Titel: Sturm und Drang

Sturm und Drang


Der Wirrwarr: so hieß Friedrich Maximilian Klingers 1775 entstandenes Drama ursprünglich, bevor es auf Anregung des damals in großem Ansehen stehenden »Genieapostels« aus Winterthur, Christoph Kaufmann, in Sturm und Drang umbenannt wurde. Diese (damals schon gebräuchliche) Wortfügung hat einer Epoche der deutschen Literatur den Namen gegeben – oder genauer: einer Bewegung, die die logische Folge des politischen und ideengeschichtlichen Wirrwarrs ihrer Zeit und trotzdem von einzigartiger Einheitlichkeit der Zielsetzung und des literarischen Ausdrucks gewesen ist.
Was macht die Besonderheit dieser sehr kurzen Periode aus, die mit dem Erscheinen von Herders Journal meiner Reise im Jahre 1769 begann und der fluchtartigen Abreise Goethes nach Italien 1786 endete? Sie war eine literarische Rebellion, die mit einer solchen Radikalität in Deutschland noch nie stattgefunden hatte. Während etwa der Übergang vom Barock zur Aufklärung 'sanft' war, mehr Ablösung als Bruch, schockierte nun eine Gruppe 20- bis 30jähriger Literaten die Öffentlichkeit mit Texten, die eine einzige Verletzung der Geschmacks- und Moralvorstellungen bedeuteten.

Denn der Sturm und Drang war ein Frontalangriff gegen die zum kalten Rationalismus verkommene, gesellschaftlich unproduktive Aufklärung. Die Vernunft war dieser neuen Generation nicht mehr das Werkzeug zur Befreiung von Ohnmacht und Aberglaube, sondern erschien ihnen als degenerierte Vernünftelei ein Joch, das jegliche lebendige Regung der Seele unterdrückte. Im Mittelpunkt ihres Denkens stand nun ein neuer Begriff: das Genie – ein großes, unabhängiges Individuum, das in der Figur des Prometheus seinen vollkommenen Prototyp hatte und in Goethes gleichnamiger Dichtung von 1773 besungen wurde.

Der neue Held war der große Kerl: vital, erdverbunden, aufbegehrend, oft ungehobelt, stets unmittelbar. Gewiß auch edel und großmütig, aber kraftvoll und kompromißlos. Entscheidend war die Tiefe seines Gefühls, die sich ebenso in weltumfassender, schrankenloser Liebe wie in rasender Verzweiflung offenbaren konnte – nur maßvoll und vorsichtig durfte er nicht sein. Alles Laue und Elegante war den Stürmern und Drängern verhaßt, daher erwuchs ihre Erzfeindschaft zu Christoph Martin Wieland, dem Vertreter des Rokoko.

Als »Geniesucht« bezeichnete selbst der Mitstreiter und spätere Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voß die Maßlosigkeit der damaligen Avantgarde. Nicht nur der ausgeprägte Gruppencharakter (Kreise um Goethe und Herder in Straßburg und um Goethe in Frankfurt und Darmstadt) machte die Stürmer und Dränger zu einer solchen: vor allem die Zertrümmerung der literarischen Formen als ästhetische Entsprechung zum geistigen Gehalt wies sie als radikale Neuerer aus. Vornehmlich die aus dem französischen Klassizismus verhaßten pseudoaristotelischen drei Einheiten der Zeit, des Ortes und der Handlung im Drama wurden durch dauernde Schauplatzwechsel, Massenszenen und Nebenepisoden aufgebrochen und malträtiert; die Sprache bestand aus gestammelten Satzfetzen und unzähligen Kraftwörtern; nicht mehr Furcht und Mitleid, sondern Wut und Schrecken waren die erstrebte Wirkung.

Der lang verpönte Shakespeare wurde – pikanterweise in Wielands Übersetzung rezipiert – zum unumstrittenen Gott erhoben, wovon Goethes Rede zum Schäkespears Tag (1771) und Herders Aufsatz in seiner Sammlung Von deutscher Art und Kunst (1773) zeugen. Originalgenie war das Schlagwort: der Künstler schuf die Welt nicht mehr nach, sondern stand als Neuschöpfer außerhalb des überkommenen ethisch-ästhetischen Gefüges – diese Unabhängigkeit konnte sogar, wie in Heinses Ardinghello, als moralische Ambivalenz zum Ausdruck kommen.

