925 werden 34 Zechen stillgelegt. Die Nordwanderung des Bergbaus geht unvermindert weiter.
Der Trend zum Großkonzern zeigt sich immer deutlicher. Hugo Stinnes, einer der einflussreichsten Konzernverwalter, bildet einen alles umfassenden Montan-Konzern, die "Rhein-Elbe-Union" - geschmiedet aus der Gelsenkirchener Bergwerks AG, der Deutsch-Lux und dem Bochumer Verein sowie dem größten deutschen Elektrokonzern, der Siemens-Schuckert AG. 1921 sind 82% der Produktion im Ruhrrevier in der Hand von nur 12 Konzernen.
Die industrielle Produktion steigt an, gefördert auch von den sozialen Befriedungsprogrammen der sozialdemokratischen Reichsregierung, die mit Subventionen, Lohnerhöhungen und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen versucht, die Unruhen in den Griff zu bekommen. Dies geschieht nur über den Umweg der Geldvermehrung, die Inflation galoppiert und lässt die Armen noch ärmer, die Reichen noch reicher werden. 1923 ist eine Hyperinflation erreicht.
Die prekäre wirtschaftliche Lage polarisiert die junge Republik zwischen Rechts und Links. Die alliierte Politik der Isolierung und scharfer Reparationsbedingungen verschärft die Situation. Es ist auch der Sozialdemokratie anzulasten, dass sie die Wechselwirkungen zwischen den ökonomischen Rahmenbedingungen, Radikalismus und Kriegsbereitschaft nicht versteht.
Weimarer Republik III
Die Ruhrindustrie betreibt Mitte der 1920er Jahre vor allem Krisenmanagement: Fehlende Erzlieferungen aus Lothringen werden weitestgehend durch schwedisches Erz ersetzt. Die Eisenhüttenindustrie, traditionell besonders konjunkturanfällig, versucht 1925 in der "Internationalen Rohstahlgemeinschaft" durch Preisabsprachen und Quoten die Konkurrenzfähigkeit mit Belgien, Luxemburg und Frankreich zu erhöhen. Gleichzeitig wird der Kapitalbedarf für Neuinvestitionen durch umfangreiche Kreditaufnahmen in den USA gedeckt.
Der heimische Markt im Ruhrrevier wird mit einer beispiellosen Maßnahme befriedet, der Gründung der "Vereinigten Stahlwerke" (VST) am 3. Mai 1926. Rhein-Elbe-Union, Phoenix, Rheinische Stahlwerke und Thyssen-Konzern fusionieren zum größten Montan-Konzern Europas. Er vereinigt auf sich 20% der Kohleförderung und 42% der Roheisenproduktion im Ruhrgebiet. Ein weiterer neuer Großkonzern entsteht 1929, die "Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks AG" (VEBA). Es wird im großem Stil rationalisiert. Die Industrie an der Ruhr erlangt rasch wieder einen technischen und wirtschaftlichen Stand, der Ende der 20er Jahre der Konkurrenz in Frankreich und England überlegen ist.
Weimarer Republik IV
Symbol der prosperierenden Entwicklung der Montanindustrie ist Schacht 12 des Bergwerks "Zollverein" in Essen-Katernberg. Seit 1927 von der Gelsenkirchener Bergwerks AG gebaut geht er als Zentralförderschacht am 1.2.1932 in Betrieb. Als erste Verbundschachtanlage übernimmt er die Förderung aller anderen Schächte des Bergwerks und ist auf eine Tagesförderung von 12.500 Tonnen ausgelegt. Er übertrifft hiermit die Förderung der anderen Ruhrzechen um das Fünffache.
Die Zeit des Aufschwungs geht 1929 abrupt zu Ende. Als am 25.10. die New Yorker Börse zusammenbricht, wird der Ruhrindustrie schlagartig ein großer Teil der amerikanischen Kredite entzogen. Bis zum Sommer 1932 werden mehr als die Hälfte der Produktionskapazitäten im Bergbau und der Eisenhüttenindustrie durch die Krise vernichtet. Die Arbeitslosigkeit steigt in einzelnen Städten wie der Bergbaustadt Bochum auf über 10%, das Elend der Arbeiterschaft verschärft die politische und soziale Auseinandersetzung, die politischen Strömungen polarisieren sich.
