Titel: Die Neue Ökonomische Politik, 1921-1928

Zeit der Experimente


Im Mai 1921 stellte Lenin sein wirtschaftliches Reformprogramm vor: Die „Neue Ökonomische Politik“ (NÖP, russ. NEP). Laut diem Reformprogramm war die gewaltsame Beschaffung von Lebensmitteln verboten und die Bauern, die ihre Erzeugnisse damit wieder frei auf dem Markt verkaufen konnten, mussten eine „Naturalsteuer“ entrichten, die wenig später durch eine Geldsteuer ersetzt wurde. Somit blieben die Banken, die Währung, das Verkehrssystem, der Außenhandel, sowie die Industrie unter der Kontrolle des Staats. Lenin glaubte so die Wiederherstellung kapitalistischer Verhältnisse zu verhindern. Nach einem schwierigen Anfang ging es aufwärts. 1925/26 erreichte die Wirtschaft den Produktionstand der Vorkriegszeit, was Großhändler und Großbauern begünstigte. Die Neureiche Schicht war den Kommunisten von Anfang an verdächtig und verstärkte deren Vorbehalte gegen die NEP. Doch der Aufschwung wurde schnell durch mehrere Eingriffe der Regierung seit 1926, zum Beispiel durch Absenkung der Agrarpreise, abgewürgt.
Das Schlüsselproblem der NEP war das ungleichmäßige Wachstum von Landwirtschaft und Industrie, die zu wenig produzierte. Wegen mangelnder Qualität und zu hohen Preisen verzichteten Bauern auf die Anschaffung von Industriegütern. Dadurch brach der innere Markt zusammen, sodass es 1927/28 zu schweren Krisen bei der Versorgung von Städten kam.
Oppositionelle Gruppierungen und Fraktionsbildungen innerhalb und außerhalb der Partei wurden verboten, was zu Intoleranz gegenüber Minderheiten und zur Unterdrückung innerparteilichen Diskussionen führte. Die Partei selbst erlebte einen Wandel: Die Kommunistische Partei wurde immer mehr zur Staatspartei und ihr wuchsen neue Aufgaben zu. Die Mitgliederzahl verdoppelte sich in der ersten Hälfte der 20er Jahre, die neuen Mitglieder waren noch unerfahren und mehr als die Hälfte bezeichnete sich als „politische Analphabeten“. Also befolgten sie willig den Befehle von „oben“, bzw. von Stalin. Dieser war 1922, obwohl er schon allen Führungsgremien angehörte, zum Generalsekretär ernannt worden und schuf sich somit eine „Hausmacht“, die ihm in den Kämpfen um Lenins Nachfolge einen Vorteil verschaffen sollte.
Für die meisten Künstler in den 20er Jahren blieb es selbstverständlich durch ihre Kunst der Revolution zu dienen. Durch Straßentheater und politische Plakatkunst erreichte die russisch-sowjetische Kunst weltweite Beachtung. Die Vielfalt der künstlerischen Ausdrucksformen wurde in den 30er Jahren durch die politisch erzwungene Unterwerfung zerstört, bestes Beispiel: „Sozialistischer Realismus“.
Frauen sollten durch die sozialistische Revolution aus ihrer traditionell untergeordneten Form befreit werden. Zuerst wurden Frauen in der Ehe gleichgestellt, sie erhielt Wahlrecht und die Scheidungen wurden erleichtert. Doch ihre Beteiligung an politischen Entscheidungen kam nur langsam voran, weil das revolutionäre Regime von Anfang an um sein bloßes Überleben kämpfen musste und somit der Spielraum für Revolutionen eng war. Trotzdem wurde die Stellung der Frau in der Öffentlichkeit aufgewertet. Auch die Bildungsoffensive zeigte Erfolge: Insbesondere Mädchen aus Bauern- und Arbeiterfamilien hatten nun bessere Bildungs- und Lebenschancen. Nach der Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1930/31 nahm die Zahl der Frauen mit höherer Ausbildung zu. Die Hochschulabsolventinnen entschieden sich jedoch meist im Sinne der traditionellen Rollenverteilung für schlecht bezahlte pädagogische oder medizinische Berufe.


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