Dieser Künstlerroman war neben den Leiden des jungen Werthers (1774) eines der wenigen erzählenden Werke dieser Epoche, die – abgesehen von den sehr wichtigen theoretisch-programmatischen Texten – im Drama ihren naturgemäßen Ausdruck fand. Wie anders konnten die Zerrissenheit und die Spannung, die den Sturm und Drang charakterisieren, künstlerische Gestalt gewinnen? Es war eine Rebellion – eine Revolte, die auf das Literarische beschränkt blieb, weil in Deutschland, im Gegensatz zu Frankreich, das Bewußtsein für die Notwendigkeit des gesellschaftlichen Umbruchs breitere Bevölkerungsschichten noch nicht erfaßt hatte. Aber es war keine elitäre Spielerei einiger Intellektueller, sondern ein Reflex der sich anbahnenden großen Revolution, die einige Jahre später mit dem Sturm auf die Bastille die Überwindung des Feudalismus durch das Bürgertum einläutete.

Wie sehr auch eine politische Wirkung versagt blieb: das soziale Engagement der Stürmer und Dränger, die in ihren Werken Gerechtigkeit und Freiheit für das Individuum und die Gesellschaft einklagten und die Unterdrückung, die Willkür und das Intrigantentum an den Höfen schonungslos denunzierten, dieses Engagement war echt. Hier standen die jungen Literaten in einer Linie mit mit dem bürgerlichen Trauerspiel Lessings, dessen Emilia Galotti unumstritten war.

Daß der Sturm und Drang zugleich eine Rebellion gegen die Aufklärung war, ist kein Widerspruch. Das in ihr angelegte bürgerlich-emanzipatorische Gedankengut mußte zu einer Hinterfragung der eigenen Positionen und zur Befreiung des Individuums aus der Erstarrung eines nur auf den Intellekt gestützten Rationalismus führen. Schon die Phase der Empfindsamkeit hatte, als säkularisierte Fortführung des deutschen Pietismus, das Private über das Öffentliche, das Subjektive über das Objektive und das Gefühl über den Verstand gestellt. Unter angelsächsischem Einfluß (Addison, Shaftesbury, Young) waren Intuition und Genialität zu zentralen Begriffen geworden. Klopstocks gefühlsbetonte Sprachkunstwerke bildeten hier den einen Höhepunkt, den anderen der emotionsgeladene Göttinger Hainbund, dessen Schreiben und Gebaren oft ins Tränenreich-Pathetische abglitt.

Von der Sprache her hatte bereits Johann Georg Hamann entscheidende Kritik am vernunftsregierten Weltbild seines Königsberger Landsmanns Kant artikuliert; seine Ansichten, besonders seine Definition der Poesie als »Muttersprache der Menschheit«, hatten vor allem auf Herder große Wirkung. Noch entscheidender aber waren die Schriften Rousseaus, dessen Zivilisationskritik vom Sturm und Drang aufgegriffen und dramatisch umgesetzt wurde: der unlösbare Konflikt zwischen Naturgenie und gesellschaftlichem Zwang ist das Thema dieser Bewegung.

Goethes erste große Erfolge sind deutlicher Ausdruck dieser Entwicklung: eröffnet sich im Werther die Tiefe des Gefühls als übermächtige Triebfeder und unauslotbarer Abgrund, begegnet uns im Götz von Berlichingen (1773) der große Kerl, der sich den politischen Zwängen widersetzt – ebenso wie das Stück selbst den ästhetischen.

1776, im sogenannten »Dramenjahr«, folgte explosionsartig eine Reihe von Bühnenwerken, die einer lang angestauten Aggression wie Urschreie Luft verschafften. Friedrich Maximilian Klingers Die Zwillinge zeigt in dem haßerfüllten, benachteiligten Bruder Guelfo den ersten durch und durch negativen Helden der deutschen Literatur, der sich gegen die familiäre und biologische Ordnung gewalttätig auflehnt. Das Bruderdrama blieb ein Sturm-und-Drang-Thema: im selben Jahr erschien Johann Anton Leisewitz' Julius von Tarent, 1781 wurde es in den Räubern wieder aufgenommen.