Arbeiter und Unternehmer im Bergbau setzen sich im Januar 1931 in heftig geführten Tarifverhandlungen mit nachfolgender Aussperrung und Streik auseinander. Verlierer sind die Arbeiter. Unter dem Druck der Krise und mittels der Notverordnungen der Reichsregierungen werden die in den 1920er Jahren erkämpften Rechte und höheren Löhne wieder zurückgeschraubt.
Verlierer der ausgehenden Weimarer Zeit sind auch die politischen Parteien der Arbeiterbewegung. Trotz erheblicher Wahlgewinne überwiegt das Misstrauen zwischen KPD und SPD, sie einigen sich auf keinen gemeinsamen Kurs gegen die Nationalsozialisten. Die Nationalsozialisten versprechen mit ihrem Notprogramm von 1931 den Ausweg aus der Krise mittels staatlicher Investitionshilfen in bisher nicht gekanntem Ausmaß.
Hitler genießt unter den konservativen Industriellen an der Ruhr als Emporkömmling aus einem anderen Stand zunächst kein hohes Ansehen. Die seit Jahren andauernde Krise ändert diese Haltung zunehmend: Als Hitler am 27.1.1932 vor dem Düsseldorfer Industrieclub spricht, schlägt das Pendel um: Leitfiguren wie Fritz Thyssen, Albert Vögler und Emil Kirdorf unterstützen jetzt die NSDAP offen.
1933 - 1945 I
Ruhrindustrielle tragen finanziell zur Machtergreifung Hitlers am 30.1.1933 bei. Der internationale Konkurrenzkampf der Montanindustrie macht Industrielle und NSDAP zu Verbündeten. Und scheinbar funktioniert das Bündnis zu aller Zufriedenheit.
Nach der Machtübernahme werden die riesigen staatlichen Subventionen in öffentliche Baumaßnahmen umgesetzt, die Rüstungsindustrie wird zum Motor der Konjunktur. Diese bricht bis 1937 alle Rekorde der Hochkonjunktur Mitte der 20er Jahre, allein die Stahlproduktion steigt um 400%.
Die Arbeitslosigkeit im Ruhrrevier verschwindet rasch, die Zerschlagung der Arbeiterbewegung stößt auf keinen größeren Widerstand. Die immensen Kosten für die Subventionspolitik aber bleiben Kredite auf die Zukunft. Der volkswirtschaftliche Gegenwert für sie wird nicht geschaffen. Erst Krieg und Eroberung sollen später den Zugriff der deutschen Wirtschaft auf andere Regionen und Ressourcen erzwingen.
1933 - 1945 II
Das Ruhrgebiet ist mit Kohle und Stahl die Basis der Vorbereitungen, die das Reich innerhalb von vier Jahren "kriegsfähig" machen sollen. Die Zechen und Hütten laufen spätestens ab 1935 auf Hochtouren. Zugleich zeichnet sich ab, dass die Aufrüstung für das Revier ökonomisch negative Folgen hat. Die Industrie produziert fast ausschließlich für den Binnenmarkt, statt, wie zuvor, zwei Drittel aller Erzeugnisse zu exportieren. Dies führt zwangsläufig zu Devisenengpässen. Die Kriegspolitik Hitlerdeutschlands verlangt nach modernem Kriegsgerät. Dies wird nicht an der Ruhr, sondern in Württemberg, Bayern und Mitteldeutschland gebaut. Das Ruhrgebiet liegt zu nahe an Deutschlands Grenzen, hier wird kaum investiert. Die wirtschaftliche Blüte der 30er Jahre ist nur eine scheinbare, auch sie wird durch die Notenpresse finanziert. Die einseitige Ausrichtung der Industrie auf Krieg und Autarkie verhindert sinnvolle Investitionen und Innovationen.
Die Angriffe der alliierten Luftflotten auf das Ruhrgebiet ab 1941 treffen in erster Linie die Bevölkerung. Die Zerstörung der Industrieanlagen ist groß, die Auswirkungen auf die Produktion bleiben aber vergleichsweise gering. Erst Mitte des Jahres 1944 übersteigt der Anlagewert zerstörter Fabriken den Wert der laufenden Investitionen. Bedeutsamer sind die Schäden, die durch die ständige Überlastung aller Anlagen seit Mitte der 30er Jahre entstanden sind. Es besteht ein erheblicher Bedarf an Ersatzinvestitionen für veraltete oder abgenutzte Anlagen.
