ID Thema Fach Klasse Note Downloads
5392 Bodenkundewissenschaften in der 3.Welt Geographie 11 2 834
Kurzbeschreibung
Ökologische, technische und soziale Vorraussetzungen der mittelamerikanischen Bewässerungskulturen MITTELAMERIKA, ZENTRALYUCATAN -Hang-Tal-Bewirtschaftungsverfahren Chinampas
Inhalt des Referats
BODENKUNDEWISSENSCHAFTEN IN ENTWICKLUNGSLÄNDERN Thema: Ökologische, technische und soziale Vorraussetzungen der mittelamerikanischen Bewässerungskulturen Mittelamerika = das Land der Mayas und Azteken - eines der Ursprungsländer des Ackerbaus Die mit dem Ackerbau verbundene Seßhaftigkeit veränderte das soziale Gefüge der Menschengruppen, die vorher als nomadisierende Jäger und Sammler gelebt hatten. Der geschützte Raum der Dorfgemeinschaft, das Wegfallen der oft lebensgefährlichen Jagd (man betrieb bereits einfache Viehzucht - die Entwicklung des Ackerbaus ist untrennbar mit dieser verknüpft !) und die vielseitige Ernährung ließen die Bevölkerung merklich anwachsen - und damit verbunden den Bedarf an ackerbaulicher Fläche. Der Mensch begann in immer stärkerem Maße seine Umwelt zu verändern; er erkannte Möglichkeiten Gebiete, die mit den damals herkömmlichen Methoden nicht zu bewirtschaften waren, zu nutzen. Im Falle Mittelamerikas galt es unwegiges Bergland, dichte Wälder und weite Sumpfgebiete zu kultivieren : - man legte Terrassen an, - rodete mit Hilfe des Feuers (milpa = span. Maisfeld) und - baute inselförmige Beete. Das wichtigste Gerät des mittelamerikanischen Bauers blieb aber weiterhin der (relativ einfache) Grabstock. 1) Zentralyucatan Das Gebiet - befindet sich bei 19 Nord an der nördlichen Grenze der Passatzone, und ist von Nordamerikanischen Kontinentalströmen beeinflußt. Es handelt sich um ein Karstgebiet, das heißt, es gibt kaum Oberflächenwasser dafür aber ausgedehnte unterirdische Ströme. Die Trockenzeit dauert von Dezember bis Mai, die Regenzeit von Mai bis Dezember. Die extreme Variabilität der Niederschläge (z.B. Oxkutzcab : 1000 - 1200 mm/Jahr) bewirkt im langfristigen Durchschnitt höhere Niederschläge als nördlich des Puuc (- Region : künstliche Regensammlung angewendet), diese können während vieler Jahre unter diesem Wert liegen. Wo im Süden die Niederschläge noch weiter steigen, gibt es keine Besiedlung mehr. Die Tagestemperaturen liegen bei über 40C. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Die prähispanischen Bewohner von Yucatan - waren die Maya, von denen aber so gut wie nichts bekannt ist : Als 1542 Mittelamerika von den Spaniern unter Cortez erobert wurde, lag die klassische Periode des Volkes schon circa 300 Jahre zurück. Auf Grund von archäologischen Forschungen ist aber bewiesen, daß Wasserversorgungssysteme von großer Bedeutung waren und das Wasser das ganze Leben der Maya bestimmte. Wasserversorgung : * Idee = Jeder trägt Verantwortung für das System, daß heißt für sich selbst und die Umwelt - die Mitlebewesen und ihren Lebensraum. " Wenig Wasser kann durch effizienten Einsatz in seiner Wirkung vervielfacht werden." (*) Dies erreicht man durch Konzentration des Wassers und Schutz vor Verdunstung. Verschiedene Nutzungs- und Sammelmöglichkeiten helfen Überschüsse zu regulieren und zu verwenden. " Effiziente Regenwasserbewirtschaftung ist nur im Rahmen eines umfassenden integrierten Nutzungskonzept möglich." (*) Denken in gemeinschaftlichen Kategorien ist angesagt; die hohe Verantwortung liegt aber bei jedem einzelnen Bauern. * System : Während im Norden des Gebietes natürliche Dolinen (= cenotes) weitverbreitet sind, die zur Regensammlung genutz werden konnten (es gab bei den Mayas überhaupt wenige