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1682 Atombombe Hiroshima Physik 10 1- 2100
Kurzbeschreibung
Inhalt des Referats
Am 6. August 1945 werfen die Vereinigten Staaten von Amerika auf die japanische Stadt Hiroshima die erste Atombombe ab. Durch die Explosion und die frei gesetzte radioaktive Strahlung kommen schätzungsweise bis zu 150.000 Menschen grausam ums Leben. Etwa 80% der Stadt Hiroshima werden zerstört. Um 8.13 Uhr erhält die Besatzung des Boeing B 29-Bombers „Enola Gay“ von General Carl A. Spaatz, dem Oberbefehlshaber der US-Luftwaffe im Pazifik, den Befehl, einen Nuklearsprengsatz über Hiroshima abzuwerfen. Zwei Minuten später detoniert die Atombombe, mit einer Sprengkraft von 12.500 t TNT in 580 m Höhe über der Stadt Hiroshima. Obwohl die Amerikaner von der Wirkung der Atombombe selbst überrascht sind, werfen sie drei Tage später, am 9. August die zweite Bombe auf die Stadt Nagasaki ab. Die um 12 Uhr mittags über Nagasaki explodierte Bombe hat eine Sprengkraft von 22.000 t TNT, also beinahe die doppelte Sprengkraft der Bombe, die über Hiroshima abgeworfen wurde. Im Ruhestand schreibt Truman, Jahre später, über seinen Befehl für den Abwurf der Atombombe über Hiroshima: „Als ich meine diesbezüglichen Weisungen erteilte, machte ich es zur Bedingung, dass die Bombe als Kriegsmittel im Rahmen der Landkriegsordnung einzusetzen sei.“ Mit anderen Worten, die Bombe musste auf ein militärisches Ziel abgeworfen werden. Was dabei herauskam, war jedoch die Vernichtung der Stadt Hiroshima. Wegen der Berücksichtigung des Wetters und operativer Umstände räumte Präsident Truman seinem General eine gewisse „Freiheit“ ein. [Fotostrecke Nagasaki] Hiroshima-Befehl Der Befehl an den General Carl Spaatz für den Abwurf der Atombombe lautet: An General Carl Spaatz Oberkommandierenden der amerikanischen strategischen Luftwaffe 24. Juli 1945 Die Sondergruppe 509 der 20. Luftflotte wird ihre erste Spezialbombe, sowie das Wetter nach dem 3. August 1945 Bombardierung bei guter Sicht gestattet, auf eines der nachstehenden Ziele abwerfen: Hiroshima, Kokura, Nagasaki oder Niigata. Zusätzliche Maschinen zur Begleitung des Bombenflugzeuges sind zu stellen, um Offizieren und Wissenschaftlern des Kriegsministeriums die Beobachtung der Bombenexplosion und ihrer Wirkung zu ermöglichen. Die Beobachtermaschinen werden sich einige Meilen vom Explosionsherd entfernt halten. Sowie weitere Bomben zur Verfügung stehen, sind sie auf die obengenannten Ziele abzuwerfen. Für weitere Bombardierungen sind Instruktionen abzuwarten. Alle Verlautbarungen über den Einsatz dieses Kampfmittels in Japan sind dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Kriegsministerium vorbehalten. Ohne vorherige Genehmigung dürfen die Frontbefehlshaber kein Kommunique herausgeben. Alle Presseberichte sind dem Kriegsministerium zur Vorzensur einzureichen. Der obige Befehl ergeht an Sie auf Anweisung und mit Zustimmung des Kriegsministers und des Generalstabschefs der amerikanischen Streitkräfte. Sie werden ersucht, ein Exemplar dieses Befehls persönlich MacArthur und Admiral Nimitz zur Kenntnisnahme auszuhändigen. Im Auftrag Thos. T. Handy General GSC Amtierender Stabschef Originaldokument des Befehls für den Abwurf der Atombombe. (192 KB groß) Die Besatzung des Bombenflugzeuges Als Oberst Paul W. Tibbets, der die Atombombe über Hiroshima ausklinkte, später in einem Interview gefragt wird, ob er nicht bereue, für den Tod zehntausender Menschen verantwortlich zu sein, antwortet er: „Ich habe nie bereut und mich nie geschämt, denn ich glaubte damals, dass ich meine patriotische Pflicht tat, als ich den Befehlen folgte, die man mir gab.