Neubeginn nach 1945 I
Zunächst einmal stehen bei Kriegsende - an Ruhr und Emscher am 17. April 1945 - alle Räder still. Die alliierte Verwaltung und die neuen deutschen Behörden sind der Situation kaum gewachsen. Die Verkehrsinfrastruktur und fast die Hälfte des Wohnungsbestandes sind zerstört, fast keine Wohnung ist unbeschädigt.
Die Kohlenproduktion wird zuerst aufgenommen, um die Bevölkerung mit Kohlen zu versorgen. Alles andere ist erst einmal nachrangig. Die Zerstörungen im Bergbau sind naturgemäß geringer, auf "Consol" in Gelsenkirchen kann bereits am 7. Mai 1945 wieder gefördert werden. Es fehlt an Bergleuten, denn viele Soldaten sind in Gefangenschaft, die Zwangsarbeiter haben die Ruhr verlassen. In den nächsten beiden Hungerwintern ist Kohle zum Überleben unentbehrlich, und die Bergleute an der Ruhr erwerben sich mit einer rasch steigenden Produktion einen geradezu legendären Ruf als Lebensretter der Nation.
Unmittelbar nach dem Krieg soll es Deutschland durch die Zerschlagung seiner Industrie unmöglich gemacht werden, jemals wieder einen Angriffskrieg zu führen. Alle Alliierten beschließen am 27.3.1946 in Potsdam, die Stahlproduktion auf der Höhe von rund ein Viertel des Vorkriegsvolumens zu beschränken. Eine Demontageliste von 1.800 Werken betrifft in erster Linie die Montanindustrie des Ruhrgebiets. Die Konzerngiganten an der Ruhr sollen durch Entflechtung und Aufteilung in kleinere Einheiten zerschlagen werden.
Unter dem Einfluss der verschiedenen Konflikte unter den Alliierten ändert sich diese Haltung bis zum Jahr 1947. Die USA und Großbritannien sehen in der Wirtschaftskraft Deutschlands bzw. des Ruhrreviers eine Chance, den aufziehenden Ost-West-Konflikt für sich zu entscheiden und sie auch für den Wiederaufbau Europas zu nutzen. Frankreich hat zunächst eine durch die unmittelbare Nachbarschaft und Konkurrenz geprägte härtere Haltung. Insgesamt wird aber die Vergeltungspolitik rasch gemildert und die vereinbarte Stahlquote bereits 1947 verdoppelt.
Der Neubeginn nach 1945 II
Die Entflechtungen der Großkonzerne bleiben jedoch ohne große Wirkungen, da der Aktienbesitz nicht angetastet wird. Ein Beispiel: Die "August-Thyssen-Hütte" (ATH) ist zu Beginn der 1950er Jahre auf ihr Stammwerk in Duisburg-Bruckhausen reduziert. Durch gezielte Aktienkäufe stellt sich bis zum Anfang der 60er Jahre aber der alte Konzernverbund und die damit verbundene Macht als Marktführer nahezu wieder her.
Die nach dem Krieg von allen Parteien als Lehre aus der Weimarer Republik erhobene Forderung nach Sozialisierung der Montanindustrie verschwindet zeitgleich mit diesem Prozess in den politischen Schubladen, obwohl die Arbeiterschaft und die neu geschaffenen Einheits-Gewerkschaften sie zunächst vehement verfechten.
Die Demontageprogramme lösen unter der Bevölkerung des Ruhrgebiets große Unruhe aus, die Menschen bangen um ihre Arbeitsplätze. Zunächst werden diese Programme nach Kriegsende nur wenig konsequent verfolgt, im Jahr 1948 nehmen sie zu. Der Umfang der Demontagen hat keine weitreichenden wirtschaftlichen Folgen, wenn auch die psychologischen nicht zu übersehen sind.
Dennoch geht, unter strenger Überwachung der Allierten, die notwendige Modernisierung der Ruhrindustrie voran. Die Eisenhütten-Industrie der Ruhr übertrifft bereits zur Jahreswende 1947/48 die gesamte französische Stahlproduktion.
