Titel: Erzählhaltungen literarischer Werke

Vergleichen Sie die Erzählhaltung in G. Eichs „Bevor Störtebeker stolpert“ mit der in W. Borcherts „Das Brot“. Nennen Sie alle wichtige Gemeinsamkeiten und Unterschiede, und beschreiben Sie von den Erkenntnissen dieses Vergleichs aus die besondere Wirkung der personalen Erzählhaltung.

Die Gemeinsamkeiten der beiden Texte bestehen zum einen in der genauen Beschreibung der Situation. In “Bevor Störtebeker stolpert”: “Kniend, geschoren ... an eine Deichsel gebunden...”. In “Das Brot” wird sogar die Umgebung sehr genau beschrieben: “... Das Messer lag nah neben dem Teller. Und auf der Decke lagen Brotkrümel ...”. Eine weitere Gemeinsamkeit ist der kurze Zeitraum der Situation die erzählt wird. Bei “Störtebeker” handelt es sich nur um Sekunden. Doch auch in “Das Brot” ist das Zeitfenster nicht größer als 1 bis 2 Minuten.
Der größte Unterschied der Texte liegt in der Erzählhaltung. “Störtebeker” ist in der Ich-Erzählhaltung verfasst worden und “Das Brot” in der personalen Erzählhaltung. Das heißt, im zuerst erwähnten Text ist der Erzähler von der Handlung selbst betroffen. Man spürt seine Empfindungen, die sich in Angst und Hoffnung ausdrücken. Beim Text “Das Brot” hat man als Leser den Eindruck, der Erzähler steht mit in der Küche und beobachtet die beiden. Er greift aber nicht in die Handlung ein. Aus der Geschichte heraus ist auch erkennbar, dass er für die Figuren nicht vorhanden ist. Es werden hier keine Gefühlsregungen des Erzählers geschildert. Es wird nur von den Gedanken der Figuren berichtet, jedoch nicht von deren Empfindungen. Man erkennt nicht ob sich das Paar noch liebt oder ob sie sich Sorgen macht, als er nicht neben ihr im Bett liegt. Die Wirkung dieser beiden Erzählhaltungen besteht in den entstehenden Distanzen. Bei der Ich-Erzählhaltung ist die Distanz zwischen Leser und Erzähler sehr gering. Der Leser kann sich in die Situation sehr gut hineinversetzten, weil Emotionen und Ansichten der Hauptfigur beschrieben werden. Bei der personalen Erzählhaltung ist die Distanz größer. Man betrachtet die Geschichte nicht aus der Mitte heraus, sondern so als stände man daneben, aber ist für die Figuren unsichtbar.


Quelle: "Bevor Störtebeker stolpert" von G. Eich und "Das Brot" von W. Borchert