“ Die selben Argumente benutzte der 1961 in Argentinien gefasste Nazi Adolf Eichmann, als er vor dem Staat Israel wegen Völkermordes unter Anklage stand und später mit der Todesstrafe verurteilt wurde. Die Besatzungsmannschaft der Enola Gay sind Jahre später immer noch der Auffassung, dass sie das Richtige taten, um den Krieg zu beenden. Sie stimmen hierin mit der herrschenden amerikanischen Politik überein, ebenso mit dem für den Abwurf der beiden Atombomben verantwortlichen Präsidenten Truman, der jene Ansicht über Jahrzehnte hinweg bis zu seinem Tode wiederholt hat. Der Blick in die explodierende Bombe - Ein Augenzeugenbericht Von Helmut Erlinghagen Der August ist in Japan der eigentliche Sommermonat. Es war sehr schwül in Tokio, noch heißer in Nagoya und Osaka und drückend in Okayama und Hiroshima. Weil damals chemikalische Düngemittel nicht in dem Maße verwendet wurden wie heute, wimmelte es in den Reisfeldern, die auch unser Haus umgaben, von Fröschen verschiedenster Art. Ihr Gequake und das ununterbrochene Surren der Zikaden erfüllte die Luft schon seit Wochen, aber im August, dem Höhepunkt der sommerlichen Hitze, war es besonders penetrant. Gerüchte über die unmittelbar bevorstehende Bombardierung Hiroshimas hatten in den letzten Wochen zugenommen. Auch war hin und wieder von einer Spezialbombe die Rede, die Hiroshima zerstören sollte. Doch wir beachteten dieses Gerücht so wenig wie die anderen. Wir waren überzeugt, dass die Alliierten bald auf den japanischen Inseln landen würden, und jeder von uns hatte eine Fischkonserve und einen kleinen Beutel Reis als Proviant erhalten, um notfalls bei einer Flucht in die Berge überleben zu können. Doch wir glaubten nicht an eine unmittelbare Gefahr. Uns bedrückten vor allem die Nachrichten von der furchtbaren Zerstörung Deutschlands und die Sorge um unsere Angehörigen, von denen schon lange kein Lebenszeichen zu uns vorgedrungen war. Ich überlegte seit einiger Zeit, die „Blauen Bücher“ des Verlags Langewiesche aus der kirchlichen Bibliothek in der Stadt hierher nach Nagatsuka zu holen, um zumindest eine Erinnerung an das untergegangene Deutschland zu bewahren. Denn dass der Bombardierung eine verheerende Brandkatastrophe folgen würde, schien uns gewiss. Am Morgen des 6. August hatte es um sieben Uhr Bombenalarm gegeben, doch gegen acht Uhr wurde der Alarm wieder abgeblasen. Ich überlegte, mit dem Fahrrad in die Stadt zu radeln, um die Bücher zu holen, aber irgendwie war ich unschlüssig. So versuchte ich, mich auf die noch ungewohnte Lesung des Breviers zu konzentrieren, als ich plötzlich den Motorenlärm eines Flugzeuges hörte. Barfuss, das Gebetbuch in der Hand, lief ich zum Fenster, aus dem ich nach Süden zur Stadt hinunter blicken konnte. Bei klarem Wetter ließen sich recht deutlich die Umrisse des größten Kaufhauses von Hiroshima, Fukuya, erkennen. Diesig war es an diesem 6. August, wie so oft, so dass man keinerlei Konturen der Gebäude unterscheiden konnte. Ich konnte kein Flugzeug entdecken. Unten im Garten sah ich einen Mitstudenten, der sich mit koreanischen Kindern aus der benachbarten Barackensiedlung unterhielt. „Siehst du etwas?“ rief ich hinunter. „Nein. Dem Geräusch nach muss es eine Boeing 29 sein. ?? „Ja. Sie muss irgendwo dort sein.