1948-52
Um eine neuerliche industrielle Übermacht des Kriegsgegners zu verhindern, versuchen die Alliierten, die ständige Kontrolle über das westliche Deutschland und besonders das Ruhrgebiet auszuüben. Das ist nur mittels einer ökonomischen und politischen Einbindung in die westliche Allianz denkbar. Am 28.12.1948 verabschieden die westlichen Siegermächte das Ruhrstatut: Die Montanindustrie des Ruhrgebiets steht nun unter der Aufsicht und der Marktkontrolle einer gemeinsamen Behörde. Die Gesellschaft steht dem Ruhrstatut ablehnend gegenüber, obwohl der deutschen Regierung die Beteiligung an der Ruhrbehörde angeboten wird. Erst nachdem die Regierung Adenauer einen Demontagestopp ausgehandelt hat, stimmt sie zum 24.11.1949 dem Ruhrstatut zu.
Rasch beginnt der wirtschaftliche Wiederaufstieg der jungen Bundesrepublik Deutschland. Begünstigt wird diese Entwicklung durch die Währungsreform am 20.6.1948 und durch die Kapitalhilfe der USA mittels des am 16.12.1949 unterzeichneten Marshall-Plans.
Die Integration der Bundesrepublik in das westliche Bündnis wird weiter vorangetrieben. Der französische Außenminister Schumann entwickelt einen Plan, der zunächst die wirtschaftliche Kooperation der Montanindustrie Westeuropas über das Ruhrstatut hinaus vorsieht - Grundstein zu einer weiteren schrittweisen wirtschaftlichen und politischen Vereinigung. Am 29.4.1952 stimmt der Bundestag der "Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl" (EGKS) zu, der "Montan-Union" Westeuropas.
Zu den wichtigen Lehren aus der Geschichte zählt die Einsicht, dass ohne eine Mitverantwortung der Arbeiterbewegung und ihres politischen Flügels, der Sozialdemokratie, ein dauerhafter gesellschaftlicher Frieden nicht möglich ist. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu dieser Integration ist das Montan-Mitbestimmungsgesetz vom Mai 1951, welches die Montanindustrie einer größeren gesellschaftlichen Kontrolle unterwirft. Erst 1956 wird es gegen heftigen Widerstand der Unternehmerseite endgültig durchgesetzt, noch unter dem Eindruck des ersten großen Streiks der Berg- und Hüttenarbeiter nach dem Krieg im Januar 1955. Mitverantwortung statt Klassenkampf, soziale Gerechtigkeit sowie außenpolitische Integration Deutschlands statt Isolierung, das ist der gesellschaftliche Grundkonsens des Neubeginns.
Die Wirtschaftswunderjahre bis 1958 I
Die Landschaft an Ruhr und Emscher verändert sich mit dem explosiven Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik einschneidend. Die jetzt einsetzende Massenmotorisierung überzieht mit ihrem Straßennetz das Ruhrgebiet besonders dicht. Der 1963 fertiggestellte "Ruhrschnellweg" übernimmt die Funktion der wichtigsten West-Ost-Achse. Bei der Eisenbahn hingegen setzt jetzt die wirtschaftliche Talfahrt ein.
Die Mechanisierung im Bergbau schafft für den Bergmann endlich erträglichere Arbeitsbedingungen, der Presslufthammer wird ersetzt durch Kohlenhobel und Schrämmmaschine. Diese Maschinen unterscheiden nicht mehr so wie das Auge des Bergmanns zwischen Kohle und taubem Gestein, damit steigt die Menge an geförderten Bergematerialien. Diese müssen über Tage gelagert werden, und bilden so in diesen Jahren die flächenintensiven und ökologisch bedenklichen Halden, vornehmlich in der Emscherzone. Der wiedergegründete Ruhrsiedlungsverband nimmt sich dieses raumplanerischen Problems an, sein Grünprogramm erschließt diese Flächen im Laufe der Jahre wieder. Eine veränderte Abbaumethode, der Bruchversatz, hinterlässt große Hohlräume und verursacht an der Oberfläche starke, in diesem Ausmaß unbekannte Bergschäden.