Als negativer Zwillingsbruder Goethes wird oft Jakob Michael Reinhold Lenz angesehen, dessen in geistiger Umnachtung endendes Leben (dem später Büchner ein literarisches Denkmal setzte) aus einem Stück des Sturm und Drang entsprungen scheint. Seine Dramen Der Hofmeister (1774) und Die Soldaten (1776) sind illusionslose Meisterwerke, die eine radikale Abrechnung mit dem vorgefundenen gesellschaftlichen System bedeuten. Heinrich Leopold Wagner hinterließ mit dem Drama Die Kindermörderin (1776) eine atmosphärisch dichte Schilderung kleinbürgerlichen Milieus und verlogener Sexualmoral, deren literarischer Wert noch viel zu wenig beachtet worden ist (wozu der Autor allerdings selber beitrug, indem er das Stück umarbeitete und ihm nebst einem happy end den Titel Evchen Humbrecht oder ihr Mütter merkt's euch verpaßte).

Nach der Eruption von 1776 schien die Bewegung zu verstummen, bis sich mit Friedrich Schiller ein letzter, intensiver Höhepunkt ereignete. Zeitversetzt, geographisch getrennt und ohne Verbindung zu den anderen Stürmern und Drängern, die sich ganz entschieden als Gemeinschaft empfanden, gestaltete er mit den Räubern, dem »republikanischen Trauerspiel« Die Verschwörung des Fiesko zu Genua (1783) und Kabale und Liebe (1784) drei Dramen, die alle Themen, von der politischen Revolte bis zur Freiheit der Leidenschaften, noch einmal bühnenwirksam umsetzten und die Epoche zum Abschluß brachten.

Der Sturm und Drang war ein heftiges Gewitter. Es ging rasch vorüber, doch sein Nachhall ist bis ins 20. Jahrhundert hinein zu vernehmen. Nicht nur die personelle Identität von Goethe und Schiller als spätere Hauptvertreter der Weimarer Klassik zeugt von der Wichtigkeit dieser Epoche: in dieser Zeit entstand der Urfaust, und Schillers spätere Dramen Don Karlos, Die Jungfrau von Orleans oder Wilhelm Tell tragen deutliche Reminiszenzen an die Empörerfiguren der ersten Jahre. Hölderlins Freiheitsstreben und tragisches Lebensgefühl lassen die Haltung des Sturm und Drang wieder anklingen, während die Romantik die Auseinandersetzung mit der Aufklärung im vollen Umfang wieder aufnimmt. Überhaupt sieht die Literaturgeschichte außerhalb Deutschlands diese Zusammenhänge großzügiger und ordnet den Sturm und Drang als frühen Ausdruck der Romantik ein – ist es Zufall, daß in Südeuropa das Drama zu ihrer wichtigsten Gattung wurde und Victor Hugo in seinem Préface zu Cromwell, dem Romantischen Manifest Frankreichs, gegen den Zwang der drei Einheiten polemisierte?

Die Verwandschaft der Vormärz-Literaten zu den Stürmern und Drängern ist nicht nur auf die politische Intention zu reduzieren; Büchners Werk kann in mancher Hinsicht als poetische Vollendung jener frühen Dramen der seelischen Zerrissenheit angesehen werden. Nietzsches Philosophie des Übermenschen (vgl. der große Kerl), seine antirationalistische Grundtendenz sind Weiterentwicklungen des Geniekults. Der Naturalismus – wieder eine Dramen-Periode! – schrieb die minuziöse Schilderung sozialer Mißstände auf sein Programm; viele seiner Vertreter beriefen sich ausdrücklich auf den Geist der Sturm-und-Drang-Generation und nahmen besonders in der Diktion Anleihen aus ihrer Dramaturgie. Aber auch der Expressionismus weist durch seine Betonung des Irrationalen, seine Unmittelbarkeit und seine als Schrei (Edvard Munch) konzipierte Geste Parallelen zu jener Umbruch-Periode auf. Und schließlich: mutet nicht auch, ob sie es nun wollte oder nicht, die Gruppe 47 mit ihren Kahlschlag-Parolen und ihrer sozialkritischen Einstellung wie eine moderne Version des Sturm und Drang an?

Quelle: -Internet