künstlich angelegte Brunnen), mußte man im Süden, je nach naturräumlichen Gegebenheiten Sammelvorrichtungen schaffen, um auch in der Trockenzeit Wasser zur Verfügung zu haben. In Hanglagen kam es zur Kombination von Regenwasserzisternen und künstlichen Seen. (siehe Speicherung + Hang-Tal-Bewirtschaftungsverfahren) Das "Rückgrat" des Systems waren kommunale Regelmachanismen und Organisationsformen - jeder wurde in den Sammelprozeß einbezogen. Es gab kaum Wasserkontamination - das "waste water" wurde wieder in den Versorgungscyklus eingespeist, die Minerale und organischen Stoffe dem Boden rückgeführt. Da die Zufuhr von organischem Material auch die Wasserspeicherkapazität des Bodens erhöhte, konnte der Wasserverbrauch pro landwirtschaftlicher Einheit gesenkt werden. (*) Vogl, Christian R. Diplomarbeit 1990 ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ * Speicherung : Der Grundgedanke des Speicherns ist, daß Wasser, über längere Zeiträume verteilt, besser und effektiver nutzbar ist, als eine große Menge in kurzer Zeit. a) aguada (span. Wasserstelle) = künstliche Seen Eine durchschnittliche aguada hat einen Durchmesser von 100 m und eine Tiefe von 10 m. In der feuchten Jahreszeit wird der See durch viele oberflächliche Kanäle gefüllt; seine Kapazität beträgt 10 000 000 - 150 000 000 l. Die gesamte Trockenzeit über stehen große Wasservorräte zur Verfügung; Verlust treten nur durch Evaporation auf. Um eine problemlose Wasserspeicherung zu gewährleisten, müssen die natürlichen Zuflußwege und die aguada selbst von gröberem organischen Material gesäubert werden. Die Ufer sind reich an Vegetation und das ganze Gebiet dient als Faunareservat und Überlebenschance für Wildtiere, deren Bestand von den traditionell jagenden Tabaos reguliert wird. Heute ist die Mehrzahl der aguadas ausgetrocknet und die darunter befindlichen Grundwasserreservoire (Buute) sind die letzte Wasserreserven dieser Gebiete. b) chultun = künstliche unterirdische Zisternen Sie werden in einer Anzahl von 50 Stück pro km2 angelegt. Innen ist es vollkommen finster und die kleine Öffnung an der Bodenoberfläche wird mit einem Holzstöpsel dicht verschlossen. Rund um die Öffnung befindet sich ein zum Sammelgefäß hin geneigtes Auffangbecken in der Größe eines mittleren Schwimmbeckens. Ein chultun liefert hochqualitatives Wasser, das frei von Algen und Wasserfauna ist. Dieses kann mit einem Baumrindenbeutel geschöpft werden. Der ausschlaggebende Faktor für die Entwicklung des chultun war die Variabilität des Jahresniederschlages. Das Fassungsvermögen ist auf den Jahresniederschlag abgestimmt und beträgt 20 000 - 45 000 l. Eine Familie mit circa 12 Personen kann täglich mit 200 l Wasser versorgt werden. Von Jänner bis März ist die Wasserbilanz negativ, im Mai ist der chultun entleert. Bei einem Überangebot an Niederschlägen (=Überflutungswasser) wird das Wasser zu anderen Speicherräumen (aguadas) geleitet. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ c) haltun = halbnatürliche oberflächliche Gesteinsausgrabung Ursprünglich waren sie durch schmale oberflächliche Kanäle verbunden. Sie haben eine Kapazität von 100 - 20 000 l und liefern - da sie oben offen sind - Trinkwasser von minderer Qualität. Durch Evaporation geht Wasser verloren. d) pila (span. Wassertrog; Batterie) = ausgehöhlter bewegbarer Felsen Die Kapazität beträgt 5 - 20 l; das Wasser ist für den raschen Verbrauch bestimmt. Hang-Tal-Bewirtschaftungsverfahren : Terrassen dienen zur Wasserregulation und zur Konservierung der Niederschläge im Boden. Ihr Schwemmwasser wird am Weg nach unten in aguandas oder chultunes aufgefangen. Mäandrierende Kanäle führen es einige hundert Meter den Hügel hinunter zu den Feldern und überwinden dabei einen Höhenunterschied von circa 5 m. Die vom Schwemmwasser mitgeführten Sedimente bewirken eine Zunahme und eine Verbesserung der Qualität des kultivierten Talbodens (Kacab-Erde = ungewöhnlich dunkle und sehr fruchtbare Erde). Die gesamte Wasserquantität für die Tallandwirtschaft entspricht dem zweifachen durchschnittlichen Regenfall - es kann zweimal so viel Biomasse produziert werden. 