“ Ich streckte meinen Arm in Richtung Hiroshima. In diesem Moment, es war inzwischen 8.15 Uhr, blitzte ein riesiges Licht über dem Zentrum auf, doch im gleichen Augenblick hatte ich das Gefühl, das Licht, hundertmal stärker als die Sonne, sei über und um mich. Ein greller Lichtschein, ähnlich dem Magnesiumlicht, das man früher bei Blitzlichtaufnahmen benutzte, gelblichweiß und gleißend, erfüllte alles. Geblendet wich ich zurück. Plötzlich fühlte ich eine starke Hitze und warf mich entsetzt auf den Boden unmittelbar vor dem Fenster, wie wir es oft in Gedanken trainiert hatten. Ich lag vielleicht zwei oder drei Sekunden da, als es fürchterlich knallte. Mein Zimmer und das ganze Haus wurden erschüttert. Ich war über und über mit Glassplittern, Holzstücken und aus den Wänden gerissenen Lehmbrocken bedeckt. Ich kroch unter den Schreibtisch und betete. Das ist das Ende, dachte ich und wartete auf den Gnadentod. Doch nichts geschah. Durch tausende von Glassplittern, durch zerborstene Möbel und zerfetzte Bücher gelangte ich zu der Tür, die, aus den Angeln gerissen, draußen auf dem Korridor lag. Zitternd trat ich hinaus, überzeugt davon, dass den anderen im Haus etwas Entsetzliches widerfahren sei. Bei mir selbst bemerkte ich keine Verletzungen. Andere kamen aus ihren völlig verwüsteten Zimmern auf den Gang. Einer blutete heftig im Gesicht und an den Armen, er hatte, wie er uns später erzählte, direkt am Fenster gestanden, um der Bombe „ins Gesicht zu sehen“ – er war Philosoph. Die Decken im Korridor bogen sich und drohten jeden Moment herabzustürzen. Doch wir waren vor allem damit beschäftigt, uns um „den anderen“ zu kümmern. Wir gingen hinaus und sahen, dass die ganze südliche Hausfront zerstört war. Alle Fenster waren heraus gebrochen, tausende von Möbelsplittern nach draußen geflogen. Überall auf dem Rasen lagen zerbrochene Dachziegel, drei Pfeiler der Kirche waren zerstört. Doch die Grundstruktur des Gebäudes war erhalten geblieben. „Wo ist der Bombeneinschlag?“ fragten wir immer wieder, aber nirgends war ein Bombenkrater zu entdecken. Wir suchten überall – kein Anhaltspunkt. Wie konnte das sein? Das ganze Haus mit einem Schlag demoliert und nirgends ein Bombentrichter. Das muss eine besondere Bombe gewesen sein, vermuteten einige. Ich vertrat die, wie ich glaubte, realistische Ansicht, dass dies wohl das lang erwartete Bombardement gewesen sei. Statt herumzuspekulieren, wo denn der Bombentrichter sei, sollten wir uns lieber an die Aufräumungsarbeiten machen. In diesem Moment entdeckten wir, dass viele der kleinen, mit Stroh bedeckten Bauernhäuser zur Stadt hin brannten. Sie waren einige hundert Meter von unserem Haus entfernt. Auch brannten Häuser, die noch näher beim Stadtzentrum lagen, und selbst die die Stadt umgebenden Wälder schienen Feuer gefangen zu haben. Wie ein großer Ring lag das Feuer um der Stadt mit dem Stadtzentrum als Mittelpunkt. Um das Zentrum selbst, wo sich jetzt eine riesige Wolke bildete, kümmerten wir uns nicht weiter. Ich dachte, die Bombardierung von Hiroshima habe erst begonnen, denn auch in Tokio und im benachbarten Kure war zuerst die Peripherie und danach das Zentrum bombardiert worden. Von Hiroshima zogen ungeheure Rauchwolken herüber. Überall liefen Leute umher und versuchten, das Feuer zu löschen. Auch die Schüler waren aus den Stollen gekommen und halfen beim Löschen. Zusammen mit einem Theologieprofessor rannte ich zu einem der brennenden Bauernhäuser. Während wir aus einem kleinen Fluss Wasser in Eimern holten, zeigten am anderen Ufer Polizisten mit entsicherten Pistolen auf uns. Sie hielten uns, wie wir später erfuhren, für amerikanische Fallschirmspringer. Zum Glück kannten uns die Bauern, denen wir beim Löschen halfen. Gegen zehn Uhr wurde der Himmel nicht nur über der Stadt, sondern auch über uns merkwürdig dunkel. Bald fielen schwere Regentropfen, die voll von Schmutz – offenbar Rauch und Asche – waren. Von der ganz ungewöhnlichen Dunkelheit zur Mittagszeit eines Hochsommertages beunruhigt, machten wir uns auf den Heimweg. Inzwischen strömten immer mehr Menschen