Die Wirtschaftswunderjahre 1958 II
Die Umsiedler aus dem Osten, aus den vormaligen deutschen Gebieten oder aus der DDR, sowie die steigende Wirtschaftskraft lassen die Bevölkerungszahlen sprunghaft steigen. Unternehmen und Gemeinden verwirklichen große Wohnungsbauprogramme, sie besiedeln viele der letzten Freiräume im ohnehin dicht besiedelten Ruhrgebiet. Gegenüber den Vorkriegszahlen gewinnt das Ruhrgebiet rund eine Million neue Bewohner, Mitte der 50er Jahre sind alleine 607.000 Mitarbeiter im Bergbau beschäftigt. Die einheimischen Arbeitskräfte reichen zur Deckung des Bedarfs nicht aus, die ersten "Gastarbeiter" aus Italien und Jugoslawien werden willkommen geheißen und schließen die Lücken auf dem Arbeitsmarkt.
Der schnelle Aufstieg verlangt nach Investitionsmitteln zur weiteren Modernisierung der Industrie im Ruhrrevier. Das Investitionshilfegesetz 1952 schöpft mit einer Sondersteuer erhebliche Summen, die im wesentlichen in den Bergbau, die Eisenhütten-Industrie und die Energiewirtschaft fließen. Damit wird die Monopolstellung dieser Industrien weiter gefördert. Das Ruhrgebiet macht sich als Motor des Wiederaufbaus einen Namen.
1958 - 1966: Die Kohlenkrise
Die Einbindung in die westliche Allianz und die damit verbundene Öffnung der Märkte macht sich durch eine größere Krisenanfälligkeit der monopolisierten Ruhrindustrie bemerkbar. Schon in der Koreakrise am Anfang der 50er Jahre ist dies spürbar geworden. Die Suezkrise lässt 1956 die Alarmglocken schrillen. Die Sicherung des Suez-Kanals bedeutete für die westliche Welt den schnellen Zugang zu den Erdölvorkommen am Persischen Golf. Die Bundesregierung schafft Einfuhrzölle ab und fördert dadurch die Verwendung von Erdöl.
Die ständig fallenden Preise bringen Mitte der 1950er die Kohle auf dem Energiemarkt in Bedrängnis. Die Unternehmen ignorieren das zunächst, erhöhen sogar 1957 die Kohlenpreise. Die sich damit weiter öffnende Preisschere toleriert der Markt nicht, der Absatz der Ruhrkohle fällt steil nach unten, Kohlenhalden lösen die Kohlenknappheit der unmittelbaren Nachkriegszeit ab. 1958 wird die Krise mit umfangreichen Feierschichten manifest, als erstes trifft es am 22.2.1958 die Bergleute auf der Zeche Rosenblumdelle in Mülheim. Diese Maßnahmen reichen bei weitem nicht aus, um sich dem kleiner werdenden Markt anzupassen.
Es folgen die ersten Stilllegungen. Am 30.9.1958 ist auf "Lieselotte" in Bochum die letzte Schicht, im gleichen Jahr trifft es am 30.6. das erste Großbergwerk "Thyssen 4/8" in Duisburg-Meiderich. Damit beginnt eine Kette weiterer Stilllegungen, die nicht mehr abreißt. Bis 1968 werden 54% der Förderkapazität stillgelegt - das Ende für 78 Bergwerke, vor allem der kleineren und älteren Anlagen in der Ruhr- und Hellwegzone.
Die Betroffenheit ist groß, natürlich vor allem bei den Bergleuten. Innnerhalb von einem Jahrzehnt verlieren 320.000 von ihnen ihren Arbeitsplatz. Ein besonders bitterer Verlust und Höhepunkt ist am 30.9.1966 die Schließung des Bergwerks "Graf Bismarck" in Gelsenkirchen, über viele Jahre eines der erfolgreichsten Flaggschiffe des Ruhrbergbaus, übrigens eine Tochter der "Deutschen Erdöl AG". Diese Schließung wird in dem ersten bedeutenden sozialen Dokumentarfilm des Westdeutschen Rundfunks festgehalten: der "Untergang der Graf Bismarck" mit seinen aufsehenerregenden Bildern hat damit auch Film- und Fernsehgeschichte geschrieben.
1966-1969
Das Jahr 1966 markiert eine wichtige Wende des Strukturwandels im Ruhrgebiet. Bis zu diesem Zeitpunkt gelingt es, keinen Bergmann ins "Bergfreie fallen zu lassen", sprich: zu entlassen. Die aufziehende allgemeine Wirtschaftskrise beendet die Vollbeschäftigung in der Bundesrepublik und verschärft die Kohlenkrise durch weiteren Nachfragerückgang. Mit den herkömmlichen Mitteln scheint diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten zu sein. Die IG Bergbau sieht zunächst in der Verstaatlichung den einzigen Ausweg, schließlich gewinnt aber der Vorschlag die Oberhand, eine private Einheitsgesellschaft zu gründen. Die "Konzertierte Aktion" entwickelt in drei Verhandlungsrunden die Pläne, am 18.7.1969 kann nach zähen Verhandlungen die "Ruhrkohle AG" (RAG) ihre Arbeit aufnehmen.