2) Küste Yukatans und Tal von Mexiko Chinampas Über die chinampas im Gebiet der Mayas ist so gut wie nichts bekannt, aber im Tal von Mexico haben sich die "Schwimmenden Gärten" - die chinampas der Azteken - zum Teil bis heute erhalten : * Das Ende : " Und dann sahen wir all diese Städte und Ortschaften die im Wasser gebaut waren und andere große Städte auf trockenem Land und dieser schnurgerade Damm der bis Mexico führt; wir waren verblüfft ... einige unserer Soldaten fragten, ob das nicht nur ein Traum sei. " (Bernal Diaz del Castillo - Mitglied der Expedition / Eroberung Mexicos) ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Den v.a. an relativ trockene Landschaften gewöhnten Spaniern mußte ein Land, in dem ein großes Sumpfgebiet Nahrung und Wohnraum für 1.5 Millionen Menschen lieferte, wie Garten Eden erscheinen. Ein Garten den man besitzen wollte, zu dessen richtiger Pflege einem aber die nötige Erfahrung und das Interesse fehlte. Das Teichsystem wurde zum größten Teil trockengelegt und die "neugewonnene" Fläche als Weideland für riesige Viehherden und für Trockenfeldbau verwendet - so wie man es aus dem Mutterland Spanien gewohnt war. Durch diesen extremen Eingriff in das bestehende System von Kanälen und Inseln wurde die Wasserzufuhr für die Inselbeete abgeschnitten; Krankheiten, die für die Eroberer relativ harmlos waren, aber die Ureinwohner bis zum Ende des 17. Jahrhunderts auf 70 000 reduzierten und der Zusammenbruch des zum Teil schon überbürokratisierten Machtgefüges bedeuteten das Aus für die Schwimmenden Gärten. * Eine Idee : Chinampas sind der Versuch, in einem heiß-feuchten Klima, wie es in dem von hohen Bergen umschlossenen Tal von Mexico vorherrscht, einen neuen Lebensraum für Menschen zu schaffen und ertragreiche Landwirtschaft zu betreiben. Da das spärliche Regenwasser keinen natürlichen Abfluß findet, sammelt es sich in mehreren seichten Teichen (bzw Sümpfen), die einen Großteil des Talbodens ausmachen. In den weichen schlammigen Boden werden - in Form eines Rechteckes - Pfähle geschlagen und mit Flechtwerk verbunden [chinampa ist von dem nahuatl Wort chinamitl abgeleitet, das "Einzäunung" aus Rohr" bedeutet]. Diese Rohrrahmen werden in Wechsellagen von Wasserkraut, Schlamm vom Seeboden und Erde gefüllt. Die fertigen "Inseln" sind 30 - 100 m lang, 3 - 8 m breit und etwa 1 m und 3 handbreit hoch, wo von circa 1 m unter dem Wasserspiegel gelegen ist. An den Ufern der Beete werden Ahuejote-Bäume (Weidenart) gepflanzt, die den Inseln eine größere Festigkeit verleihen (Wurzel = lebendiger Zaun) und Schatten spenden. Durch die geringe Höhe der Beete kann das Wasser der angelegten Kanäle im Wurzelbereich diffundieren - die ständige Feuchtigkeit bewirkt eine Zersetzung der organischen Massen im Boden, wodurch die Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen und Wasser gewährleistet ist. Die große Anzahl von Früchten im Fruchtwechsel und die regelmäßige Auflage von Schlamm, Wasserpflanzen und natürlichem Dünger führen dem System neue Umsatzstoffe zu. Viermal im Jahr kann bei hohen Erträgen geerntet werden; die Haupterzeugnisse sind Mais und Bohnen, dicht gefolgt von verschiedenen Gemüsesorten, Blumen und Früchten kleinerer Bäume und Sträucher. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Ein besonderer Aspekt dieser Bewirtschaftungsform ist, daß nicht nur die Inseln selbst, sondern auch die Kanäle genutzt werden. Dieses viele Kilometer lange, 1 - 3 m breite Geflechte von Wasserwegen dient nicht nur zur Bewässerung der Beete, sondern auch für die Haltung von Fischen, Salamandern, Schildkröten und Geflügel, als Transportweg und zur Verteidigung des Landes. Die chinampas sind also ein abgeschlossenes und langlebiges System - alles, was nicht als Nahrungsmittel oder Werkzeug verwendet werden kann, wird wieder dem Stoffkreislauf zugeführt und kann für das System genutzt werden. Bei wenig Materialeintrag und daher hoher Arbeitsintensität (z.B. Freihalten der Kanäle und Ausbringung des Aushubmaterials auf die Beete, Anbau und Ernte v.a. händisch) kann ein Stück bestes chinampa-Land 15 - 20 Menschen ernähren - und war damit die wirtschaftliche Grundlage des Reiches Tenochtitlán-Tlatelolco rund um die Hauptstadt Tenochtitlán. * Die Situation : Die Hauptstadt war 1325 auf ehemaligen chinampas am Südende des Texcoco Sees errichtet worden, die miteinander verschmolzen und große ebene Flächen bildeten, die durch Kanäle von einander getrennt waren. Die starke Bevölkerungszunahme und die zwangsläufig damit verbundene Vergrößerung der Stadt ging zu Lasten der älteren landwirtschaftlichen Flächen, die aber an der Peripherie der Stadt durch neue ersetzt wurden. Nur durch eine straffe, fast schon als totalitär zu bezeichnende Organisation war es überhaupt möglich in relativ kurzer Zeit - circa 200 Jahre - ein System aufzubauen, das einer rasch wachsenden Bevölkerung sowohl Nahrung als auch Schutz bot, was bedeutete, daß das Leben der Azteken durch eine Vielzahl bürokratischer Maßnahmen bestimmt war. In der Landwirtschaft bedeutete dies z.B. eine genaue Einteilung der Besitzverhältnisse, der Fruchtfolge und verschiedene Kontrolleinrichtungen zur Regelung des Wasserhaushaltes im chinampas-System. (z.B. : Ein 15 Kilometer langer Erde-Stein-Damm regulierte den Wasserspiegel und verhinderte den Ausgleich der Salzkonzentration zwischen Nord- und Südteil des Texcoco Sees.) Mit der "Eroberung" Mittelamerikas durch die Spanier brach dieser "Beamtenstaat", der vor allem bei den von den Azteken unterworfenen Völkern Anlaß fortwährender Unruhen war, vollständig in sich zusammen. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Bis 1900 gab es noch einen Verbindungskanal, der es den chinamperos - den Bauern der chinampas - ermöglichte ihre Erzeugnisse auf direktem Weg zum Zentralmarkt in Mexico City (dem ehemaligen Tenochtitlán) zu bringen; durch weitere Trockenlegungen und die Umleitung der unzähligen natürlichen Quellen für die städtischen Wasserversorgung in gemauerten Aquädukten versiegte der Kanal. An seine Stelle trat eine Asphaltstraße, wodurch die chinamperos gezwungen wurden, ihre Waren Marktmittelsmännern anzuvertrauen, die sich einen LKW leisten konnten. Noch 1930 berichtete die deutsche Geographin Elisabeth Schilling, daß von den chinampas : Kraut, Spinat, Salat, Gurken, Zeller, Jitomates, Bohnen, Mais, Zwiebel, Lilien, Mohn, Tulpen, Vergißmeinnicht, Nelken, alcatraces, Chrysanthemen, Gänseblümchen, nardos und pansies frisch auf den Markt geliefert wurden. Heute sind 2/3 der damaligen Beete für den Haus-und Straßenbau trockengelegt, das "überflüssige" Wasser wird in den Pazifik geleitet. Das restliche Drittel wird mit wenig-belastetem Abwasser gedüngt; die Kanäle stagnieren und sind