vom nördlichen Teil der Stadt über die Dämme, die sich entlang der regulierten Bäche der Reisfelder befanden. Zuerst fanden nur einige der Ausgebombten den Weg zu uns, aber bald waren es so viele, dass wir nicht mehr wussten, wie wir sie alle unterbringen sollten. Ich war gerade dabei, Notunterkünfte anzuweisen, als eine Nachbarin aus dem Tal herangestürzt kam und uns dringend um Hilfe bat. Einige von uns waren schon zur Hauptverkehrsstraße geeilt, die etwa zehn Minuten vom Hause entfernt von Hiroshima nach Norden führte, um dort zu helfen. So machte ich mich allein auf den Weg zur Nachbarin. Es war meine erste Begegnung mit den Schrecken der Verwundeten. In ihrem Haus lagen sie dicht nebeneinander, Körper an Körper. Aber der Zustrom ließ nicht nach, sondern wuchs stetig an. Es kamen immer neue, meistens in geschlossenen Reihen von sieben bis acht Personen, vorwiegend Frauen, die am Kopf und im Gesicht so verbrannt waren, dass die Brandblasen sie völlig unkenntlich machten. Die oberste Haut war verletzt und abgerissen, der Kopf ballonrund aufgedunsen. Aus dem geschwollenen Mund hing oft die aufgeblähte Zunge heraus. In den grässlichsten Farben, rot, violett oder graubraun von Schmutz und Staub, erschienen sie vor uns. Viele von ihnen konnten wegen der geschwollenen Fleischteile im Gesicht nicht mehr sehen, sie hielten deshalb in Gruppen Tuchfühlung zueinander, indem sie gegenseitig die Hände auf die Schultern legten oder die Arme einhakten. In ihrem großen Leid halfen sich die Verletzten gegenseitig, niemand – es waren meist, wie gesagt, Frauen – wurde allein gelassen. Von zwei anderen unter die Arme genommen, gingen die Erblindeten klagend, der Orientierung wegen stets sprechend, oft genug nur im Schmerz vor sich hin summend, aber immer mit Geduld langsam schlürfend aus der Stadt. Angekommen auf den vereinzelt am Wegesrand liegenden Bauernhöfen, brachen ganze Gruppen zusammen, fielen trotz Zurückweisungen auf die Tatami-Matten oder einfach in den Hof zwischen der Heckenwand und dem Bauernhaus. Die Nachbarin erfasste die Größe der Not so wenig wie ich. Sie bat mich dringend, dass ich eine verletzte Frau zum Arzt bringen sollte, weil sie offensichtlich ohne Bewusstsein sei und jederzeit sterben könne. Es war wohl ein typischer Fall, wie er in jeder Katastrophe geschieht. Jeder erfasst nur das, was unmittelbar um ihn herum passiert, und glaubt, er müsse da unbedingt helfen. Sie bot mir ihren Riaka, einen zweirädrigen Wagen mit einem kistenartigen Aufsatz und einer Deichsel zum Ziehen oder Schieben, an. Wir luden die verletzte Frau vorsichtig hinein. Ich bat einen etwa elfjährigen Schüler, der nur verdattert in all dem Unglück herumstand, mitzukommen. Fast musste ich ihn zwingen, mit anzufassen, indem ich ihn darauf hinwies, dass es doch eine Japanerin sei, die in Todesgefahr schwebe. Mit abgewandtem Gesicht half er mir beim Schieben des Riaka. Ich selbst hatte nur den einen Gedanken, dass ich für diese sterbende Person verantwortlich sei und schleunigst einen Arzt finden müsse. Endlich erreichten wir eine Rettungsstation, die in einem buddhistischen Tempel untergebracht war, wozu auch eine Volksschule gehörte. Ich war so sehr damit beschäftigt, die mir anvertraute Frau zu retten, dass ich zunächst gar nicht die Situation in der überfüllten Rettungsstation erfasste. Wir trugen die Verletzte in den ersten Stock, und ich bat den Arzt, doch zu kommen, um sich ihrer anzunehmen. Er schaute mich ganz müde und erstaunt an und wies mit der Hand in den großen Schulraum: „Sehen Sie denn nicht, dass hier Hunderte von Verletzten und Sterbenden liegen?