Die Gründung der RAG bedeutet den vollständigen Kurswechsel der Kohlepolitik an der Ruhr: War das Ziel bisher, den Bergbau aus der Krise zu befreien, wird diese nun sozusagen als Dauerzustand akzeptiert. Eine nationale Kohlenreserve soll Bundesrepublik im Notfall sicher versorgen, aber das eigentliche Ziel ist der geordnete Rückzug aus dem Bergbau. Eine neue, sozialverträgliche Politik finanzieren die Bundes- und Landesregierung mit erheblichen Steuermitteln - mit den Zielen, das Tempo der Schließungen zu bestimmen und frei werdende Bergleute durch Anpassungsmaßnahmen vor Arbeitslosigkeit zu schützen.
Das "Gesetz zur Anpassung und Gesundung des deutschen Steinkohlenbergbaus" von 1967, entstanden unter der Großen Koalition von CDU und SPD und ihrem Wirtschaftsminister Karl Schiller, legt die Strategien dieses Rückzuges fest. Ein historischer Kompromiss für Nordrhein-Westfalen - seit 1966 sind hier die Sozialdemokraten in der Regierungsverantwortung - , kein geringer Kompromiss auch für die Gewerkschaft der Bergleute, die IG Bergbau. Angesichts der Tatsache, dass deutsche Kohle international trotz modernster Technologie nicht mehr konkurrenzfähig sein kann, ist dies auch eine bittere Einsicht in Notwendigkeiten.
Strukturwandel in den sechziger Jahren
Die Eisenhütten-Industrie zeigt sich bis in die 60er Jahre zunächst von der Strukturkrise nicht berührt. 1961 feiert Krupp noch mit großem Glanz 150jähriges Jubiläum, 1965 kauft der Konzern den traditionsreichen "Bochumer Verein". Wenn auch der Bergbau am Beginn vom Ende seiner Existenz im Ruhrrevier steht, haben beide Zweige der Montanindustrie noch Dynamik genug, ihre beherrschende Stellung zu verteidigen.
Neuansiedlungen von Industrie haben es schwer, werden von der Montanindustrie nicht gefördert oder sogar behindert. Die mögliche Neugründung eines Ford-Werkes wird vom Bergbau als Konkurrent um qualifizierte Arbeitskräfte blockiert. Opel errichtet in Bochum ein Zweigwerk, das am 10.10.1961 die Produktion des "Kadett" aufnimmt. Diese Gründung kommt nur durch direkte Einflußnahme der Landesregierung zustande. Die Altbesitzer des stillgelegten Bergwerks "Dannenbaum", auf deren Gelände Opel sein Werk baut, bleiben außen vor. Eine Neuansiedlung, auf die man im Jahr 1969 in Mülheim mit Stolz sieht: Die "Kraftwerks-Union" stellt komplette Kernkraftwerke her.
Dem Dilemma, den Rückzug der Montanindustrie sozial abzufedern, ihn damit zwangsläufig zu verlangsamen, und trotzdem den Strukturwandel durch Schaffung zukunftsträchtiger Industrien voranzubringen, können weder die Wirtschaft noch die Politik entgehen. 1968 beginnt mit dem "Entwicklungsprogramm Ruhr" der Versuch der politisch Verantwortlichen, zunächst vor allem die Rahmenbedingungen des notwendigen Wandels zu verbessern. Ein wichtiger Bestandteil ist die Verbesserung des Bildungssystems, da mit der Einführung neuer Technologien in der zweiten industriellen Revolution qualifizierte Arbeitnehmer Basis der Veränderung sind. Am 30.6.1965 wird in Bochum die erste Universität des Ruhrgebiets eröffnet.