Lagerplatz für alle Arten von Müll - die Fauna ist verschwunden und die Ahuejote sterben langsam ab. Trotzdem waren und sind die "Gärten" weiterhin die Hauptlieferanten für Gemüse und Blumen; und das - obwohl sie im Sinne der Politik der Grünen Revolution, die mit großer Akribie in Mittel- und Südamerika verfolgt wurde (mehr Maschinen, weniger Handarbeit !) - wohl kaum als rationell bezeichnet werden können. * "Eine alte Antwort für die Zukunft" * Um die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu verbessern, beschloß der INI (Instituto Nacional Indigenista = offizielle Stelle der Indianerhilfe) im Jahre 1978 sich auf die Suche nach Alternativen zu machen. Eine der Grundideen war es dabei "eine alte Antwort für die Zukunft" zu finden und so die Tradition, daß heißt, das Selbstbewußtsein, v.a. der Indianer, wiederherzustellen. Projekt 1 / CHONTAL - Tabasco (SO-Küste) Nach einigen fehlgeschlagenen Trockenlegungsprojekten in den Sümpfen rund um die Ortschaften Tucta, La Cruz und Olcuatitán fanden Archäologen in Tabasco prä-hispanische Beete. Man kam überein - im Sinne der Idee der INI - in diesem Sumpfgebiet mit modernen Methoden solche Beete (=chinampas) zu errichten. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Unter der Leitung der INIREB (Instituto Nacional de Investigacionenes sobre los Recursos Bióticos) und mit der hohen finanziellen Unterstützung der Regierung und der Weltbank begann man mit der Planung. * Zielsetzung : 1) permanent Arbeit für landlose Chontales 2) Nahrungsmittelversorgung für das Gebiet 3) Sicherstellung einer konstanten Produktion für den Markt in Villahermosa 4) Stärkung der kulturellen Indentität 5) Schaffung einer wirklichen Alternative für die Umwandlung von Sumpfgebiet in produktive Nutzflächen * Ausführung : Zur Arbeitsbeschleunigung wurden große aquatische Bagger eingesetzt, um Sumpfboden auszuheben und 65 circa 30 m breite und 100 - 300 m lange Haufen aufzuschütten. Diese hatten zwar das Aussehen von chinampas, waren aber nicht so fruchtbar und wasserdurchlässig : Der Schlamm war nicht nach seiner natürlichen Schichtenfolge gelagert worden; der nährstoffreichere Anteil war in der untersten Schichte, die oberste Lage war unfruchtbar und durch den Einfluß der Luft hart wie Zement, und man hatte keine organische Masse eingebracht. Im Bett der Kanäle waren 1 - 5 m tiefe Rillen, die durch das wiederholte Rangieren der Bagger entstanden waren und es den Chontales unmöglich machten, die ihnen vertraute Form des Fischfanges mit Schleppnetzen zu betreiben. * weitere Probleme : Den Chontales war das Arbeiten in kollektiven Gruppen vollkommen fremd, wodurch es zu wiederholten Verzögerungen und Unstimmigkeiten kam. Die ursprüngliche Erwerbsquelle der Dorfbewohner war die Jagd und der Handel - vor dem Projektbeginn waren nur 10 % der Dorfbewohner aktive Landwirte gewesen, mit Feldgrößen zwischen 51 und 1/2 Hektar - es fehlte an Erfahrung und oft auch an Begeisterungsfähigkeit einen nicht traditionellen "Beruf" zu ergreifen. Die Berater - chinamperos aus dem Tal von Mexico - waren weder mit der Menge und dem Artenreichtum der Insekten des Gebietes noch mit seinen Wachstumsperioden vertraut. Außerdem hatte man Pflanzgut aus Gebieten mit anderen räumlichen und zum Teil auch klimatischen Bedingungen geholt; die Folge waren Mißernten und immer stärker werdende Zweifel an der Funktionstüchtigkeit der chinampas in der Gegenwart. