Titel: Anna Seghers

Anna Seghers

→ Synonym (eigentlich: Netty Reiling)
Autorin der Gegenwart

1) Biographie:
- 19.11.1900 in Mainz geboren, Jüdin (Vater: Antiquitätenhändler; Bürgertum)
→ sorglose Jugend, sehr gute Bildungsmöglichkeiten
- 1919 - 1924 Studium in Köln: näherte sich der Arbeiterbewegung
→ Jahre der politischen Reife
- 1925 Heirat: ungarischer Schriftsteller, Soziologen Laszlo Radvanyi, später
Johann Lorenz Schmidt
- 1928 Beitritt KPD
Aufbegehren gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit
- 1933 Flucht nach Frankreich
Widerstand gegen Faschismus (Tagungen, Kongresse, Versammlungen);
antifaschistisches und sozialrevolutionäres Engagement
- 1940 Ausreise nach Mexiko, Flucht vor faschistischen deutschen Armeen
- 1946 Zusammenbruch des Faschismus → „Der Ausflug der toten Mädchen“
- 1947 Rückkehr nach Deutschland
→ Vorträge zur demokratischen Erneuerung Deutschlands
→ arbeitete im Komitee zur Einberufung des 1.Weltfriedenskongresses
→ 1950 in Warschau zum Weltfriedensrat gewählt
- 1952 - 1978 Präsidentin des Schriftstellerverbands der DDR
- 1983 stirbt am 1.Juni in Ost-Berlin

→ Leben geprägt durch Erschütterungen, Kriege, Revolutionen
→ Aus dem Bürgertum stammend → Kampf auf Seiten der Arbeiterklasse
→ Reisen nach Österreich, Frankreich, Mexiko, China → Erfahrungen gesammelt

2) Werke und historischer Hintergrund:
- 1. bis 2. Weltkrieg: Der Aufstand der Fischer von St. Barbara (1928) → Kleist-Preis
→ nimmt Partei gegen soziale Unterdrückung und Ungerechtigkeit
Der Kopflohn (1933) → Einbruch der faschistischen Ideologie in eine dörfliche Gemeinschaft
- 2. Weltkrieg: Transit (1944) → schildert das Schicksal von Exilanten
Das siebte Kreuz (1942) → Roman aus Hitlerdeutschland über die abenteuerliche Flucht von 7 KZ-Häftlingen, die alle bis auf einen wieder gefangen genommen werden
- Nach 1945: Die Entscheidung → Ablösen der alten durch eine neue Ordnung

Menschen stehen heute überall vor Entscheidungen: das überholte
Gestern oder das friedliche Morgen
- DDR: Die Kinder (1951) → Kampf des internationalen Proletariats → Literatur war den Vorgaben der Partei und Staatsführung unterlegen
→ ~1975: ostdeutsche Literatur beginnt, Möglichkeiten des einzelnen im gesamtgesellschaftlichen Kontext kritisch zu hinterfragen

3) „Der Ausflug der toten Mädchen“ → Ich-Erzählung
- Netty : → durch Krieg aus Europa vertrieben → durch lange Krankheit geschwächt 1946
- Wird in mexikanischen Dorf auf ein von einer weißen Mauer umgebenes Haus aufmerksam
- Erlebt Schulausflug (vor 1.WK- 1911/12) von ihrem Standpunkt (nach 2.WK) wieder (Traum)
- Zentrum: Freundschaft zwischen Leni und Marianne (Schaukel)

vermittelt zwischen Marianne (hübschestes Mädchen der Klasse) und Otto Fresinus (fällt 1914) → Knabe einer Unterprimaklasse (kommt mit der Remagen (Dampfer) an)

Marianne trauert, heiratet später Gustav Liebig (SS-Mann)

schwärzt Lenis Mann Fritz an, weil er sich weigerte, in SS einzutreten → Verhaftung von Leni und Fritz

Leni verhungert im 2. Kriegswinter im Frauen KZ

Marianne weigert sich, Lenis Kind retten zu helfen → Nazi-Erziehungsheim
- Geschichte weiterer Figuren:
- Fräulein Mees → ältliche, entengleich hinkende Lehrerin, trägt immer grosses Kreuz (von den Mädchen belächelt) → aber bleibt ihrem Glauben treu und sammelt auch unter Drohungen für Bekenntniskirche
- Fräulein Sichel → jüdische Lehrer → wird von einer sie ehemals bewundernden Schülerin von Bank verjagt (Sitz auf judenfreien Bank) → nach Polen deportiert, wo eine ihrer Schülerinnen (Sophie Meier) in ihren Armen stirbt
- Lore → bringt sich mit Schlafpulver um, weil ein nazistischer Liebhaber sie wegen Rassenschande mit dem KZ bedroht
- Ida → Bräutigam fiel vor Verdun → Krankenschwester und Diakonissin → stirbt als Bombe in das Spital (hinter Front) einschlägt
- hilfsbereite Gerda → Lehrerin und heiratet Lehrer Neeb, der aus Angst um seine Stelle gegen Gerdas Willen die Hakenkreuzfahne hisst → Gerda öffnet deswegen den Gashahn
- Netty überlebt den Krieg als einzige ihrer Klasse
- Nach Dampfschifffahrt gehen Mädchen durch die noch unzerstörte Stadt nach Hause
- Kurz bevor Netty Mutter wiedersehen würde, endet Erinnerung → wieder in Mexiko

- Beschreibt Zersplitterung der Schulklasse in Täter, Opfer, Mitläufer, Widerstandskämpfer
- = Spiegel der deutschen Gesellschaft der Nazi-Zeit
- Sympathien des Lesers gelten für Widerstandskämpfer, Opfer
- Tod aller → sogar Widerstand gegen Diktatur ist aussichtslos → Kampf erfolgreich, auch wenn weniger Mitläufer, aber mehr Gegner
- Gibt keine Schuldzuweisung oder Erklärung in Mexiko
Ein zentraler Satz der Erzählung lautet:
"...dass die Schicksale der Knaben und Mädchen zusammen das Schicksal der Heimat, des Volkes ausmachen, dass darum über kurz oder lang das Leid oder Glück ihrer Klassenfreundin sie selbst beschatten oder besonnen könnte."


4) Intention und Sprache
- Zwingt Leser zum Mitdenken → verzichtet auf vereinfachende und erwartete Lösungen → Leser soll Bequemlichkeit überwinden und selbst Schlüsse ziehen
- Prinzip: „Jeder muss beim Lesen fühlen“ → Mitdenken
- Dynamische Spannung in Werken → Stil- und Kompositionsmittel (Metapher, Vergleiche,…)
- Überblendungstechnik → Spannungssteigerung
→ zeigt Linie auf, die Menschen als Richtschnur ihres Handelns dienen soll
- Themen: Menschenleben, Konflikte und persönliche Probleme
- Literarische Gestalten setzt sich zusammen aus Wirklichem + Erfundenem
- Sprache: einfach, klar, präzise, von jedermann verstanden



Quelle: keine Angaben