Andere Programmbestandteile fördern zum Beispiel die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs durch ein S-Bahn-System. Erstmals gewinnt das Wort "Umweltschutz" Gestalt, wie es Willi Brandt 1965 mit seiner Forderung nach dem "Blauen Himmel über der Ruhr" unterstreicht. Trotz dieser Bemühungen überwiegt am Ende dieses Jahrzehntes der Eindruck, dass die große Krise erst noch bevorsteht, obwohl der Bergbau in der RAG zunächst eine gewisse Stabilisierung erreicht hat.
Die Krise der 1970er I
Die Ölkrise im Jahr 1973 wirkt wie ein ökonomisches Warnsignal. Sie fällt in eine Phase überhitzter Konjunktur mit der höchsten Inflationsrate der jungen Bundesrepublik. Obwohl ihre ökonomische Wirkung zunächst nicht sonderlich bedeutsam ist, löst sie einen Schock aus. Sie signalisiert das Ende einer Epoche ungehemmten Wachstums nach dem Krieg.
Die Ölkrise belebt zwar nur kurzfristig den Kohlenabsatz, sorgt aber dafür, dass die Kohle als nationale Energiereserve für Notfälle weiter Vorrang genießt. Diese Priorität ist schon 1968 im "Hüttenvertrag" zum Ausdruck gekommen, der die Koksproduktion für die Eisenhütten subventioniert. 1975 wird der "Jahrhundertvertrag", geschlossen, der mittels einer Zwangsabgabe auf den Strompreis (Kohlepfennig) die Kohlenverstromung bis zum Ende des Jahrhunderts sichern soll.
Bis zum Beginn der 70er Jahre bleibt die Eisenhütten-Industrie von der Krise verschont. Die Auftragsbücher sind voll, die Gewinne enorm. Keiner der traditionellen Standorte ist völlig aufgegeben worden. Trotzdem ziehen Sturmwolken am internationalen Markt auf, die von den Verantwortlichen nicht richtig gedeutet werden: Seit dem Ende der 50er Jahre haben die Lieferungen von Hüttenwerken in Länder der Dritten Welt einen erheblichen Umfang angenommen. Diese Staaten sind dabei, die Schwelle zum Industriestaat zu überschreiten und sich auf dem internationalen Stahlmarkt als Konkurrenten zu etablieren. Dazu hat die chemische Industrie in den letzten Jahren eine große Zahl hochfester und leichter Kunststoffe entwickelt, die in der Lage sind, Stahl in verschiedenen Bereichen der Autoindustrie zu ersetzen. Es geht plötzlich bergab, als die genannten Faktoren am Markt greifen.
Die Krise der 1970er II
1972 schließt als erste Eisenhütte die Klöckner-Hütte in Hagen-Haspe. 1974 ist die Talfahrt nicht mehr zu bremsen. Die sich verschlechternde Weltkonjunktur bringt das Ruhrgebiet in eine äußerst prekäre Lage: Produzieren im Revier Mitte der 1970er noch 20 selbständige Hüttenwerke, sind es 1988 nur noch acht. Von diesen bieten nur noch vier die ganze Produktlinie vom Roheisen bis zum Fertigprodukt. Die Zahl der Hochöfen hat sich in diesem Zeitraum halbiert, die Produktion geht in nur einem Jahr von 1974 bis 75 von ca. 40 auf ca. 30 Millionen Tonnen Stahl zurück, bis 1988 wird sie nochmals um weitere 12 Millionen Tonnen schrumpfen. Die Zahl der Beschäftigten halbiert sich von 283.000 auf 157.000.
Diese gewaltigen Veränderungen wirken sich auch technologisch aus. Als einzige Chance am Weltmarkt verbleibt der Stahlindustrie, hochwertige Stähle zu erzeugen und zu veredeln. Dazu müssen die Werksanlagen vollständig verändert werden. Die alten Verfahren zur Massenstahlerzeugung, wie das Thomas-Verfahren, verschwinden bis Mitte der 70er Jahre vollständig, ebenso wie das teure Siemens-Martin-Verfahren bis 1982. Ersetzt werden diese Stahlproduktionsverfahren durch den Sauerstoff-Aufblas-Konverter, auch "LD"-Konverter, nach den Städten Linz und Donawitz genannt, wo das Verfahren 1952 entwickelt wurde. Große Bedeutung hat die Einführung der Stranggussproduktion, seit dem Beginn der 70er Jahre hat sich das Verfahren gegenüber dem Blockguss nahezu vollständig durchgesetzt.