“ Erst jetzt wurde mir klar, dass er ja unmöglich nur meiner Verletzten helfen konnte. Ich ließ die Frau, an der es außer den Kopfhaaren und einem Gürtel aus Stoff um die Hüften nichts gab, wo man sie überhaupt anfassen konnte, in dem Schulraum zurück. Als ich hinausging, sah ich, dass die gesamte Schule voll von Verletzten, Sterbenden und Toten war. Auch draußen im Schulhof, im buddhistischen Tempel, überall das gleiche Bild. Ich ahnte, dass etwas Entsetzliches passiert war. Als ich zu der Hauptstraße, die durch eine nicht abreißende Kette von Dörfern von Hiroshima nach Norden führt, zurückkehrte, traf ich unterwegs überall Verletzte. Manche waren so schwer getroffen, dass sie nach ein paar Schritten tot umfielen. Aus den Häusern drang das Stöhnen und Schreien der Verwundeten. Die Bauern hatte man zwar immer wieder auf ihre Verteidigungspflichten bei einem Luftangriff auf Hiroshima hingewiesen, doch hierauf waren sie nicht vorbereitet. Ihre Häuser wurden überfüllt mit Verletzten, die überall auf den Matten lagen. Vergeblich versuchten sie, Neuankömmlinge abzuwimmeln. Einzeln und in Gruppen fielen sie einfach in den Staub des Hofes. Männer, die nicht als Soldaten eingezogen worden waren, hatte die Regierung in einer dem Volkssturm ähnlichen Organisation zusammengefasst, die sich Hilfstruppe nannte. Die grün uniformierten Angehörigen dieser Miliz saßen völlig erschöpft am Straßenrand und wiederholten immer nur: „Bei so vielen Verwundeten kann man einfach nichts tun.“ Niemand von ihnen war in der Lage, den aus der Stadt strömenden Menschen irgendwie zu helfen. Ich traf andere Mitglieder unseres Hauses, die ebenso wie ich Leute in einem Riakawagen transportierten. Oft wurde der Riaka, der eigentlich nur für zwei bis drei Personen gedacht ist, mit sieben Verletzten beladen. Nur wir Deutschen und unsere koreanischen Mitbrüder zogen stundenlang mit den kleinen Wagen die Straße auf und ab, um zumindest die Schwerverletzten zur Rettungsstation zu bringen, zu der immer noch in einer Prozession des Grauens Tausende und Abertausende von Verletzten aus der Stadt wankten. Überall flehten Menschen um Wasser. Als ich ihnen etwas davon bringen wollte, wurde ich von Angehörigen der Hilfstruppe daran gehindert. Sie fürchteten, Wasser sei für die Verletzten der sichere Tod, denn die Bombe sei, wie sie mir sagten, von besonderer Art gewesen. Vermutlich hätten die Verwundeten innere Verbrennungen oder seien vergiftet. Das einzige, was die Verwundeten daher bekamen, waren kleine Reisbrötchen, die so hart waren, dass man sie nur mit sehr guten Zähnen zerbeißen konnte. Sie wurden den Opfern in die Hand gedrückt, die sie weder zum Mund führen, geschweige denn essen konnten. Kaum hatten sie sie bekommen, fielen sie in den Wagen oder auf die Straße. Doch sogleich bekamen sie neue zugesteckt. Auch mir wurden immer wieder die harten Reisbrötchen gegeben, wohl auch als Zeichen der Anerkennung und des Dankes. Mehr als sieben Stunden hatte ich ohne Unterbrechung gearbeitet; ich bemerkte nicht einmal den Schmerz in meinen von Glassplittern verletzten Fußknöcheln. Aus einem kleinen Städtchen weiter im Norden waren endlich auch Lastwagen gekommen, die alle diejenigen transportierten, die noch stehen konnten. Sie wurden völlig überladen. Ich erinnere mich an ein junges Mädchen, das beim Anblick ihrer an Gesicht und Körper furchtbar verstümmelten Mutter und der dicht gedrängten Menge von Verletzten nicht mit auf den Lastwagen wollte. Die Mutter, schon oben, gab ihr Zeichen, versuchte sie zu rufen, doch Mund und Zunge waren so geschwollen, dass nur unartikulierte Laute herauskamen. Schließlich packte einer der Sanitäter das entsetzte Mädchen und warf sie auf den bereits fahrenden