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Die Beete waren vom Dorf aus nur schwer zu erreichen; vom Dorf in Richtung Villahermosa und in den Rest des Gebietes fehlte es an Transportmöglichkeiten, so daß ein Teil der Ware schon vor Erreichen des Bestimmungsortes verdarb. Als das Transportproblem teilweise gelöst war, zeigte sich, daß man vergessen hatte, vor dem Projektbeginn ausreichende Marktforschung zu betreiben und man Mengen und Waren produziert hatte, für die nur eingeschränkt Bedarf bestand. * Lösungsversuche : Es kam zur Aufteilung der Beete auf einzelne Familien - wie es sowohl im Tal von Mexico als auch hier im Gebiet der Chontales Tradition war - und ging dazu über traditionelle Sorten und Arten (Mais, Bohnen, Bananen) anzubauen, die eine größere Resistenz gegen Krankheiten und Insekten haben. Da die chinampas in dieser Form weder besonders arbeits- noch kapitalintensiv sind, werden sie im Nebenerwerb bewirtschaftet. Projekt 2 / CHONTALES - El Castillo Auf Betreiben der INIREB und eines privaten Grundbesitzers wurde 1979 ein neues Projekt gestartet - um eine Verbindung zwischen moderner und prä-hispanischer Technologie zu schaffen. Man plante die Zucht von Schweinen, Hühnern und Fischen, die Errichtung einer Biogasanlage und die Anlage von vier chinampas. Die chinampas sollten in der Ausführung den prä-hispanischen Beeten im Tal von Mexico entsprechen, ja man hatte sogar aus den Problemen mit den kollektiven Arbeitsgruppen aus dem ersten Projekt gelernt und ortsansäßige Arbeiter angestellt, die von Studenten der technischen Landwirtschaftsschule in Veracruz und einem chinampero aus dem Tal von Mexico unterstützt wurden. Trotzdem scheiterte auch dieses Projekt : Man hatte wieder die Insekten und die unterschiedlichen Wachstumsperioden der Gebiete unterschätzt. Der See war für die Anlage von chinampas - mit Ausnahme eines schmalen Sumpfstreifens - zu tief, wodurch die Vergrößerung der Anlage in der Zukunft unmöglich gemacht wurde. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ Das Gemüse konnte nicht als "cash-crop" mit den Kaffeepflanzungen konkurrenzieren und war daher vom Finanziellen her unattraktiv. Die Interessen der Projektmanager und die Bauern ließen sich nicht miteinander verknüpfen. Die technischen Berater waren vor allem an der Verwirklichung der modersten technischen Ideen interesssiert, ohne auf die lokalen Gegebenheiten, daß heißt, auf den sozialen, ökonomischen und politischen Context in dem die Bauern lebten, besondere Rücksicht zu nehmen. Nachdem der Grundbesitzer plötzlich verstarb und sein Bruder wenig Interesse an den Pläne zeigte, wurde das Projekt fallengelassen. Warum aber hatte das System im Tal von Mexico circa 200 Jahre lang funktioniert und scheiterte im hochtechnisierten 20.Jahrhundert bereits nach wenigen Monaten ? Die Idee der chinampas im Tal von Mexico waren nicht von irgendwoher importiert worden, sondern ein genau auf die naturräumlichen und sozialen Bedingungen abgestimmtes Modell. Die Azteken hatten, wahrscheinlich durch genaue Beobachtung und die Weitergabe von Information über Generationen (sowohl mündlich als auch schriftlich), ein erstaunliches Wissen über den Nährstoffbedarf der Pflanzen, den Wasserbau, die Bevölkerungsentwicklung, die Bedeutung einer guten Organisation - und die Fähigkeit die Natur als Ganzes zu sehen und Zusammenhänge zu erkennen. Die Projekte 1 und 2 scheiterten daran, daß in der Planung immer wieder gewisse Details übersehen wurden; sei es die Erforschung der Marktlage, die richtige Schichtung des Schlammes in den Inselbeeten, die Tradition der Gebietsbevölkerung oder die komplexen ökologischen und sozioökologischen Zusammenhänge - daß heißt, die teilweise Unfähigkeit Dinge in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen.
Quellenangaben des Verfassers