Die Politik der Vorstände skelettiert Schritt für Schritt die einzelnen Stahlstandorte. Mit jeder weiteren wirtschaftlichen Verschlechterung werden unproduktive Werksteile stillgelegt oder mit anderen Standorten zusammengefasst. Das führt wiederum zu unproduktiv langen Transportwegen: werden die Hochöfen des "Schalker Vereins" in Gelsenkirchen stillgelegt, muss das Stahlwerk auf der Schiene mit flüssigem Roheisen aus Duisburg versorgt werden.
Die 1980er Jahre
Obwohl seit über 10 Jahren wirksam, rückt die Stahlkrise erst jetzt in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Skelettierungen reichen für die Marktanpassungen nicht mehr aus: ganze Stahlstandorte sollen komplett stillgelegt werden. Als 1987 die Hattinger Henrichshütte Thyssens und 1988/89 die Friedrich-Alfred-Hütte Krupps in Duisburg-Rheinhausen schließen sollen, stehen die Belegschaften und die Bürger dieser Städte vor dem wirtschaftlichen Aus. Sie gehen geschlossen auf die Straße. Einer der größten Arbeitskämpfe in der Geschichte des Ruhrgebiets hat auch vorübergehenden Erfolg. Mit dem Erhalt des Stahlwerkes und der Schmiede in Hattingen und einem Hochofen mit Stahlwerk in Rheinhausen bleibt ein Teil der Arbeitsplätze erhalten. Eingeweihten ist aber bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass dies nur ein kurzfristiger Erfolg bleibt.
Die deutsche Wiedervereinigung und eine erhöhte Nachfrage aus den USA lösen nach 1989 noch einmal eine Sonderkonjunktur der Stahlindustrie an Ruhr und Emscher aus. Der Bergbau profitiert davon nicht, nach dem Fall des eisernen Vorhangs ist der Weltmarkt für Kohle durch Billigimporte noch härter umkämpft. Die betriebswirtschaftlichen Konsequenzen bei der RAG sind nicht neu: weitere Schließungen, Zusammenlegungen von Bergwerken zu Verbundbergwerken, vorzeitiges Ausscheiden von Belegschaftsmitgliedern über Sozialpläne... Die weitere Entwicklung am Energiemarkt macht diese Vereinbarungen schon zur Jahreswende 1992/93 hinfällig. Mittlerweile ist der Hauptkunde der RAG, die Stahlindustrie, schwer angeschlagen, und das zieht weitere dramatische Schließungen im Bergbau nach sich.
1990-1999
Mit der neuerlichen Krise von 1993 zeichnet sich ab, dass die Nordwanderung des Bergbaus, die Zukunft unter dem Lipper- und Münsterland, mit den letzten 16 Bergwerken wahrscheinlich nicht mehr zu vollenden ist. Bei weiter anhaltender Tendenz wird der Ruhrbergbau nur wenige Jahre nach der Jahrtausendwende zum Erliegen kommen.
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Dezember 1994 kippt den Jahrhundertvertrag. Der Kohlepfennig, der auf den Strompreis aufgeschlagen wurde, um die Verstromung der teureren deutschen Kohle zu finanzieren, wird abgeschafft. Dies stellt die Politik, die Unternehmen und die Arbeiter vor eine neue Herausforderung. Mit bis zu 10 Milliarden DM subventioniert, wandert bis dahin ein guter Teil der Kohle aus dem Saarland und von der Ruhr in die Kraftwerke.
Nach der Abschaffung des Kohlepfennigs subventioniert der Bund die Kohleverstromung aus allgemeinen Steuermitteln. Industrie, Gewerkschaften, Bund und Kohleländer einigen sich, die Zuschüsse auf etwa 5,5 Milliarden DM zu reduzieren - dies ist das Aus für etwa die Hälfte der Zechen in Deutschland. 1998 wird die Deutsche Steinkohle AG gegründet, unter deren Dach die Zechen Deutschlands vereinigt werden.
Erstmals seit dem Beginn der Bergbaukrise in den 50er Jahren besteht mit dieser Zuspitzung auch die Gefahr, dass die sozialen Folgen nicht mehr wie bisher abgefedert werden können. Rationalisierungspotentiale sind kaum mehr vorhanden. Das Ruhrgebiet muss nun andere Potentiale ausschöpfen.









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