Anhänger. Mit meinem vollgeladenen Riaka ging ich zum letzten Mal zur Rettungsstation. Wegen der strengen Sicherheitsvorschriften während der letzten Kriegsetappe brannte kein Licht, und so legte ich die Opfer im Dunklen hin. Ich blieb eine Weile stehen, hörte das Stöhnen der unzähligen Verwundeten, die überall lagen. „Wasser. Wasser. ?? Niemand beklagte sich, niemand verfluchte den Feind. Mit derselben Schicksalsergebenheit, mit der die Japaner Erdbeben, Taifune, Überschwemmungen und Vulkanausbrüche erduldet hatten, ertrugen sie auch jetzt dies Leid. Es war bereits kurz vor acht Uhr abends, als ich schließlich heimging. Anders als sonst war in den meisten Häusern trotz der Sicherheitsvorschriften Licht. Auf dem Krematoriumsplatz, etwa zweihundert Meter von unserem Haus entfernt, brannten mehrere Feuer. Jeder Bestattungsplatz bestand nur aus einem einfachen Loch, groß genug, um etwas Holz und die Reste der Toten hineinzutun. Auch überall an den Hängen ringsum brannten, so weit ich blicken konnte, Bestattungsfeuer von demselben entsetzlichen Gelbbraun. Die Bauernhöfe zwischen Noviziat und Stadt loderten immer noch. Und die Stadt selbst: Feuer, überall Feuer, soweit ich sehen konnte. Auf dem Gelände des Noviziats, das in ein Lazarett umgewandelt worden war, hörte ich immer wieder verzweifeltes Stöhnen, und wir brauchten im Dunklen eine Weile, bis wir die Rufenden ausfindig machen konnten. Nie werde ich das Mädchen vergessen, das feierlich um unser Haus ging und ein Weihnachtslied sang. Ihre Stimme, die vorher sehr schön gewesen sein musste, verstärkte die unermessliche Traurigkeit dieser Szene. Im Haus erfuhr ich, dass am Nachmittag Takemoto-san, ein japanischer Student, der in der Zentrale von Noboricho im Stadtinnern wohnte, völlig verstört angekommen sei und die Nachricht von der totalen Zerstörung Hiroshimas gebracht habe. Die Insassen der Zentrale seien in höchster Lebensgefahr, in den Asano-Park geflohen, aber auch der brenne. Takemoto-san sei sofort wieder mit einer Gruppe von Mitstudenten in den Asano-Park zurückgegangen. Der Professor, der auch am Vormittag mit mir gegangen war, und ich machten uns noch einmal auf den Weg, um den anderen notfalls zu helfen. Inzwischen war es stockdunkel geworden, nur von der Stadt brannte orangeviolett das Feuer. An der Shinjo-Brücke, genau an der damaligen nördlichen Stadtgrenze von Hiroshima, machten wir eine Pause. Wir setzten uns auf das Trittbrett eines offenbar ausgebrannten Busses. Ich zündete mir entgegen der Sicherheitsvorschriften eine Zigarette an. Plötzlich hörte ich aus dem dunklen Innern des Busses unmittelbar hinter mir die Stimme einer Frau. „Zigarette, bitte.“ Die Stimme war sehr schwach. Ich gab der Frau meine Zigarette. Erst in diesem Moment bemerkte ich, dass der Bus voll von Menschenleibern war, ob schlafend, verletzt oder tot, ich konnte es in der Dunkelheit nicht erkennen. Der Weg zur Stadt wurde immer mühseliger. Umgestürzte Telegraphenmasten und das Feuer von der Stadt her machten es unmöglich, vorwärts zu kommen. Zum Glück trafen wir kurz vor Mitternacht unsere Leute, die aus der Stadt kamen. Sie trugen auf Bahren die Missionare Schiffer und Lasalle, während ein dritter in wallendem Talar und Hausschuhen neben ihnen ging. Ein vierter, sagten die anderen, sei im Asano-Park geblieben, um dort den Flüchtlingen zu helfen. Prof. Helmut Erlinghagen, geb. 1915 in Hagen, war ein deutscher Augenzeuge in der Zeit von August bis Oktober 1945 in Hiroshima. 1953 bis 1983 an der Sophia-Universität in Tokio, danach bis zu seinem Tode 1994 mit Lehrauftrag in Mainz. Erlinghagen war als Spätfolge ab 1978 schwer lungenkrank.
Quellenangaben des Verfassers